Gernulf Olzheimer kommentiert (XVIII): Volkstümliche Musik

31 07 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Über die miese Hanglage an den Anden kann man meckern; was musste der asiatische Asylant im ausgehenden Pleistozän auch ausgerechnet nach Peru rübermachen und Millionen Nachkommen mit Zores versehen, mit abrutschenden Bungalows, Hüftschäden bei schräg grasenden Lamas oder immensen Werkstattrechnungen, weil das Getriebe des Geländewagens bei der ständigen Steigung alle Tage schlappmacht. Auch mangelnde Disponibilität von Braunkohle ist ein Anlass zur Kritik. Der Ureinwohner der Malediven hockt trüb auf seinem Atoll, starrt unter sengender Sonne ins flaue Wasser und ärgert sich, dass er den europäischen Touristen kein Großkraftwerk zum Fotografieren bieten kann, von Einnahmen für billigen Strom aus Veymandoo ganz zu schweigen. Wer den falschen Mietvertrag unterschreibt, hat Pech gehabt. Da hat’s der Belgier besser, der Fritten aus der unterkellerten Scholle zieht, sogar der Chinese ist mit feuchtwarmem Klima gesegnet, das Reis und Dissidenten aus dem Boden schießen lässt.

Richtig ärgern aber kann sich der gemeine Dummschädel über hausgemachten Müll, denn jedes Volk hat die Kultur, die es gerade noch überlebt. Während der Inder dubiose Anhäufungen von Tanzszenen zur Filmkunst erklärt und sich der Franzmann seins aus dem Akkordeon schwiemelt, hocken Bekloppte von Schleswig bis Sonthofen in Bierzelten, in Mehrzweckhallen, vor neu eröffneten Baumärkten und anderen Einrichtungen des offenen Vollzugs und lauschen paralysiert der Fortsetzung von Folklore mit ganz anderen Mitteln: der volkstümlichen Musik. Seit Slavko Arsenik mit seinen Dumpfkrainern dem Noobtal-Duo und den Hellwig-Pudeln die verbrannte Erde bereiteten, zieht marodierend ein endloser Strom an Alpen-, Kloster- und Zillertaler Trios und Quintetten, Randfichten und Krüppelkiefern durch die Sedativ-Sendungen sämtlicher Werbespotkonzerne. Kitsch im Quadrat quillt aus dem Brüllschrank, das Motorikzentrum schaltet auf Zwangsklatschen, während die supravitalen Synapsenverklebungen im allerletzten Augenblick den rettenden Griff zur Fernbedienung verhindern.

Wie vorgekautes Gammelfleisch in einer Lake aus Weichspüler und Morast sickert der Ohrenbrei aus den volks- und sonst wie tümelnden Attacken auf das Brechzentrum, dass der letzte renitente Jodelallergiker stöhnend den Löffel abgibt und den Soundtrack für einen Faschismus mit fröhlichem Antlitz über sich wabern lässt. Das alles freilich aus abwaschbarem Vollsynthetik, Ufftata im Playback, da man von den Schunkelschergen auch keine intellektuellen Virtuositäten verlangen kann, sondern gleichbleibend abstoßende Qualität für die GEZ-Kohle. Das vor allem goutiert der Behämmerte, wenn der Brei schön einheitlich anspruchslos schmeckt und jeden Tag identische Fäden zieht. Mross und Reiter will der Simpel sehen, den Trötenkönig und sein angeheiratetes Pendant, Stellvertreterin für eine ganze Generation von Dirndldudlerinnen, die von Eislaufmuttis im Säuglingsalter auf die Bühne gekippt werden und sich danach nicht nennenswert weiterentwickeln.

Vermutlich wird der Nachschub an Jubeltuten per Telefonbuch in alpinen Regionen gecastet; lautet der Anschluss auf Hintereisen oder Silberseer, bahnt sich für den Knallbazi am anderen Ende der Leitung eine rapide Karriere im Trachtenjankerbusiness. Die weiblichen Kräfte stammen von der Ersatzbank des F-Kaders für Diskoretten, mühsam auftoupiert und hinter der Bühne vergessen, Hauptsache, ihr glockenrein aseptisches Gequiek löst die richtigen Resonanzen im Beckenboden filzhuttragender Minderbemittelter aus. Dann ist die schnöde Welt wieder in Ordnung.

Allmählich bekommen die Seppeldesigner es mit der Angst zu tun, da die Dosis permanent gesteigert werden muss. Akzeptiert der Polkapöbel heute noch die Flippers im Lederhosenlook, will er morgen vermutlich schon Heidi samt Geißenpeter im Original sehen oder droht damit, vor jedem Gebissreiniger-Werbespot einfach wegzuzappen. Nichts ist mehr wirklich sicher, vor allem nicht die Ausweitung der Klampfzone, in der die schöne Sumpfpflanze Wachstum ihre traute Heimstatt hat.

Doch der Beschuss mit dem Beschiss ist noch nicht ausgestanden. Wie die V2, geboren aus klinisch reiner Blödheit und konstruiert aus Verblendung, so geleitet der volkstümliche Schlager den Bekloppten einfühlsam über jegliche Debilitätsgrenze hinaus. Das Beste aus zwei Siechtümern – hier die mit Plaste-Stallfliegen und Kuhfladenaroma aus der Spraydose zartfühlend zurechtgeklöppelte Rustikalromantik, dort der geistige Abgrund unterhalb von Schallala – bespaßt den Rentner allseits, auf dass der präfrontale Cortex schon mal die Biege macht und zeitig den Aufnahmeantrag für die Biotonne stellt. Denn irgendwie müssen diese verdammten Demenzheime doch voll zu kriegen sein, wenn sie sich rechnen sollen.





