Gernulf Olzheimer kommentiert (XI): Alleswisser

12 06 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der durchschnittliche Mensch unterscheidet sich in allerlei unveränderlichen Kennzeichen – Augenfarbe, An- oder Abwesenheit von Zähnen, Grad der krankhaften Adipositas – sowie erworbenen Merkmalen. Jeder ist nun mal seines Glückes Schmied und greift zu diesen oder jenen Ingredienzien, um sein Dasein auf diesem Planeten einigermaßen individuell zu gestalten. Während eher einfach strukturierte Gemüter sich bunte Muster unter die Epidermis pflügen lassen, greift der dem komplexen Habitus Geneigte zu einer höchst vielschichtigen Form, den gesellschaftlichen Background zu transzendieren. Er eignet sich Wissen an. Schon die Verlagerung des gesunden Schlafs von den Schul- in die Nachtstunden bringt ihm die Kenntnis der Grundrechenarten ein. Gelehrsame Exemplare können auf Anhieb den Unterschied zwischen einer Briefmarke und einem Alligator erfassen, was ihnen in entsprechender Situation einen taktischen Vorteil und erhebliche bessere Überlebenschancen sichert. Ganz oben auf der Skala rangiert der, der Lukasa als Hauptstadt von Sambia identifiziert.

Ganz unten turnen die Bekloppten mit, die zwar nicht wissen, was Sambia genau ist, aber schon mehrfach in Lukasa gewesen sein wollen. Kaum kommt das Gespräch einer halbwegs illustren Runde von Alkoholkonsumenten auf Gambia – eine eher kleine Einbuchtung an der Westküste, die sich jedoch nach diversen Alkaloiden in der Blutbahn ähnlich verschwiemelt ausspricht – schon leert der Intelligenzsimulant seine Luftblasen in die wehrlos erstarrte Gegend und sondert Halbwissen ab. Bis hierhin hätte man ihn für einen Blender halten können, der sich seine relative Wirklichkeit aus fixen Ideen strickt, um noch im größten Dickicht der Unwissenheit als Leuchtturm der Universalbildung zu erscheinen; über die Stufe des Besserwissers, der in punkto Funkenflug eher auf dem Niveau von Knallfröschen anzusiedeln ist, hangelt er sich bis zum Alleswisser herab. Ist der Bodenkontakt erreicht, so infiziert er andere Bescheuerte.

Der Alleswisser weiß, versteht und kennt alles. Er hat alles gelesen, gesehen und gehört, was je die geistige Umwelt verschmutzte. Im Kontakt zu harmlosen Schwätzern, die sich als Afrika-Experten ausgeben, weil sie bereits mehrmals Bildbände über den schwarzen Kontinent von außen betrachtet haben, brillieren sie durch profunde Kenntnis der Materie – sie haben den jeweils letzten in der Library of Congress verzeichneten Aufsatz über Elefantenzucht zufällig auch gerade gelesen, waren auch ein Jahr zuvor in Angola und hatten auch bis vor kurzem eine Einwandererfamilie im Obergeschoss wohnen, die dem Verzehr gerösteter Vogelspinnen nicht abgeneigt war. Statt zuzugeben, dass er beim letzten Differenzierungsversuch von Briefmarke und Alligator Tuchfühlung mit dem modernen Prothesenbau bekommen hat, würde der Alleswisser lieber kurzerhand behaupten, Gott zu sein und beim Absturz des Raumschiffs das Gedächtnis verloren zu haben.

Die perfekte Katastrophe droht dann, wenn der vereinzelte Homo sapiens in eine Herde von Alleswissern gerät. Schutzlos ist er der kranken Vorstellungskraft der Schaumschläger ausgeliefert, die ihn mit ad hoc zusammengesabberten Namen, Daten und Zahlen einkleistern: Hans von Bismarck hat mit Hilfe einer elektrischen Nudelmaschine das persische Weltreich begründet, erfand nebenbei den Fallstromvergaser und fand beim Einmarsch der Massageten in Bottrop den Tod durch vergifteten Würfelzucker – staatlich approbierte Wahrheiten, wie sie jeder Alleswisser im Großgebinde auswürgt, auf dass alle anderen Behämmerten eifrig mit dem Hohlschädel nicken.

Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass der Alleswisser den Trickster unter den amorphen Lebensformen zwischen Schwamm und Qualle darstellen. Er wechselt Zellstruktur, Geruch und Farbe schneller, als ein Fernfahrer im Sekundenschlaf benötigt, um von der rechten Spur die Leitplanke zu finden: eben noch internationale Koryphäe für anorganische Chemie und langjähriger Schüler von Russ Meyer, jetzt schon ausgewiesener Experte für Behaviorismus im Spätmittelalter. Er stapelt sich bis zur Decke hoch und wird erst dann zwangsgeerdet, wenn sich in sein Publikum der einzige natürliche Feind einschleicht, der ihn erbarmungslos zur Strecke bringen kann. Der Fachmann. Von Natur aus still und verschroben, erledigt er den Alleswisser durch einen kurzen, nachhaltigen Genickbiss, nachdem er ihn hinterhältig in die Enge getrieben hat – das von Steve Mutter herausgegebene Gesamtwerk des polnischen Nationaldichters Sammy Kolon enthält keine Seite 182, da es nicht erschienen ist. Pech gehabt. Knochen knacken, ein kurzes Pfeifen kündigt das Ende einer Existenz an. Wieder ein Bekloppter weniger. Es steht zu hoffen, dass er vorher niemanden mit in den Abgrund gerissen hat.