Der Schlüsselflüsterer

16 06 2009

Jonas strahlte vor Begeisterung. „Wie haben Sie das nur hingekriegt? Das grenzt ja an Zauberei!“ Adomeit lächelte zurückhaltend. „Keine Hexerei. Gar nicht! Ich beobachte nur ein bisschen, und meist ist es das Nächstliegende – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Und tatsächlich hatte er Jonas’ Autoschlüssel innerhalb einer Minute gefunden.

„Die Sache ist eigentlich ganz einfach. Sehen Sie mich als eine Art Mentalisten.“ Adomeit stellte sich unter die Eingangtür. „Ich komme nach Hause. Das Telefon klingelt, ich habe also keine Zeit, den Schlüssel an den Haken zu hängen, der allerdings kaum abgenutzt ist – im Gegensatz zu dem kleinen silbernen Schälchen auf der Garderobe, das schon erhebliche Kratzspuren aufweist. Ein nachlässiger Mensch wirft den Schlüssel in die Schale, er nimmt sich keine Zeit, ihn ordentlich zu verstauen, wo er ihn sofort griffbereit fände.“ Jonas blickte verdutzt. „Er hat Recht! Und wie sind Sie auf das Sofa gekommen?“ Adomeit schmunzelte. „Ihre Hose hat Sie verraten.“ Das leuchtete keinem von uns ein, so erklärte es der Schlüsselflüsterer. „Sie ist ziemlich weit geschnitten, hat ausladende Taschen und auf dem rechten Knie einen verhältnismäßig frischen Fleck.“ Was hatte der Fleck auf Jonas’ Knie mit dem Schlüssel zu tun? „Denken Sie logisch. Was tut man, wenn man gerade nach Hause gekommen ist? Man öffnet eine Flasche Bier und setzt sich vor den Fernseher. Daher haben Sie sich aufs Sofa gesetzt, besser gesagt: Sie mussten sich ganz nach hinten lehnen, damit Sie die Bierflasche auf Ihrem Knie abstellen konnten. Sie sind Rechtshänder, das habe ich schnell erkannt. Aus der weiten Hosentasche ist der Schlüsselring zwischen die Polster gerutscht. Et voilà!“ Er schaute uns triumphierend an.

„Wenn wir einmal dabei sind, wo könnte sich die Kreditkarte versteckt haben, die ich seit heute Vormittag suche? Ich habe sie noch nicht sperren lassen – ich weiß, man soll das sofort tun, aber…“ „Kein Grund zur Panik. Geben Sie mir bitte Ihre Geldbörse.“ Ich zog sie aus der Anzugtasche, doch er beachtete das Portemonnaie gar nicht weiter. Da griff er nach meiner Hand und steckte sie in die Außenseite meiner Jacke. Durch den Stoff ertastete ich etwas Flaches, Hartes, Biegsames. Die Karte.

„Ganz einfach“, erläuterte er, „Sie ruckeln beim Ziehen der Börse – die Innentasche ist rissig, da der Anzug alt ist. Sie tragen ihn gern, die Ärmel sind an den Unterseiten der Manschetten rau. Es stört Sie nicht, dass das Futter nachlässt. Durch einen Schlitz in der Tasche ist die Karte ins Innenfutter gerutscht. Darf ich?“ Mit einer fixen Handbewegung stülpte er das Jackett um und zog die Kreditkarte heraus.

Anne hatte zwei Tage lang die Wohnung auf den Kopf gestellt. Zumindest sah es so aus, denn sie fand den Tizian nicht mehr. Adomeit pfiff durch die Zähne. „Ein Gemälde fundsicher zu verlegen, das ist mir allerdings auch noch nicht untergekommen.“ Mit knappen Worten informierte ich ihn, dass es sich zwar um ein Meisterwerk des koloristischen Realismus handelte, allerdings in Gestalt eines Lippenstiftes. Der rötlich goldene Ton schmeichelte Annes zauberhafter Renaissanceblässe; wenigstens war sie selbst dieser Ansicht.

Adomeit betrat zielstrebig das Schlafzimmer und fand das schwarze Seidencomplet auf dem Bügel vor. „Sie haben es vorgestern in der Oper getragen. Ebenso die Schuhe, die leicht nach vorne versetzt unter dem Regal stehen, da Sie sie noch nicht wieder einsortiert haben.“ Anne schaute ihn leicht verständnislos an. „Ist das Ihr Ernst? Diese Schuhe zu dem Rocksaum?“ Sie griff nach einem Paar aus der dritten Etage von oben und hielt sie dem Dingedetektiv unter die Nase. „Die hier habe ich getragen. Es sind ja die einzigen, die zum Rock einigermaßen passen.“ Es hätte ihm sofort auffallen müssen, schließlich waren die Absätze um einen knappen halben Millimeter höher. Oder waren es die beim anderen Paar?

Jetzt ging er auf Nummer sicher. „Welche Handtasche hatten Sie dabei?“ Anne wusste es nicht mehr genau; es müsse sich um eine kleine, flache Bügeltasche gehandelt haben, schließlich hatte sie beide Hände gebraucht, um das Champagnerglas zu halten und simultan das warme Würstchen zu verspeisen, dessen Teller ihr der Begleiter hinhielt zwecks Stippens in den Senfklecks. Der Begleiter, der übrigens ich gewesen war, erinnerte sich an eine goldene Schließe auf der Tasche. „Das haben wir gleich.“ Adomeit öffnete die Schranktür. Im letzten Moment konnte ich ihn wegreißen, bevor unzählige Handtaschen ihn unter sich begraben hätten. Keine Viertelstunde später hatten wir das Ding lokalisiert. Es war schwarz, bebügelt und trug einen Zierknopf, wenngleich aus Messing. „Dass Männer ein derart miserables Gedächtnis haben“, grummelte Anne, „ich mache mich für Dich hübsch, und Du? Wenn’s nach Dir ginge, könnte ich im Bademantel in die Oper kommen!“ Was mit dem Lippenstift nichts zu tun hatte, aber Hoffnungen in mir weckte.

Der Fahnder knipste die Tasche auf und zog den Lippenstift heraus. „Da ist er ja!“ Der Stift war leer, genauer: derart eingetrocknet, als hätte Tizian selbst mit den Resten die Kirschenmadonna bemalt. Anne brauchte ihn, um sich immer rechtzeitig daran zu erinnern, dass Lippenstifte zu Ende gehen können – sie trug ein Mahnmal irdischer Vergänglichkeit mit sich herum. „Tja, Mister Suchmaschine“, höhnte sie, „wo ist nun der Tizian? Na?“ Adomeit stöhnte gequält auf. Da fiel ihr Blick auf den Toilettentisch. Zwischen drei Dutzend Lippenstiften lag das Stück. Es war schlicht umgefallen – logisch, dass man eine horizontale Hülse vorsorglich auslässt und sich auf die stehenden Stifte beschränkt. Resignierend schauten wir einander an, während Anne den tiefroten Stift aus der Kapsel drehte. „Er passt nur zu einem messingfarbenen Zierknopf, weil er eine Spur von Purpur enthält.“ Dann wandte sie sich an Adomeit. „Was Sie betrifft, ich gebe Ihnen einen guten Tipp. Logik scheint nicht so Ihr Ding zu sein. Probieren Sie’s doch mal mit Psychologie.“