Internationale Solidarität

30 07 2009

„Also so sicher ist das nun auch wieder nicht. Die EU muss ja auch erst zustimmen, damit wir an die Daten kommen. Und bis das irgendwann mal passiert, ich sag’s Ihnen, das dauert wieder.“

„Aber auf der anderen Seite ist es der einzige Weg, ohne das Grundgesetz völlig zu ändern. Die Vorratsdatenspeicherung war ja auch ein Schlag ins Wasser, weil diese Strohköpfe aus Karlsruhe…“

„Na, na! Immer schön freundlich bleiben, wenigstens nach außen. Dass wir im Falle eines Falles das Bundesverfassungsgericht abschaffen, steht auf einem ganz anderen Blatt.“

„Abschaffen? Wozu abschaffen? Ich dachte…“

„Wozu braucht man ein Verfassungsgericht, wenn es keine Verfassung mehr gibt?“

„Auch wieder richtig.“

„Aber mal Spaß beiseite. Wenn diese Sache hinhaut, kriegen wir die Kontoauszüge zwar nicht offiziell aus der Schweiz, aber wenn wir ein paar kleine Autobomben installieren und die Terrorzellen sich nach Deutschland zurückverfolgen lassen, kriegen wir die Daten gratis.“

„Weil wir die Terroristen aufspüren?“

„Mittelbar. Wenn der Terror von Deutschland ausgeht, werden die Amis uns natürlich schnell als potenziellen Gefährderstaat einstufen und sämtliche Kontobewegungen einsehen wollen.“

„Aber dann sind wir auf der Achse des Bösen, dann marschieren die bei uns ein!“

„Reden Sie doch nicht so einen Stuss! Ein Gefährder ist Deutschland, nicht mehr. Sie wissen doch, was das heißt. Jemand, der nichts gemacht hat, nichts machen kann, weil er sowieso beobachtet wird, und bloß das Pech hat, die falsche Nase im Gesicht zu haben. Also alles paletti. Nix mit Einmarschieren. Falls die Amis überhaupt wissen, wo Deutschland liegt.“

„Und wie kommen wir dann an die Daten?“

„Als engster Verbündeter der Vereinigten Staaten werden wir natürlich kontinuierlich Akteneinsicht bekommen. Sie werden uns die Kontobewegungen auf dem Silbertablett liefern. Ausgedruckt, selbstverständlich.“

„Hm, ich begreife. Dann müssten wir uns nur noch um die Autokennzeichen kümmern, um die Telefonverbindungen…“

„Machen die Amis.“

„Ah ja. Deshalb die Autobomben.“

„Genau. Möglicherweise müssen wir das technisch in Eigenregie aufziehen, aber wir haben ja britische Unterstützung.“

„Wegen der Autobahn-Kontrollen mit RFID?“

„Nein, das ist ein Joint-Venture mit der Mafia. Die Engländer installieren hier die Videotechnik, die gerade in Bayern getestet wird.“

„In Bayern wird Videotechnik getestet? Seit wann denn das?“

„Natürlich noch nicht offiziell. Das sickert dann bei der nächsten oder übernächsten Landtagswahl durch, je nachdem, wie es ins Konzept passt.“

„Und die Geolokalisierung der Autos?“

„Das ist dann wieder ein deutsches Projekt. Wobei wir erst die Testergebnisse aus Spanien abwarten wollen.“

„Spanien? Ich dachte, das sei die Mafia?“

„Das eine muss das andere ja nicht ausschließen. Nein, kleiner Scherz. Die neuen Diebstahlsicherungen für Autos müssen noch durch den Probelauf kommen, dann schauen wir mal, ob sich das technisch lösen lässt, was uns die Polen an Datenmaterial liefern.“

„Polen? Ich dachte, das sei…“

„Ja, ist es auch. Aber irgendwo muss man halt die Zentrale für Autodiebstähle einrichten, und warum nicht in Polen? Die Versicherungen wollen, dass die Fälle zeitnah bearbeitet werden und vor allem äußerst preisgünstig.“

„Hm, gut. Bliebe natürlich noch das Problem mit den RFID-Chips.“

„Wir wissen noch nicht genau, wem wir das geben. Es hängt davon ab, wer Karstadt-Quelle und Arcandor finanziert.“

„Was haben denn die damit zu tun?“

„Denken Sie doch mal nach. Wer die Warenhauskonzerne lenkt, will natürlich auch das Einkaufsverhalten der Kunden so präzise wie möglich beobachten. Ab und an gibt es noch Einzelhändler, die wir nicht zwingen können, sich der Warenwirtschaftsüberwachung in Echtzeit zu unterziehen, was ja auch steuertechnisch sehr problematisch werden kann.“

„Wieso steuertechnisch?“

„Stellen Sie sich mal vor, dass da jemand seine ganzen Einkünfte einfach zu lokalen Einzelhändlern trägt und nie eine Quittung bekommt.“

„Unfassbar!“

„Diese Dreckschweine kaufen ihr Gemüse einfach so auf dem Wochenmarkt, und man kann ihnen keinen Umsatzsteuerbetrug nachweisen.“

