Wer die Wahl hat

3 06 2009

Düppelkotte lag auf dem Schreibtisch. Er war vor lauter Erschöpfung einfach zusammengesackt. Ich labte ihn mit einem Glas Wasser und besah mir den Papierberg im Eingangskorb. „Bis zum Wahltermin kriege ich das Zeug niemals durchgesehen. Es ist völlig aussichtslos.“ So versprach ich, ihm ein bisschen zur Hand zu gehen. Man ist ja immer für Europa engagiert.

Broschüren, Wahlprogramme, endlose Stapel von DVDs mit Wahlwerbespots – was hatte das aber zu bedeuten? Düppelkotte klärte mich auf. „Das sind die, die nicht zur Wahl zugelassen wurden. Wenn Sie mich fragen, könnte man den ganzen Kram auch gleich in den Container stopfen. Aber das Europäische Parlament möchte nun unbedingt eine Aufstellung aller Gruppierungen, die sich beworben haben. Und das ist erst der Anfang. Drüben liegen noch zwei Dutzend Kartons.“ Ich blätterte. „Wenn Sie mir helfen wollen, ordnen Sie den ganzen Krempel alphabetisch. Schmeißen Sie es erst einmal in die 26 Kästen im Flur, sortieren können Sie dann hinterher.“

Und schon war ich mitten in einer wild wuchernden Parteienlandschaft, bahnte mir den Weg durchs Unterholz und sah manche skurrile Blüte aus dem Boden sprießen. Ich nahm mir eine der Broschüren. „Ah ja“, las ich, „sehr interessant. Partei zur Integration der Begriffe ‚Karneval‘ und ‚Umwelt‘ in die Frau. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“ „Mir auch“, entgegnete Düppelkotte, „vor der letzten Wahl hieß der Haufen noch Karneval im Gedenken an Frau und Umwelt. Inzwischen haben sie aber alle Mitglieder ausgewechselt, weil es zu einem Richtungsstreit kam.“ Die ehemalige Opposition, so entnahm ich einem anderen Parteiprogramm, kandidierte jetzt als fundamentalmaoistischer Flügel der Nationalliberalen Volksfront von Judäa. Ordnung muss sein, selbst in Europa.

„Bringen Sie mir die ja nicht durcheinander!“ Dabei glichen die beiden Prospekte wie ein Ei dem anderen. „Wo ist denn da der Unterschied?“ „Das eine ist die Partei des Widerstandes innerhalb der Grenzen der Vernunft, die anderen sind die Partei des nicht so ganz gemäßigten Widerstandes innerhalb der Grenzen von 1937“, versetzte er, „jeder gibt dem anderen ein Feindbild. Denn was wäre eine politische Gruppe ohne ein solches.“ Ich nickte betroffen.

Und weiter wühlte ich mich durch die Stapel von Papier. Manchmal bekam ich Schwierigkeiten, die Kataloge korrekt zu sortieren, denn das Ordnungskriterium war die jeweilige Abkürzung auf dem Wahlzettel. Was gab es da nicht alles – Frustrierte, radikale Anarchismus-Unternehmer, abgekürzt: F.R.A.U. Das leuchtete ein. „Die meisten schießen sich damit selbst ins Knie.“ Das jedoch verstand ich nicht sogleich. „Dann gucken Sie mal hier“, sagte Düppelkotte lakonisch und hielt mir ein Wahlkampfplakat unter die Nase, „Partei liberaler und marxistischer politikverdrossener SozialistInnen, das hätte sich spätestens in der Wahlkabine erledigt.“ „P-L-U-M-P-S“, buchstabierte ich halblaut. Wahrlich nicht staatstragend.

„Aber jetzt verraten Sie mal, wozu dient denn eigentlich diese Sortiererei?“ „Zunächst“, erläuterte Düppelkotte, „ist es eine bürokratische Maßnahme – also eine EU-Kernkompetenz. Teuer, aber sinnlos. Und dann möchte man natürlich wissen, wie es um die Motivation der Menschen in Europa bestellt ist.“ Er lehnte sich zurück und malte einige Kringel auf ein Blatt Papier. „Da gibt es zunächst die Sendungsbewussten. Drei Pudelzüchter finden, jetzt müsse man aber die Öffentlichkeit mal umkrempeln und dafür sorgen, dass der ganze Laden Europa dem einen, hehrsten Ziele dient: der Pudelzucht. Um nichts anderes hat sich dieser Kontinent zu drehen. Eine unangenehme Variante sind die Lobbyisten, die haben eigentlich kein anderes Ziel, als Pudelzucht steuerlich absetzbar zu machen, Subventionen in Milliardenhöhe einzustreichen und Pudelzüchter in die Aufsichtsräte multinationaler Konzerne zu befördern. Dann kommen die Sozialutopisten. Die wollen, dass es allen Menschen besser geht – wie das funktionieren soll und vor allem, wie man das bezahlt, haben sie noch nicht rausgekriegt, sie versprechen aber, sich nach dem Einzug ins Parlament mal mit der Sache zu befassen. Dann gibt’s noch die extremistischen Spinner. Denen ist es egal, ob es ihnen besser geht, wenn es nicht den anderen schlechter geht als ihnen selbst. Naja, und dann kommt der ganze schäbige Rest.“ Er winkte resigniert ab. Fragend blickte ich Düppelkotte an. „Politiker. Die echten. Meistens Juristen oder sonst nichts Anständiges gelernt, für den Arbeitsmarkt mehr oder weniger unbrauchbar. Die stören den ganzen Betrieb mit ihrem Genörgel und werden irgendwann aus dem Land gejagt. Und dann sitzen sie Parlament, wissen nicht, wovon sie reden, und spielen still-vergnügt Politik, als wäre Europa ein Sandkasten. Und so ist es dann ja auch.“

Ein neuer Schwung Wahlprogramme krachte auf den Tisch. Ich blätterte mich durch. „Wo ist denn jetzt der Unterschied zwischen Die echte CDU und Die wahre CDU?“ Düppelkotte blickte flüchtig auf. „Bei der einen macht der Clement mit. Oder war’s doch bei der anderen? Keine Ahnung. Werfen Sie’s auf den großen Haufen.“