Gernulf Olzheimer kommentiert (XII): Fußgängerzonen

19 06 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nachdem die ersten Primaten sich entschlossen hatten, ihr Leben ebenerdig zu verbringen, war die Blüte des Städtebaus nur noch eine Frage der Zeit. In Jericho wurde die Stadtbefestigung erfunden, Çatal Hüyük entwickelte den jungsteinzeitlichen Grillspieß, der noch heute als Dönerduft durch die Innenstädte zieht, Ur platzierte Verwaltungsbauten mitten in der City, um beim täglichen Gang zum Amt für Auspeitschungsangelegenheiten einen Mitnahmeeffekt beim örtlichen Einzelhandel zu erzielen. Schlimm wurde es dann in Babylon, wo Bekloppte im Bauamt hockten und Prachtstraßen anlegten, um dem Ausfall von Volksaufläufen einen Riegel vorzuschieben. Die Sache wirkt noch heute.

Was sich seither gewandelt hat, ist höchstens das Material. Die fußläufigen Zonen unserer Städte bestehen nur noch optisch aus gestampftem Lehm in Verbindung mit Drahtgerüst, Holzschreddermüll und Stoffwechselendprodukten; dahinter verbergen sich hochtechnisierte Werkstoffe wie Waschbeton, in dessen verschwiemelten Schüsseln und Kästen sich struppiges Straßenbegleitgrün ungeschlechtlich mit den morschen Gehwegplatten paart, und Glas, das die übermütige Jugend zu nächtlicher Stunde im Rauschzustand beschmiert und zerdeppert, um der trostlosen Atmosphäre einen Hauch von Vitalität zu verleihen; schließlich gehört der Tod zum Leben. Auch ansonsten agiert der kreative Knallkopf seine Fieberfantasien meist auf öffentlichem Grund aus. Immerhin wird er von den klammen Kommunen dafür fürstlich bezahlt, Zahnstocher und ähnliches Getier überdimensional aus Aluminium zu fertigen und als Beleuchtungskörperimitate neben den Gehwegen zu montieren. So können die juvenilen Komasäufer mehr sehen, haben freies Schussfeld und bemerken die Ordnungskräfte frühzeitig.

Überhaupt bieten postmoderne Fußgängerzonen ein optimales Testfeld für psychologische Studien. Nirgends sonst wird das Massenverhalten der Behämmerten derart transparent nachvollziehbar. Mit chirurgischer Präzision beobachten Forscher, wie junge Mütter ihre Brut im Buggy zielgenau auf der Mittelspur parken, um kurz die kosmetische Gestaltung der Frontpartie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Die auftreffenden Partikel in Form von Radfahrern, Touristengruppen oder Ehegatten mit Plastetragetaschen zelebrieren ein Feuerwerk des wechselseitigen Anrempelns, Um- und Überfahrens sowie der kollektiven Aggression, die zunehmend körperlich wird. Nicht nur Konfliktforscher und Mitarbeiter renommierter Teilchenbeschleuniger finden hier ihr Arbeitmodell, auch die Entwicklung von Verkehrsleitsystemen und Staustufen wird hier zur Perfektion getrieben, den Erkenntnisgewinn über Massenpanik einmal ganz ausgenommen, denn keine Stampede tobender Büffel würde eine Herde grasender Lasttiere so nachhaltig als Zebrastreifen in den Steppenboden trampeln, wie es eine Rotte Konsumenten am verkaufsoffenen Samstag mit den Angehörigen des anderen Stamms bewerkstelligt.

Eng angelehnt an die Seelenwissenschaftler erobert sich sein schmarotzender Kulturfolger das Areal. Mit harmloser Miene ergeht sich der Bürger im anheimelnden Mörtelambiente von Baustellen, aufgelassenen Kaufhäusern und der zielgerichteten architektonischen Banalisierung des Lebensraums, da versperrt ihm eine Gestalt den Weg und rülpst ihm Suggestivfragen entgegen. Ob man Kinder möge, sich für den Erhalt des Schlammkäfers einsetzen wolle oder einem herrenlosen Pottwal ein neues Heim in der Banlieue von Bad Bevensen zu finanzieren gedenke. Hat sich der Stalker endlich zu den wirklich wichtigen Fragen nach sexueller Präferenz und Vorurteilen gegenüber ausländischen Strafgefangenen vorgearbeitet, so reibt er dem hilflosen Opfer den Vertrag für ein Zeitschriften-Abonnement direkt unter die Nase. Im Treppenhaus des Sozialwohlblocks wäre die Tür längst zu und der Sicherheitstrupp würde die Keulen anspitzen. Hier aber ist die Prärie des Trading Down, wo nach und nach der Fachhandel dem Ramschabverkauf direkt vom Wertstoffcontainer weicht. Verstohlen sieht man Väter aus dem Erotikshop schleichen, wo noch gestern die Gemüsefrau Kraut und Rüben feilgeboten hatte. Spielhallen, Peepshows und Textilketten säumen das bröselnde Pflaster, doch kein Fluchtweg bleibt dem Desperado. Nur der Beton hört sein Weinen.

Schon holt eine neue Art von Nervensägen zum finalen Schlag aus: die Citymanager übernehmen das Regiment mit neuen Konzepten für immer mehr Steuergelder. Bunte Müllkübeln und postmoderner Gastronomie-Mix sollen das Verbleibsverhalten der Opfer kybernetisch auf Zack bringen, das nackte Grauen bekommt jährlich einen neuen Anstrich, um gestalterische Freiräume zu öffnen. Meist sind sie hinterher so offen, dass sich der an Kraftverkehr gewöhnte Städter zum Erwerb von Waschmaschine und Fernseher gleich in ländliche Regionen begibt, wo er ohne Sichtschutz und Speitüte auskommt. Sollte tatsächlich eine intelligente Form von Leben existieren, die die Bescheuerten aller Herren Länder unterwiesen hat, Marktflecken mit Kanalisation anzulegen – das kann sie nicht gewollt haben.


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Eine Antwort

20 06 2009
blog.unkreativ.net » Menschen mit Rückgrat

[…] Zum anderen, na sicher, den aktuellen Rether – auf einer Höhe mit Pispers, Schramm und Priol, der letzten gemeinsamen verbalen Front im Namen des sprachlosen Urnenpöbels im Kampf gegen den Wahnsinn im Land der Bekloppten und Bescheuerten. [Anm: geklaut] […]

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