„Unglaublich!“

„Deshalb ja das neue Telefon-Bezahlsystem. Einfacher shoppen mit dem Handy – ab 2012 sowieso zwangsweise.“

„Aber wie kriegen wir denn das an der Vorratsdatenspeicherung vorbei? Das war doch schon mal in die Hose gegangen.“

„Deshalb wehren wir uns auch nicht gegen die feindliche Übernahme der Mobilfunkprovider durch die chinesische Demokratieregulierungsbehörde. Im Gegenzug haben wir jederzeit Zugriff auf die Server. An den Stoppschildern vorbei.“

„Hm. Na gut. Und, sagen Sie mal, wer finanziert das eigentlich? Und wer hat das so beschlossen?“

„Fragen Sie doch nicht so blöd. Betriebsgeheimnis!“





Buten un binnen

29 07 2009

Der Saal kochte. Ein Grüner sah Rot. Die Fraktion ging schier auf dem Kopf. „Es geht vielmehr knallhart um Definitionsmacht in Zeiten der Virtualisierung der Welt“, schwadronierte Matthias Güldner, „Ihre Anhänger kämpfen mit hoch effektiven Mitteln für die Rechtsfreiheit ihres Raumes.“ Der frenetische Applaus der rechtspopulistischen Bürger in Wut, deren sämtliche Mitglieder erschienen waren, wurde von den Christdemokraten freundlich unterstützt. So viel Wahlkampfhilfe hatte man freilich nicht erwartet.

Auch die Spur der Steine, die aus dem Netz auf den Fraktionsvorsitzenden der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft geworfen wurden, war kaum zu übersehen. Güldner legte sogar noch nach. In einer hastig anberaumten Pressekonferenz, die nach der Kritik aus der Parteizentrale notwendig wurde, verzichtete er aus Zeitgründen auf eine Entschuldigung für sein zuvor abgesondertes Profilblech, was dem Bundesvorstand auch die Last nahm, das politische Klima weiterhin im Auge behalten zu müssen. Güldner bediente sich schwerer Geschütze, deren Bedienungsanleitung er nicht studiert hatte, schlimmer noch: er philosophierte. Dass argumentiert werde, die derzeit nur gegen bisher noch nicht nachgewiesene Kinderpornografie im Internet installierten Sperren könnten auch umgangen werden, ließ der Alternativpolitiker nicht gelten. Wer das behaupte, habe sich halt das Hirn herausgetwittert. „Gesetze abschaffen, wenn sie nicht eingehalten werden?“, rhetorisierte er. „Genauso gut könnte die Tatsache, dass Morde begangen werden, obwohl sie verboten sind, als Argument gegen den Mordparagraphen im Strafgesetzbuch angeführt werden.“

Die Mitarbeiter des ehemaligen Referatsleiters für Migration und Ausländerintegration ließen verlauten, dies sei keinesfalls ein Affront gegen in Deutschland existierende Parallelgesellschaften; vielmehr habe Güldner in die Pauschalbeleidigung sämtlicher Internetnutzer ausdrücklich auch alle deutschen Staatsbürger eingeschlossen.

Doch die politische Welt debattierte. Welcher Teufel hatte den Bündnisgrünen geritten, so sinnlos wie unflätig seine Wählerschaft anzugreifen? War dies etwa ein Komplott, um der Piratenpartei heimlich Stimmen zuzuschanzen? Gut informierte Kreise in der CSU munkelten gar, der Grüne mit der hohen Affinität zu Menschenrechtsfragen wolle es dem Freiherrn im Wirtschaftsministeranzug gleichtun und mit gezieltem Unfug vorbei an der bayerischen Figur die oberen Temperaturbereiche des Politbarometers einnehmen. Schaudernd sah man kommen, wie die Sprechpuppe der Sprechpuppe einer Sprechpuppe den Ökos einen Rang noch vor der SPD verschaffen wollte. Jetzt galt es. Jetzt oder nie.

Schnell fand sich in Bremen eine Abordnung von betroffenen Grünen, doch zögerten sie noch, seine Büroräume zu betreten. Es wurde schließlich hervorgehoben, dass die – bisher konsensuale – Bekämpfung verfassungsfeindlicher Äußerungen Vorrang haben müsse, buten un binnen. Um zu gewinnen, mussten sie etwas wagen.

Den letzten Anstoß gab die Anzahl der Parteiaustritte, die Güldners Spurwechsel gezeitigt hatte. Man stocherte dezent im Türschloss. Nichts. Der Mann war wie vom Erdboden verschwunden. Papierfetzen auf dem müslibraunen Teppichboden kündeten zwar davon, dass er eben noch greifbar gewesen sein müsse, doch bis auf den Glassturz mit dem Joschka-Fischer-Gedächtnispflasterstein und ein noch original verschweißtes Exemplar von Internet für Dummies sprach kaum etwas dafür, dass dies auch tatsächlich Güldners Arbeitszimmer gewesen wäre. Da entdeckten sie, dass der Computer nicht ausgeschaltet worden war.

