Männersache

9 06 2009

„Jetzt komm schon. Stell Dich nicht an wie ein Mädchen. Außerdem hast Du es versprochen.“ Was nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach. Richtig ist, dass ich weder ein Mädchen bin noch jemals eins war. Richtig ist aber auch, dass ich Anne niemals versprochen hatte, sie beim Einkaufen zu begleiten. Mit der Rührschüssel in der Hand hatte sie mich gefragt, ob ich ihr helfen könnte – kaum hatte ich bejaht, da hatte sie auch schon Schüssel, Schürze und den ganzen Rest in der Küche verstaut, mich ins Auto getragen und mir mitgeteilt, dass sie einzukaufen gedenke.

Was auf den bunten Bannern stand, die über die Straßen gespannt waren, hatte ich im Fahren nicht entziffern können. Hier auf dem Parkplatz war alles normal, beim Betreten der Fußgängerzone jedoch las ich es auf einer der Standarten: Viel Spaß am Männertag! Was war das wieder für ein Unsinn? Reicht es nicht, wenn man an Himmelfahrt kein Bier mehr an der Tankstelle bekommt, weil die Jugendlichen unvermittelt ihre väterliche Seite entdecken? „Wieder so ein Schnickschnack vom Einzelhandel“, teilte mir Anne mit, „einmal im Quartal soll die Innenstadt männergerecht gestaltet werden, damit Ihr auch mal schön shoppen könnt.“

Ich war gewarnt. Doch ich hatte nicht erwartet, dass mich im Eingangsbereich des Kaufhauses pure Verzweiflung übermannen würde. Lauter schlecht rasierte Kerle in fleckigen, karierten Flanellhemden standen da. Anne hielt an einem Kleiderständer und streckte mir ein Jackett hin. „Probier mal, es sieht sehr bequem aus.“ Es musste mein Glückstag sein, erst wurde ich gekidnappt, dann durfte ich auch noch in eine blau karierte Jacke steigen, die bei mit ästhetischem Feingefühl ausgestatteten Betrachtern sofort zu schweren Magenschmerzen geführt hätte.

Das Ding passte natürlich vorne und hinten nicht. So sehr ich auch krempelte, ich sah meine Fingerspitzen nicht. „Das ist so geschnitten“, informierte mich der Verkäufer.“ „Besten Dank“, gab ich zurück, „ich hatte schon befürchtet, Ihr Blindenhund hätte mir die Arme abgebissen.“ Drei Stücke später wurde er vertraulich. „So eine hatte ich nämlich auch mal. Lange her. Damals beim Panzergrenadierbataillon.“ Ich hielt es für passend, ihn auf meinen Antimilitarismus hinzuweisen, um weiteren Kasernengeschichten vorzubeugen. „Ganz ruhig! Da hinten ist unsere Grillzone, da können Sie sich entspannt eine Wurst zubereiten.“ Ich wollte keine Wurst, ich wollte raus aus diesem Irrenhaus. Offenbar hatte der Einzelhandelsverband sich die Sache von der Frauenbeauftragten einreden lassen.

Anne bugsierte mich sanft eine Etage höher ins Restaurant. Lauter Männer saßen an den Tischen und rührten ihre Gläser nicht an. Glasige Blicke hefteten sie auf den Ferrari, der auf der Drehscheibe in der Mitte des Geschosses um seine eigene Achse kreiste. „Eine PS-Peepshow“, stöhnte ich, „bring mich so schnell wie möglich hier weg.“ Doch da war auch schon die Bedienung am Tisch. Sie trug neben dem Tablett lediglich ein kurzes Höschen und ein drei Nummern zu enges Leibchen. „Hi Süßer“, lispelte sie und beugte sich so weit vor, dass ihre Oberweite mir fast ins Gesicht klappte, „was darf’s denn sein für Dich?“ Ich schob sie von mir weg und orderte einen Espresso. Korrekt und etwas gestelzt erkundigte sie sich nach Annes Wünschen. Dann warf sie mir noch einen lüsternen Blick zu, wackelte aufreizend mit dem Hintern und entschwand hüftschwingend an den Tresen.

„Was hat das alles hier zu bedeuten?“ Ich war nachhaltig verstört. Doch nur einen Moment später trat ein dunkelhäutiger Mann an unseren Tisch. Die abgefeimte Strategie von Rosenverkäufern macht einen Mann machtlos – hat er sein Opfer entdeckt, zückt er einen riesigen Strauß angewelkter Blumen, damit der Delinquent zwischen zwei Todesarten auswählen kann. Entweder er kauft einen der im Zustand fortgeschrittener Verwesung befindlichen Blütenstiele und hat zwölf Stunden später Ärger, weil die Dame weder an Pflanzenphysiologie noch am Verursacherprinzip Interesse hat, oder er kauft eben keine Rose. Das hat den Vorteil, dass er den Stress ad hoc bekommt und damit hinter sich hat.

Der Mann zog ein Köfferchen hinter dem Rücken hervor und lächelte Anne an. „Wolle Akkuschrauber kaufe?“ Offensichtlich hatte die Frauenbeauftragte außer Gender Mainstreaming noch ganz andere Drogen geschmissen.

Der Verkäufer an der Käsetheke hatte mir schließlich noch ein problemorientiertes Gespräch über vorzeitigen Haarausfall aufzudrängen versucht und tastete sich nach einigen Volten zu Penisgröße und erektiler Dysfunktion in Richtung Schnarchen, als ich die Beherrschung verlor. „Das hast Du doch alles gewusst“, zischte ich Anne an und schmiss den Käse in den Einkaufswagen, „Du hast mich ins offene Messer laufen lassen. Warum schleppst Du mich in diesen Mist, wenn Du genau weißt, dass ich derlei Schwachsinn hasse wie die Pest?“ Kleinlaut gestand sie, von der Aktion aus der Zeitung erfahren zu haben. Sie wollte mir eine Freude machen. Ich tobte. „Und deshalb muss ich mir von dieser Hooters-Tusse mit den Titten vor dem Gesicht herumwedeln lassen, weil einige Primaten denken, die Kunden seien genauso einfach strukturiert wie sie selbst?“

„Darf ich Sie nach Ihrer Zufriedenheit als Kunde befragen?“ Die Hostess zückte einen Kugelschreiber und wollte schon das erste Kreuzchen auf dem Fragebogen setzen, da riss ich ihr das Klemmbrett aus der Hand und schleuderte es zu Boden. „Das ist der größte Unfug, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe!“ Sie sah mich vollkommen ratlos an. „Das bezeichnen Sie als geschlechtersensible Herangehensweise? Wo ist hier der soziopolitische Aspekt? Machen Sie sich etwa einen Spaß daraus, mich mit ihrem Trallala zu diskriminieren? Unterhalts- und Sorgerechtsfragen interessieren Sie wohl gar nicht? Haben Sie mich gerade gefragt, ob ich eine Beziehungskrise erlebe? Ich kann mich nicht erinnern!“

Anne schnallte sich an und weigerte sich, auf der Fahrt auch nur ein Wort mit mir zu wechseln. Sie schmollte. Nur, weil mir die Interviewerin ihre Telefonnummer zugesteckt hatte. Was verständlich war. Schließlich begegnet man heutzutage nur höchst selten einem richtigen Mann.