Schweinkram

4 06 2009

„Alles in Butter!“ Der Techniker versetzte dem Gehäuse einen kleinen Klaps. „Daten gesichert, neues Netzteil, Betriebssystem neu installiert, die Kiste läuft wieder.“ Erleichtert unterschrieb ich die Empfangsbestätigung. Drei Tage zwischen Hoffen und Bangen, nur weil die Stromversorgung einen Aussetzer hat. Jetzt würde ich endlich wieder in Ruhe arbeiten können.

In der Zwischenzeit waren lange Papierfahnen aus dem Faxgerät gequollen. Der Anrufbeantworter blinkte beständig. Wo denn das Rundfunk-Feature über die Erforschung des Amazonas bleibe. Ob ich nicht endlich das vom Landwirtschaftsministerium angemahnte Loblied auf die deutsche Zuchtsau abliefern könne. Rasch brühte ich eine große Kanne Kaffee und stürzte mich sogleich ins Geschehen. Ich begann mit einer Recherche über den großen südamerikanischen Fluss und tippte etwas in die Suchmaschine. Doch kaum hatte ich die Anfrage abgeschickt, poppte ein großes rotes Schild auf dem Bildschirm auf. STOP verkündete mir der Rechner. Und da meldete sich auch schon die blecherne Stimme aus dem Lautsprecher. „Wollen Sie diese Suche wirklich ausführen?“ Ich klickte auf die Schaltfläche zur Bestätigung. „Geben Sie Ihre persönlichen Daten zur Altersverifikation ein. Sie sind im Begriff, Inhalte zu suchen, die den Moralvorstellungen des Landes, in dem Sie sich aufhalten, derzeit nicht mehr entsprechen.“

Was wollte dieser bescheuerte Kasten von mir? Ich klickte wild auf diversen Schaltflächen herum, doch nichts tat sich. Schließlich beendete sich das Programm. Ich griff zum Telefon und ließ mich umgehend mit dem Techniker verbinden. Er war im Bilde. „Warten Sie mal, welches Betriebssystem hatten Sie noch mal? Virus 2000 oder Sinnlos XY? Dann kann es sein, dass wir Ihnen aus Versehen ein Update der Datensicherheitsrichtlinie aufgespielt haben.“ Datensicherheitsrichtlinie? „Wussten Sie das nicht? Ach ja, Sie hatten ja drei Tage lang kein Internet. Eilgesetzgebung aus Berlin. Was hatten Sie denn eingegeben?“ Wahrheitsgemäß nannte ich ihm den Grund meiner Suchanfrage. „Ja, da haben wir’s doch schon“, antwortete der Spezialist, „ein obszönes Wort: Amazonasexpedition.“ Was ist daran denn unanständig? Vielleicht, dass in der Region ein paar Millionen Menschen am Rande einer kilometerbreiten Dreckbrühe vegetieren und sich von Abfällen ernähren müssen, während die Industrie für Billigsteaks in den USA den Regenwald umklappt.

„Schauen Sie doch mal genau hin, was da steht: AmazonaSEXpedition! Der Sperrfilter reagiert auf Wortbestandteile. Ganz neue Programmiertechnik. Unintelligentes Design. Fuzzy Unlogic.“ „Wie kriegt man das wieder weg?“ Er druckste ein bisschen herum. „Gar nicht. Das ist ein Nachteil an diesem Sperrfilter. Was einmal installiert ist, das kann man nicht mehr rückgängig machen. Dazu kommt natürlich der zentrale Filterkern.“ Der was? „Der zentrale Filterkern. Die Sperrregeln sind nicht auf Ihrem Computer gespeichert, sondern in einer zentralen Datenbank. Was da drin ist, weiß allerdings kein Mensch. Man munkelt, die Programmierer wüssten es selbst nicht ganz genau.“

Ich tippte erneut. „Sie sind im Begriff, Inhalte zu suchen…“ Wie gehabt. „Sie können das Ding aber überlisten“, kicherte der Computermensch, „geben Sie einfach ‚Amazonas‘ und ‚Expedition‘ getrennt ein. Das überfordert das System.“ Ein paar nervige Tastendrücke später – ich musste noch kurz auf die Verfassung schwören, einige willkürlich ausgewählte Fragen aus dem Einbürgerungstest für hessische Untertanen beantworten und mich für ein Quiz registrieren, bei dem ich dreimal am Tag eine Risikobewertung meiner E-Mail-Kommunikation gewinnen konnte – befand ich mich in den Tropen. Herrlich. Die majestätische Stille wurde nicht länger durch das klöterige Organ der Netnanny zerfetzt. Auch das Amazonasbecken ließ sich nun leicht erkunden. Beim ersten Testlauf kündigte mir Miss Blockwart noch an, das Becken sei per se ein unstatthafter Körperteil, erst ab 18 freigegeben und selbst dann ausschließlich in Begleitung von Erziehungsberechtigen zu betreten – offenbar hatte die Warneule ihre anale Phase ohne erfolgreichen Abschluss verlassen – der zweite Durchlauf gab mir einen umfassenden Überblick von Peru bis zu den Gestaden des Atlantik. Ich war’s zufrieden und söhnte mich aus mit der besten Regierung, die man für Geld bekommen könnte.

Jetzt noch schnell die Sau rauslassen, dann war der Tag erledigt. Wie zuvor gab ich alles fein säuberlich getrennt ein und landete manch schönen Treffer, unbemerkt vom fest installierten Zuchwart, der fein die Schnauze hielt. STOP verkündete das Schild plötzlich. „Sie pädophile Drecksau!“ Unentwegt ätzte die Stimme. „Sie sind ein Pädokrimineller! Das wird Konsequenzen für Sie haben!“ Der Bildschirm war gefroren, die Kiste reagierte nicht mehr. Hektisch hackte ich auf der Tastatur herum. Noch immer fistelte mich der Lautsprecher an. In höchsten Tönen überschlug sich das Unterleibsfalsett. Ich zog den Netzstecker.

„Gut gemacht“, bestätigte der Profi am anderen Ende der Leitung, „wenn Sie ausschalten, können die Ihre Verbindung nicht mehr kappen und in die Datenbank eintragen. Aber sagen Sie mal, sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“ Verwirrt fragte ich, was ich denn falsch gemacht hätte. War ich am Ende zoophil und wusste es nur noch nicht? „Ich bitte Sie, wer gibt das in eine Suchmaschine ein? Sind Sie etwa lebensmüde? Schweine Bilder?“


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5 responses

4 06 2009
wortteufel

Das ist der mit Abstand beste Post, den ich zum Thema Netzsperre lesen durfte.

4 06 2009
bee

Danke 🙂

Leider wohl auch ziemlich dicht an der Realität.

4 06 2009
wortteufel

Leider, ja.

5 06 2009
Donkys Freund

😀
Tipp: Die Schweine-Wörter einfach drei mal aus-x-en.

5 06 2009
bee

Ob die Suchmaschinen dann noch Treffer liefern? Wenn ja, dann hätten wir ein Problem mehr.

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