Offenbar hatte der alte Fuchs ein abgefeimtes Spiel getrieben, wie die letzten Twitter-Nachrichten auf dem Bildschirm bewiesen. Ein ganzes Volk in Bausch und Bogen zu kriminalisieren war ihm nicht leicht gefallen, doch hatte der Wahnsinn Methode. Vor diesem Ansturm würde das BKA in die Knie gehen müssen. Was die Deutsche Bahn mit dreimal so vielen Schwarzfahrer-Strafanzeigen nie würde leisten können, Güldner schaffte es: Schäuble zog sich panisch ins Grundgesetz zurück. Bald würde an jeder Straßenecke ein Bündel Polizisten lauern, um §211 StGB zu überwachen, wie es Güldner dem Kriminalamt ins Ohr gezwitschert hatte, wohl wissend, dass kein noch aberwitziger Vorschlag im Wahlkampf unberücksichtig bleiben würde.

Tatkräftig unterstützt wurde er dabei von Julia Seeliger. Die Sahra-Wagenknecht-Raubkopie der Spontis apostrophierte ihren Feed ausdrücklich an die gesetzestreuen Abweichler, die sich dem Nachturnen der Ausrenkübungen verweigert hatten. „Heult doch“, höhnte ihr Feed, „wenn Ihr Euer verkorkstes Bild über Parteien habt, kann ich da auch nicht mehr helfen.“ Fasziniert von den Möglichkeiten der virtuellen Mobilisierung und hingerissen von ihrem eigenen Getwitter hatte die Pippi Langstrumpf des Web 2.0 genau im richtigen Moment gehandelt und trieb gegen den Strom.

Der Bundesvorstand traute seinen Augen nicht. Wenn man jetzt noch Folter forderte, konsequente Videoüberwachung der Republik, Geolokalisierung sämtlicher Mobiltelefone und eine Internetzensur, von der China nur träumen könnte! „Das ist die Chance“, jubelte Claudia Roth am Fernsprecher, „damit kriegen wir alles hin, alles! Den kompletten Atomausstieg! Weltfrieden! Und wenn wir uns ein bisschen anstrengen, klappt’s diesmal vielleicht sogar mit Tempo 100.“





Zauberhaft

28 07 2009

Der leicht hysterische Unterton in Annes Stimme hatte mich alarmiert. Allein wie sie diesen Namen aussprach – Max Hülsenbeck hieß er, der neue Staatsanwalt – weckte unschöne Erinnerungen in mir, die jähe Zerwürfnisse, gelöste Verlöbnisse und einen überstürzten Auszug vor das innere Auge brachten. „Kelmsen findet ihn ja süß“, sagte sie, „aber der ist auch immer sofort verknallt. Frau Platzke meint, er sei ein arrogantes Arschloch. Also Max.“ Ich grübelte noch, wie viele Sekunden es dauern würde, bis sie mich bäte, den Kandidaten in Augenschein zu nehmen. Waidwunden Blickes stimmte ich ihrem Plan zu, sich ganz zufällig in Bücklers Landgasthof zu treffen. Ich würde einen Tisch für drei reservieren – zu viel Zufall soll man ja dem Zufall auch nicht überlassen.

Der protzige Sportwagen mit dem auffälligen MH stand bereits quer über zwei Parkbuchten vor dem Anwesen der Bücklerbrüder. Hansi geleitete mich zu dem Tisch, den Anne nebst Galan gerade besetzten. „Ein Irrtum“, log er, „aber Sie werden einen zauberhaften Abend verbringen.“ Da Anne in ihrem Schwarzsamtenen sich bereits niedergelassen hatte, blieb dem Kerl nichts anderes übrig, als sich mir gegenüber zu platzieren. Kaltes Feuer blitzte aus seinen Augen. Nun gut.

Leise plätscherte Klaviermusik durch die Stube. „Na?“, sah ich Anne an. Es funktionierte, denn sie hält einerseits alles, was sie nicht einordnen kann, für Filmmusik – der gleichförmige Brei, den man im Kino hört, erleichtert das – und kann sich andererseits keine Namen merken. „Lino Ventura“, sprach sie geistesabwesend. „Natürlich“, spuckte der geschniegelte Anzug lässig hervor, „das hört man doch. Ich habe letztens ein Mozart-Konzert von ihm gehört. Live natürlich.“ „Nein, wie gut“, rief ich aus, „Sie sind Musikfreund? Kennen Sie die Einspielung von Beethovens Saxofon-Sonate?“

Die Spiele könnten beginnen.

Unterdessen hatte der Filou bereits begonnen, Speckstückchen aus dem Feldsalat zu picken und den Tellerrand drehsymmetrisch damit zu verzieren. Nicht Annes peinlich berührtes Schweigen ließ mich frohlocken, eher, dass Max es nicht bemerkte. Er war zu vertieft in die speckige Zwangshandlung. Auch die gelbe Löffelerbsensuppe mit Entenfleisch nötigte ihm nur Gemäkel ab. Jedenfalls sei er nicht zum Eintopfessen die ganze Strecke gefahren.

Anne bat hektisch um Entschuldigung und ging, ihre Gesichtsfarbe zu korrigieren. Da beugte sich der Schmierlappen über den Tisch und zischte: „Hör zu, Du Ratte! Die Lady ist mein Revier, klar? Wenn Du nicht ziemlich zügig abschwirrst, wird es Dir Leid tun!“ Ich lächelte mein seligstes Lächeln. Anne nahm wieder Platz; ich hob den Riesling empor. „Ja, dann wollen wir wohl Brüderschaft trinken!“ Seine säuerliche Miene sprach Bände. Die Gläser klangen und er würde mich fortan duzen müssen. Jeder schaufelt sich sein eigenes Grab.

