Gernulf Olzheimer kommentiert (XIII): Geländewagen

26 06 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles im Leben ist irgendwann Geschichte, die erste Liebe, der erst Kuss, der erste Fußpilz. Gerade noch Gegenwart, jetzt schon vorbei und verweht. Was für die Ewigkeit sein soll, muss in Stein gemeißelt sein. Oder wenigstens so dauerhaft wie eine solide Impotenzneurose. Hauptsache, es kratzt so richtig tief ins Selbstbewusstsein rein und verursacht dauernde Schmerzen. Dagegen helfen nur massivere Therapieansätze. Von hier nahm der Siegeszug des Geländewagens seinen Ausgang.

Ein abgefeimtes Komplott aus Autoherstellern, Werbeagenturen und gerissenen Händlern versucht jeden noch so schmutzigen Trick, um dem motorisierten Möchtegern einen Blechsarg mit vierschrötigem Getriebe unter den Hintern zu schwatzen. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Kein Stenz traut sich mehr ohne eine Karosse im schmucken Panzerhaubitzendesign in die feindliche Außenwelt, in der miese Machos in Mittelklasselimousinen ihnen den Schneid abzukaufen drohen. Den Behämmerten mit der Ego-Atrophie reicht zum bescheidenen Glück sogar ein von Beulen übersäter Lada aus dem Baujahr 1980, um aufkeimendes Leben in der Hose zu spüren: hier ist er Mann, solange das Sperrdifferential ordentlich über die Krume hobelt. Versteift sich erst der Antriebsstrang, wird der Rest von alleine hart.

Der geschulte Beobachter erkennt den Vollgas-Idioten am Komplettausfall seiner ästhetischen Fähigkeiten. Anders ist es nicht zu erklären, wie sich herdenweise gestandene Schlappschwänze aus freien Stücken in Wagen setzen, deren Karosserie anmutet wie mit der Axt aus einem Block Altmetall gekloppt. Die Kiste dankt es einem mit einfachster Technik aus wenigen Bauteilen, die im Falle eines Falles am Stück verreckt, und mit der Aerodynamik eines durch die Landschaft gurkenden Garagentors. Hei, wie hübsch lässt sich aus dem Hubraum eines Flugzeugträgers der Sprit in die Gegend blasen! Jeder Schaltvorgang wird zum knarzigen Erlebnis, jedes röhrende Anfahrmanöver an der Ampel gibt einem das gute Gefühl, die Weltgeschichte mit ausreichend Abgasen versorgt und das Klima ein Stück kuscheliger gemacht zu haben! Abgesehen von diesen Produktvorteilen ist die Karre einfach nur die perfekte Fortbewegungsmöglichkeit in den letzten Rollen, die ein echter Mann auf der dünnen Asphaltdecke seiner beschissenen Existenz noch spielen kann: Daktari und Krieg. Ihre Synthese ist unmöglich, wird aber beharrlich versucht, zumal im Habitat des Geländewagens: im Stadtverkehr.

Denn nirgends offenbart sich die Sinnlosigkeit der Präriepanzer tiefer als auf dem langen, entbehrungsreichen Weg von der Doppelhaushälfte zur Videothek und zurück. Der Weg ist das Ziel, und der führt durch Tücke und Fährnis. Nur die wahre Mannestat kann hier bestehen. Tatternde Rentner, die im Rollator den Fließverkehr stocken lassen, holt der heroische Kombattant ebenso von der Straße wie sorglose Kinder auf dem Kickboard: mit dem Stoßfänger. Ist es etwa seine Schuld, dass in Wesel-Ginderich das gemeine Nashorn schon vor Jahrmillionen die Biege gemacht hat und Bwana mit dem groben Reifenprofil nun mutterseelenallein den Burnout vor dem Zigarettenautomaten hinlegen muss? Die Welt ist herzlos, die Frontschürze auch.

Den fließenden Übergang von Safari und Waffengang markiert der obere Drehzahlbereich, in dem der Bescheuerte das Getriebe noch einmal kurz aufröhren lässt, bevor er mit sattem Geräusch eine Einheit Kleinwagen an der Leitplanke in die Zweidimensionalität überführt. Nach erfolgreicher Materialkaltverformung begreift er, wie sein Altruismus nicht nur die Rentenkassen zu entlasten hilft; er ist zugleich der Erfüllungsgehilfe der Todessehnsucht ungezählter Winzkraftwagen, die es alleine dank ABS, ESP und Airbag nie aus eigener Kraft über den Jordan geschafft hätten. Dafür nimmt er es gerne hin, dass seine eigenen Chancen im Ernstfall schwinden; sein orthogonal geformter Bolide macht es dem Elch leicht und legt sich im Schleudergang elegant auf die Seite, weil der Grip unten nicht mit dem Schwerpunkt oben korreliert. Aber wer würde schon gerne mit Karacho fahren und dann unspektakulär in die Grasnarbe beißen?

Denn letztlich dient die hohe Bodenfreiheit nicht der Einsatzbereitschaft in Gegenden, wo die kasachische Regierung gerade neue Geröllhalden in der Hungersteppe anlegt, der Motormane erklimmt seine rollende Plateausohle mit der Trittleiter wie der Märchenprinz sein Ross, um der Schönen am Bordstein von oben zuzuwinken und simultan einen Blick in die sekundären Geschlechtmerkmale zu werfen. Er hofft, das Aufziehen von Breitschlappen heile ihn endlich von seiner Profilneurose und will endlich die rohe, animalische Sinnlichkeit, wie er sie seit seinen verschwiemelten Pubertätsträumen mit sich herumschleppt. Da steht die Traumfrau, bereit zum Äußersten, und nur die Böschung fühlt sein Beben. Ende vom Lied: der Trottel schmirgelt sich in der Eierfeile die letzten Bandscheiben weg und erleidet beim Aufritt einen Hexenschuss. Sanitäter heben ihn von der Alten. Die poppt nun mit dem Studenten, der die rostige Ente fährt. Aus der Traum. Scheißleben.


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