Selbst ist der Mann

11 06 2009

„Bitte kommen Sie so schnell wie möglich!“ Herr Breschke hatte völlig die Nerven verloren. Seine Stimme klang gebrochen und voller Verzweiflung. „Ich weiß nicht mehr, was ich noch tun soll. Die Kiste hat sich in ein Monster verwandelt. Gleich dreht sie durch! Kommen Sie schnell!“

Tatsächlich war die Lage ernst, auch wenn sich Breschke eigentlich selbst hineinmanövriert hatte. Sein neues Auto hatte bereits nach einem halben Jahr die ersten Aussetzer; zwar ließen sich die Seitenscheiben vermittelst des elektrischen Fensterhebers noch bis zum Anschlag in die Türen versenken, dann jedoch quittierte das Bauteil den Dienst und weigerte sich beharrlich, elektrisch oder nicht, die Fenster auch wieder zu heben. Diverse Frischluftfahrten später entschied sich die Hupe, etwaige Linkskurven des Kraftwagens mit einem Dauerton zu begleiten, der sich nicht wieder abstellen ließ. So wusste die ganze Straße nun jeden Morgen, wann genau Breschke das Gefährt vom Straßenrand entfernte, um Frühstücksbrötchen zu besorgen. Schließlich entdeckten ihn spielende Kinder, wie er in höchster Furcht von innen gegen die nunmehr geschlossenen Scheiben hämmerte. Die zentrale Türverriegelung hatte in einer heiteren Regung entschieden, den Tag der offenen Tür zu beenden und die Kiste luftdicht abzuriegeln. Der pensionierte Finanzbeamte wähnte jämmerlich zu ersticken. Bismarck, den dümmsten Dackel im weiten Umkreis, hatte das weniger beeindruckt. Er lag in seligem Schlummer auf dem Beifahrersitz und dachte gar nicht daran, seinem Herrchen in den Tod durch Sauerstoffmangel zu folgen. Er wurde nur recht unsanft aus dem Wagen entfernt und prallte gegen den Schalthebel, da er – seine Lieblingsbeschäftigung hatte er nicht aufgegeben – seine Leine um Breschkes Beine gewickelt hatte.

Der Alte fluchte wie ein Kutscher. „Diese verdammte moderne Technik“, schimpfte er, „wer soll denn das noch verstehen! Kaum kauft man sich einen deutschen Wagen, wird man von asiatischen Computern überlistet!“ Die Scheibenwaschanlage hatte bereits ihre Flüssigkeit verspritzt und püstelte nur noch leise Luft in die Höhe, während die Scheibenwischer knarzend begannen, Gummiabrieb auf dem Glas zu verteilen. „Das müssen Sie sich mal überlegen – zwölf Euro wollten die in der Werkstatt haben, obwohl es ein Garantiefall ist! Ich zahle doch keine Bearbeitungsgebühr, wenn das Auto erst ein halbes Jahr…“ Weiter kam er nicht. Ein ohrenbetäubendes Hupen zerriss die Luft. „Man muss die zweite Strippe von rechts abziehen“, schrie Breschke, „dann hört das Hupen auf!“ Ich war schneller. Mit einem beherzten Griff hatte ich den Zündschlüssel umgedreht. Das Signalhorn war ruhig. Bismarck aber lag auf dem Beifahrersitz und träumte von Gartenzwergen.

„Mal im Ernst“, sagte ich, „Sie kennen sich doch mit Mechatronik nicht aus. Warum montieren Sie hier an Ihrem Auto herum, statt es in die Werkstatt zu fahren?“ Herr Breschke hatte kein Einsehen. Zwölf Euro Bearbeitungsgebühr war er nicht zu zahlen gewillt. Außerdem sei das sein eigener Wagen. Niemand habe ihm da reinzureden. Und das bisschen Handwerkszeug – selbst sei schließlich der echte Mann!

Die auf einem Küchenhandtuch ausgebreiteten Werkzeuge – ein rostiges Küchenmesser, eine Kombizange und ein Kreuzschlitzschraubendreher – zeugten von generalstabsmäßiger Vorbereitung der Operation. Vermutlich hatten die Instrumente bereits bei eine tragende Rolle gespielt bei der Instandsetzung der Wasserleitung, die direkt in das Fallrohr mündet. Nur einen Tag hatte die Feuerwehr benötigt, um den Keller von Breschkes Bungalow leer zu pumpen. Mehr hatten die Nachbarn vom sanften Röhren der Trocknungsgeräte, das in den Sommerhimmel stieg, bis der Herbst einsetzte.

„Ich zünde jetzt wieder.“ Breschkes fragender Blick sprach Bände. „Schließlich müssen wir ja wissen“, erklärte ich, „ob sich die Fehlfunktion abstellen lässt.“ Der Schlüssel drehte sich, die Wischer knirschten. Verwirrt blickte ich in den Motorraum. „Was hat das da zu bedeuten?“ Ein viel zu breiter Stecker saß in einem Kontakt, offenbar hatte ihn Breschke mit Gewalt hineingetrieben. Ich könnte das Kabel nicht lösen. Auch die Hupe hupte. „Flachzange!“ Breschke blickte böse. „Die Zange! Wie soll ich das Ding denn herausziehen?“ Wie ein Chirurg beugte ich mich in den offenen Schlund der Karre. Hier kappte ich einen Draht, da stöpselte ich einen anderen ein. Noch immer lärmte die Sirene. Unvermindert krächzten die Wischer. Da hatte ich eine Idee. „Sind nicht etwa die Scheibenwischer aus Versehen an?“ Breschke stieg auf den Fahrersitz und vermeldete, dass dem nicht so sei. „Dann schalten Sie die Dinger jetzt mal scharf.“ Wie durch ein Wunder blieben die Gummilippen stehen und das markerschütternde Getute hörte auf. Die Warnblinkanlage lief unterdessen Amok und die Scheinwerferdusche pinkelte mir ans Bein.

Da passierte es. Bismarck hatte sich mit der Leine in der Fahrertür verheddert und zog sie von innen zu. Der Fensterheber hob die Fenster. Breschke war gefangen. Hektisch gestikulierte er. Griff sich an die Kehle und ans Herz. Ich zögerte nicht. Das Handtuch legte ich mir um den Ellenbogen und drückte beherzt die Seitenscheibe ein. Glas splitterte. Herr Breschke taumelte mir japsend in die Arme. „Gott sei Dank“, röchelte er, „das war wirklich in letzter Sekunde! Wenn ich Sie nicht gehabt hätte – das hätte mich teuer zu stehen kommen!“