Inzwischen hielt Max Frankfurt noch für die Hauptstadt Hessens, schwor, dass Leberkäse zu viel Leber enthielte, und bescheinigte der Raumfahrt, mit der Teflonpfanne doch eine gute Tat vollbracht zu haben. Es war, alles in allem, Schwadronieren ohne Sinn und Verstand.

Hansi tischte den Bachsaibling auf; der war mit Krabben gestopft und sanft von einer Dillkruste ummantelt, artig thronte ein Reismützchen daneben und ein Löffelchen Blattspinat. „Der Wein hier“, schmatzte Hülsenspeck, „hat Kork.“ Der jüngere Bückler zuckte zusammen, teils wegen des Unsinns und teils wegen der apodiktischen Tonart. „Den Koch, aber zackig!“ Als Mann von Welt hätte man den Sommelier verlangt, doch zu Hülsenfruchts Erstaunen kam tatsächlich Bruno, unmäßig dick wie groß und mit einem grotesken Schnurrbart ausgestattet, der allein schon ein Grund war, den großen Künstler Fürst Bückler zu titulieren. „Der Wein hat Kork?“ Büchsenspeck war das Lauernde entgangen. Unvermittelt schrie Bruno Bückler los. „Kork? Ein 2004-er Wutzbacher Steinschlag, im Stahltank ausgebaut und im PVC-Schlauch mit integriertem Hahn ausgeliefert? Sie Klugscheißer!“ „Tja“, fügte ich trocken an, „wie meist in der Spitzengastronomie. Bruno, wie wär’s mit einem Dessert?“ Ich zwinkerte ihm zu.

Mit zittrigen Fingern löffelte Anne Mädchenröte und musste dabei ganz übersehen haben, wie dem Hülsenknilch die Johannisbeersauce in langen Fäden aus dem Mund lief. Vielleicht wollte sie es auch gar nicht bemerken. „Ich liebe diese Frucht“, schwelgte ich, „die feine Säure.“ Bruno lugte verstohlen in den Raum. Dass man sich mit der Essigessenz aber auch so verschätzen kann.

Max, der Bruchpilot, nahm zu den Schnäpsen Zuflucht. Was immer ihm Hansi da kredenzt haben musste, es ließ dem Courmacher die Augen aus dem Kopf und den Schweiß auf die Stirn treten. Er zückte die Brieftasche und die Autoschlüssel. Artig dienerte der jüngere Bückler mit der Rechnung. Da wand ich dem Schwankenden die Schlüssel aus den Fingern. „Herr Staatsanwalt“, spottete ich, „wir wollen doch unsere Fahrerlaubnis nicht aufs Spiel setzen.“ Die roten Flecken in Annes Dekolletee machten bereits Anstalten, als geschlossene Fläche den Hals hinaufzusteigen. Ihre Stimme klang wie Stacheldraht. „Rufen Sie dem Herrn ein Taxi.“ Sie rauschte ohne ein Wort des Abschieds hinfort.

Anne stapfte über den Kiesweg, als hätte sie mit dem Geröll noch eine persönliche Rechnung zu begleichen. „Das darf doch alles nicht wahr sein! Bring mich von hier weg, und zwar so schnell wie möglich!“ „Ach“, sagte ich und hielt ihr den Schlag auf, „es war doch ein bezaubernder Abend?“





Zefix!

27 07 2009

00:43 – Im Handstreich besetzt die Nationalgarde die Bayerische Staatskanzlei. Während Schwarz-Rot-Gold eingeholt wird, proklamiert der frischgebackene Freistaatspräsident Horst Seehofer die Unabhängigkeit Bayerns.

00:45 – Erste Ernüchterung macht sich breit. Als Freistaatskanzler Florian Weber auf dem Weg zum Regierungssitz einen Stopp zum Tanken einlegen will, stellt er fest, dass er die Erdölvorräte im Regierungsbezirk Unterfranken falsch eingeschätzt hatte. Er versucht, Energieminister Markus Söder telefonisch zu entlassen und bemerkt dabei, dass die Verbindungen im jungen Staat nicht funktionieren. Hatte man sich zeitnah um eine internationale Vorwahl gekümmert?

00:54 – Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wird aus dem Schlaf gerüttelt. Zwölf Sekunden später befiehlt er das Heer an die Grenze. Auf Einreden des Staatssekretärs, der Einsatz der Bundeswehr im Inneren sei nicht verfassungsmäßig geklärt, repliziert der Minister, dies sei ein internationaler Konflikt. Wenn nicht, wolle er dafür schon sorgen, dass es einer werde.

01:03 – Die Auslieferung von Presseerzeugnissen gestaltet sich unerwartet schwierig. Da die Truppe des Ministeriums für Pressefreiheit strenge Weisung hat, sämtliche Hasspropaganda zu konfiszieren, wird auch der Bayernkurier eingezogen und schredderfertig verpackt. Die Kioske werden an diesem Morgen nur BILD und den neuen Quelle-Katalog anbieten.

01:40 – Im Landkreis Miesbach geschieht der erste internationale Zwischenfall. Ein Auspendler, der per Moped nach Tirol will, verstrickt sich in Widersprüche. Er hat keinen bayerischen Pass, kann nur einen Bundespersonalausweis vorlegen und muss in Gewahrsam genommen werden.

01:59 – Die Bayerische Freistaatspolizei meldet bei Verkehrskontrollen Hunderte Bürger ohne gültige Papiere. Zahlreiche Fahrer sollen zudem nüchtern angetroffen worden sein. Günther Beckstein, Minister für Kontrolle und Gefahren, ordnet die sofortige Errichtung von Sammellagern an.

