Kollapskreislauf

15 06 2009

Er klopfte den Papierstoß erst einmal auf den Schreibtisch, bevor er ihn durchblätterte. Aber so ist Birnberger, ordentlich, akkurat, man könnte es auch als kleinlich bezeichnen. Dafür hat man aber auch einen Steuerberater.

„Gut, dann wollen war mal sehen, was wir rausholen.“ Mit pinzettenhafter Grazilität lupfte er die Ecken, um ja keine Eselsohren in den Blätter zu hinterlassen. Hier und da machte er eine kleine Notiz auf dem Schreibblock. Und schon hatte er etwas entdeckt, das ihm ein freudiges Lächeln entlockte. „Ah ja, Sie haben sich mal wieder von Ihrer, wie soll ich sagen…“ Das stimmte, Hildegard war vergangene Woche ausgezogen, und ich hatte die Angelegenheit – drei Stunden nächtliches Geschrei, denn ich war ja daran Schuld, dass Herr Breschke sie wegen seiner Magenverstimmung nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen hatte, und so warf sie das zweite Murano-Schälchen auf den Küchenboden – als außergewöhnliche Belastung deklariert. Was Hildegard betrifft, so ist sie an sich schon jenseits jeglicher Zumutbarkeitsgrenze, steuerrechtlich ungefähr mit den Aufwendungen für Fluchthilfe zu vergleichen.

Birnberger schlug in der Loseblattsammlung nach und hatte im Nu den Passus gefunden. „Das ist jetzt die Neuregelung des Ehegatten-Splitting, wo Sie außereheliche Verbindungen als abwrackfähig angeben können.“ Ich stutzte. „Das heißt, ich bekomme eine Prämie, wenn ich… also bitte, das ist doch albern! Wer hat sich denn diesen Unfug bloß ausgedacht?“ „Meine Güte“, sagte Birnberger mit erstauntem Augenaufschlag, „Sie haben wohl den kompletten Wahlkampf verpasst? Was die sich alles an Geschenken ausgedacht haben – lassen Sie bloß das Geld nicht auf der Straße liegen!“

Er reichte mir die Verordnung, und tatsächlich: gegen eine Quittung würde mir der Fiskus den erlittenen Schaden erstatten, falls ich eine generelle Neuverbindung nicht ausschließen wolle. Und bei Hildegard weiß man das nie; eine Woche später könnte sie schon wieder Hals über Kopf bei mir einziehen, wenn sie in ihrer neuen Bleibe nicht genug Platz für ihre Handtaschensammlung hätte.

„Das ist ein Paradigmenwechsel. Früher wurde der Bürger für mehrheitskonformes Leben belohnt – brav arbeiten, viel konsumieren und jede Menge Eigenheime in die Gegend bauen – heute hat sich die Sache umgekehrt.“ „Sie meinen, man wird jetzt für Fehlverhalten belohnt? So wie Manager mit Boni?“ „Sie begreifen“, bestätigte Birnberger, „die Zusatzleistungen werden jetzt nach neuen Kriterien vergeben. Ein Einkaufsgutschein für 50 Euro, wenn Sie eine illegale Waffe zurückgeben – früher wären Sie dafür vor Gericht gekommen. Schauen Sie mal auf Ihre Krankenversicherung. Die könnten Sie doch auch einsparen.“ Sollte ich etwa ohne Versicherungsschutz leben? „Wenn Sie sich dieses Quartal noch freiwillig abmelden, bekommen Sie den Kassenverweigerungsbonus. Macht im Monat für Sie gut 400 Euro.“ „Das ist doch purer Unsinn, da kassieren die Leute das Geld und stecken es in eine private Krankenversicherung.“ Er korrigierte mich. „Das freilich dürfen Sie nicht. Die Prämie ist nämlich zweckgebunden. Was Sie aber mit der Zweitwagen-Nichtbesitzprämie machen, das ist Ihre Sache. Die können Sie der Krankenversicherung geben. Danach kräht kein Hahn.“

So lief der Hase. Deutschland wird heimlich abgewrackt und die Steuerlast verteilt sich von unten nach oben um.

„Wenn Sie ganz auf Ihre Steuererklärung verzichten, bekommen Sie ja auch einen Bonus. Das lohnt sich für Sie natürlich nur, wenn Sie sowieso vorhatten, Steuern zu hinterziehen. Eine völlig neue Form von negativer Einkommenssteuer, nicht wahr?“ Da war etwas dran. Außerdem hatte ich neulich ein paar alte Bücher nicht zum Flohmarkt getragen, sondern sie der hiesigen Volkshochschule gestiftet und kam somit für die Rückerstattung nach Kochs Konjunkturpflegestufe in Frage. Zusammen mit dem Einkaufsgutschein für die Entsorgung meines alten Rasenmähers könnte ich mir von dem Geld fast eine neue Couch leisten – falls ich die alte in Zahlung geben würde. „Wenn Sie auch noch Ihre Rentenversicherung ein bisschen kürzen, könnte das reichen“, rechnete Birnberger, „auf jeden Fall sollten wir auch den Solidaritäts-Zuschlag mit berechnen. Der kommt dann zwar hintenrum doch irgendwie wieder mit rein, aber das bezahlen dann die Rentner als Aufschlag für die Steuern auf ihre entgangenen Bankzinsen. Oder irgendwie so, genau blicke ich da auch nicht mehr durch.“ Und er kratzte sich wirklich ein bisschen ratlos am Kopf.

„Also, mein lieber Birnberger“, fragte ich, „jetzt erklären Sie mir doch mal, wie die ganze Sache denn nun eigentlich funktioniert. Es wird uns auf der einen Seite aus den Taschen gezogen, auf der anderen Seite wieder rein gesteckt, und der ganze Aufwand ist völlig umsonst?“ „Umsonst nicht“, knurrte er, „aber vergeblich. Die Staatsfinanzen sind marode, und als Therapie schlägt man einen kollabierenden Kreislauf vor. Inzwischen bekommen Sie sogar Ausgaben für Flaschenpfand erstattet.“ „Nun gut, was würden Sie denn als Fachmann vorschlagen, um die Sache zu rationalisieren?“ Birnberger ließ den Bleistift fallen. „Schicken Sie das ganze Geld doch gleich an die Bundesbank. Da landet es ordnungsgemäß im Schredder.“