02:47 – Als Florian Weber nach längerem Fußweg durch das nächtliche Rosenheim ein noch offenes Ladenlokal findet und ein belegtes Brot als Wegzehrung erwerben möchte, weigert sich der Gastwirt, einen Zehn-Euro-Schein anzunehmen. Bis zur EU-Aufnahme gelte der Goldgulden.

03:30 – Auf einer Landstraße in Niederbayern rammt Kulturstaatsminister Daniel Küblböck einen polnischen Viehtransporter auf dem Weg nach München. Der völlig übermüdete Fahrer lamentiert vor der Polizei und erzählt wirres Zeug. Der Lkw-Lenker ist derweil damit beschäftigt, die Schweine von der Fahrbahn zu sammeln.

04:05 – Alle Räder stehen still. Verkehrsministerin Monika Hohlmeier hatte noch am Vorabend im kleinen Kreis die Aufnahme des Schienenverkehrs der Bayerischen Staatsbahn zugesichert, konnte aber den Betreib nicht rechtzeitig sicherstellen. Es waren Unregelmäßigkeiten aufgetreten.

06:03 – Die freistaatlich festgesetzten Milchpreise sorgen für Empörung. Zukunftsminister Thomas Goppel hatte bei der Berechnung den falschen Wechselkurs angesetzt, so dass der Liter Milch nun im Einzelhandel 0,05 fl. kostet, nach altem Kurs 25,50 €. Die Käufer sind davon weniger betroffen. Es gibt keine Milch.

07:00 – Das Bayerische Freistaatsfernsehen beginnt sein Programm einer zuvor aufgezeichneten Ansprache von Kanzler Weber. Versehentlich wird das Band vertauscht, so dass die Aufzeichnung einer Rede von CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber aus dem Bundestagswahlkampf 1980 ausgestrahlt wird. Die Sendeanstalten der anderen Länder klinken sich sofort aus dem Programm aus.

08:03 – Bei der Besichtigung einer Grundschule zeigt sich Freistaatspräsident Horst Seehofer sehr erfreut, dass in allen Klassenzimmern bereits das Porträt des neuen Präsidenten hängt. Er hatte im allgemeinen Trubel nicht mitbekommen, dass der Güterzug mit den Weber-Postern wegen des brachliegenden Bahnverkehrs noch in Erding steht.

08:04 – Papst Benedikt XVI. nimmt als erstes Staatsoberhaupt diplomatische Beziehungen mit Bayern auf und erkennt die Souveränität der Republik an. Im Gegenzug verleiht Primas Walter Mixa ihm den neu gestifteten Johannes-Dyba-Gedenkorden für Menschenrechte in Gold.

08:05 – Die Unterversorgung führt zu dramatischen Ereignissen. Erstmals in der Geschichte Bayerns kann die Produktion der Weißwurst nicht anlaufen, da die Rohstoffe fehlen. Scharen demonstrieren auf dem Marienplatz. Das Hofbräuhaus hängt nicht einmal eine Tageskarte aus. Merkwürdigerweise geht der Verbrauch von Sägemehl landesweit drastisch zurück.

09:23 – Die EU erhält den Aufnahmeantrag Bayerns. Vor dem Hintergrund diverser kultureller Unterschiede zum Leitbild der Gemeinschaft entscheidet man sich rasch gegen eine Aufnahme, stellt aber in ergebnisoffenen Verhandlungen eine privilegierte Partnerschaft für das Jahr 2088 in Aussicht. Zu den Forderungen gehört der Rücktritt von Max Strauß als Finanz-, Justiz- und Außenminister in Personalunion.

09:54 – Die Top-Level-Domain .by stellt sich als bereits vergeben heraus, so dass die Internetpräsenz der Bayerischen Freistaatsregierung nicht rechtzeitig online gehen kann. Gespräche mit Weißrussland scheitern. Es gibt kein einheitliches Postleitzahlensystem, um den Absender auf dem Bittschreiben einzutragen.

10:05 – Der Landesrechnungshof entdeckt diverse Milliardenlöcher, die den Staatshaushalt schwer belasten. Um strukturschwache Gebiete schnell loszuwerden, entschließt sich Wirtschaftsminister Peter Gauweiler, einen Maßnahmenkatalog zu entwerfen. Zu den Risikogebieten mit hoher Arbeitslosigkeit gehören Cham und Regen. Während Gauweiler mit Tschechien um den Grundstückspreis feilscht, wird der Vertriebenenverband Landsmannschaft Bayerischer Wald im europäischen Exil gegründet.

10:08 – Markus Söder wird von der Bayerischen Freistaatspolizei verhaftet. Er hatte gegen das in die neue Verfassung aufgenommene Verbot verstoßen und in der Öffentlichkeit Hochdeutsch gesprochen.

10:34 – Deggendorf kommt einer Ausgliederung zuvor, indem der Landkreis seine Souveränität als Wahlkönigtum erklärt. Herrscher sind fortan der in der vergangenen Karnevalssession amtierende Prinz Marcel I. und Bierkönigin Marie-Jacqueline I.

10:35 – Das Königreich Deggendorf annektiert Passau. Als Statthalter setzt das Monarchenpaar den Unternehmensberater Kevin Schwünggriedl ein, der als Kevin-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Schwünggriedl-Kowalkowski die Amtsgeschäfte führt.

12:03 – Freistaatskanzler Florian Weber wird ins Klinikum Rosenheim eingeliefert. Er hatte beim Versuch, einem Geldautomaten Goldgulden zu entlocken, leichte Verletzungen am Handgelenk erlitten. Der Kanzler klagt noch immer über starken Hunger. Allerdings sind Lebensmittel wegen Bargeldmangel nur noch auf dem Schwarzmarkt zu bekommen. Weber überschreibt dem Pächter der Krankenhauskantine ein siebenstöckiges Geschäftshaus mit Grundbesitz am Stachus und erhält dafür eine Brezn vom Vortag.

12:09 – Das Hofbräuhaus brennt. Mehrere Hektoliter Weißbier kann das traditionsreiche Gasthaus nur ungekühlt ausschenken, so dass der Volkszorn in blanke Zerstörung ausbricht. Gefahrenminister Beckstein versucht, die Menge zu beruhigen, wird jedoch von einem Bierseidel nur knapp am Kopf verfehlt. Er zieht in Erwägung, russische Truppen ins Land zu lassen, um Herr der Lage zu bleiben.

12:11 – Bundeswehrsoldaten an der Landesgrenze zu Thüringen solidarisieren sich mit den darbenden Bayern auf der anderen Seite des Stacheldrahtes. Sie stecken Schokoladenkekse durch den Zaun, die wegen ihres strengen Geruchs und der ungewöhnlichen Konsistenz zunächst für Blutsuppe in Feststoffform gehalten werden. Eckart Witzigmann kreiert daraus sofort das neue Nationalgericht.

13:34 – Der von der neuen Freistaatsregierung eingeführte Verbraucherschutz durch Herkunftsbezeichnungen zeigt erstmals beachtliche Nachteile. Zahlreiche Supermarktkundinnen in Unterfranken weigern sich, Produkte aus Altötting zu kaufen. Die ad hoc eingeführten Handelsnamen Benedikt-Birne und Papst-Petersilie heben das Konsumklima nur mäßig.

14:01 – Rangeleien der Landkreise Tirschenreuth und Wunsiedel führen zu erheblicher Verwirrung bei Kraftfahrern. Während der Kreis im Fichtelgebirge kraft seiner eigenständigen Gesetzgebungskompetenz das Fahren mit Abblendlicht am Tage für zwingend erforderlich hält, stellt der südliche Nachbar dies unter strenge Strafen. Fahrer, die beim Übertritt in die andere Verwaltungskörperschaft versehentlich die Beleuchtung brennen ließen, werden zu empfindlichen Geldbußen verurteilt.

14:39 – Eine Anfrage an die Freistaatskanzlei, ob im Ausland geschlossene Ehen zwischen bayerischen Freistaatsbürgern auch weiterhin ihre Gültigkeit behalten, kann nicht rechtsverbindlich geklärt werden. Man einigt sich darauf, Eheschließungen nur dann anzuerkennen, wenn beide Partner Verwandte ersten Grades sind. Die Konstruktion geht als Allgäuer Modell in die Rechtsgeschichte ein.

15:53 – Der Landkreis Ebersberg beschließt, den Wildpark Poing als exterritoriale Naturschutzzone zu deklarieren. Das oberbayerische Gehege darf nur noch mit schriftlicher Genehmigung des Fürsten von und zu Eberberg betreten werden.

15:54 – Die einheitliche Wasserversorgung wird durch Kleinstaaterei zunehmend erschwert; der Plan, ganz Oberfranken zu einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet zusammenzuschweißen, in dem Strafzölle für den Leitungsdurchfluss wegfallen, scheitert am erbitterten Widerstand der Brauereien in Kulmbach.

16:31 – Freistaatspräsident Seehofer nimmt die ersten bilateralen Gespräche zur Wiedervereinigung auf. Seine Absicht, Deutschland als Beitrittsgebiet in den Freistaat einzugliedern und München als neue Bundeshauptstadt zu etablieren, sorgt in Berlin für Gelächter. Zeitgleich dazu versucht das Vereinigte Königreich Deggendorf-Passau, Restbayern unter seine Fittiche zu nehmen. Der Staatsstreich scheitert, da der Passauer Statthalter beim Herrscherhaus in Ungnade fällt. Schwünggriedl hatte ohne Auftrag gehandelt.

16:49 – Beobachter der UN teilen Wurstkonserven und Bier an die Not leidende Bevölkerung aus. Die Entsendung von Blauhelmen im Passau-Konflikt steht unmittelbar bevor.

18:01 – Majestätisch senkt sich Dunkelheit über den Freistaat. Unbemerkt war das Gebiet von der Stromversorgung aus dem Ausland abgeschnitten worden, die sofortige Abschaltung der Atomkraftwerke durch Energieminister Söder bei dessen Amtsantritt hatte die Lage auch nicht verbessert. Für Notstromaggregate mangelt es an Benzin, für Benzin mangelt es an Kanistern, für Kanister mangelt es an Blech, für Blech an funktionsfähigen Fabriken und für funktionsfähige Fabriken an elektrischem Strom. Freistaatskanzler Weber handelt unverzüglich und kündigt tiefgreifende Maßnahmen an, um den Staat aus der schwersten Krise seit seinem Bestehen zu holen. Er erhöht das Kindergeld um drei Prozent.

18:58 – Der Letzte macht das Licht aus.

20:23 – Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, nun auch ehemaliger Freistaatspräsident, trifft in einem Hubschrauber der Bundesluftwaffe zum Rapport im Kanzleramt ein.

20:24 – Die staatliche Ordnung ist wieder hergestellt. Die Kanzlerin sichert zu, Differenzen nicht mit in den Bundestagswahlkampf zu ziehen, mahnt aber die Unionsparteien zur Geschlossenheit.





Dreizehn…

26 07 2009

… schlägt’s nicht gerade, aber nach einem Dutzend Suchmaschinentrefferhitparadenausgaben begehen wir diesen Anlass doch einfach mal etwas feierlich. Die Feste fallen sowieso, wie sie wollen, und die Hits der vergangenen zwei Wochen fielen auch mal wieder üppig aus. Aber lesen Sie selbst.

  • alex klaws. bettwesche.2009.de: Alex im Schleudergang… Alex auf der Leine…
  • ludwig ii.: Das Grab in der Kathedrale von Angers soll sehenswert sein.
  • frauen mit pantoletten lassen reifen qui: Ich bremse für niemanden.
  • anleitung für häkelpulli aus ecken: Siehe unten für rund
  • deutschlandaufkleber noch benötigt: Ganz Deutschland? hubbeln da nicht unten die Alpen raus?
  • hundevornamen: Minka. Passt eigentlich immer.
  • die kessler- zwillinge ziehen sich für d: Gibt’s schon Stoppschilder für Gerontophile?
  • „siederohr“ kaufen: Machen Sie’s einfach. Es tut nicht weh.
  • kleine riemchen: Sie Ärmster.
  • anleitung für häkelpulli aus runden teil: Siehe oben für eckig.
  • inkontinenzhose für hunde: Pampers Pudel?
  • casperle cartoon: Heißt in Deutschland Casimir & Co.
  • gebrauchte legebatterien 2009: Wollen Sie auch gleich ein paar Gebrauchthühner dazu?
  • haarwurst anleitung: Finden Sie in Ihrem Supermarkt direkt neben dem Analogkäse.
  • waschbeton fußabstreifer: Ist beim Ausschütteln ertwas widerspenstig, nimmt auch Blattwerk etwas störrisch auf.
  • wolfgang petry- auf einer grünen wiese verbuddelt: Schöner Gedanke.
  • schweinehals zerlegen: Wenn Sie den Kram hinterher auffeudeln? Meinetwegen.
  • preisliste maschinen: Tee-, Wasch-, Bohner- oder Stanz-?
  • text einladung grillfest: „Bitte keinen Nudelsalat!“
  • lochfraß+fisch: Das passiert nun mal, wenn Sie Ihre Ohren ins Piranhabecken halten.
  • stahl preisliste: Und hat sich damit strafbar gemacht.
  • kasperletheaterstück zum nachspielen: Herr Carstensen, Sie hier und nicht in Schilda?
  • schokolade dreimal mehr eisen als spinat: Daher auch der schöne Rostton, wenn man die Trauben-Nuss ins Wasser wirft.
  • kirschmichel im bayern fernseh: Lebt denn der alte Kirschmichel noch?
  • akazienblond: Holzkopf?
  • leon und der eierwagen: Klingt für einen Krimi etwas surreal.
  • mehr demokratie wagen merkel: Mein Reden.
  • cartoon: Ötzfötz: Rattelschneck.
  • glücksbärchis spiele umsonst anziehen: Es heißt reinziehen, Kinder.
  • preisliste für rauchwurst: Sie hat sich das Rauchen abgewöhnt. Zu teuer.
  • murmansk kajak: Das ist ein neuer Eishockey-Club, richtig?
  • juliane werding noch immer seh ich mich: Knipsen Sie das Licht aus, dann hören Sie auch Conny nicht mehr.
  • kuchenrezepte nordsee: Baggersandstreusel mit Wattwurm.
  • haarschnitt von juliane werding: Raten Sie mal, warum Conny Kramer sich ständig zugedröhnt hat.
  • minima moralia: Jeder fängt mal klein an.
  • degradierung major pfoten weg: Wenn extra der Major antritt, um Sie zu degradieren, haben Sie allerdings ein Problem.
  • gedächtnisschwund: Ich wusste, wo der lag, aber ich habe es gerade vergessen.
  • kasperle schablone: Etwas mehr Kreativität sollten Sie für Ihre Stücke schon aufwenden.
  • funny van dannen dicke dinger: Sextricks?
  • basteln hund aus brut und wurst: Blutwulst? Besser, Ihr Hund ist Chinese und nicht Sie.
  • barry ryan angela merkel: Eine weinerliche, laute, penetrante Kitschnudel mit einer Katastrophe von Frisur. Und ein Schlagersänger.
  • zerrspiegel für dicke: Legen Sie sich einfach quer vor den Spiegel, das sieht auch lustig aus.
  • kasperletheaterstücke für eine person: Und was machen Kasperle und Seppel, wenn das Krokodil kommt?
  • wie kann ich mein freund unauffällig foltern: Wenn Ihnen Waterboarding zu aufwändig ist, Musikantenstadl hinterlässt noch weniger Spuren.
  • wozu dient ein schnürboden?: Als Staubfänger.
  • beförderung glückwunsch: Anzuraten, wenn Sie Ihren Job behalten wollen.
  • kupferarmband giftig: Wollen wir’s hoffen.
  • sandalette/you know: Ach, daher riecht es hier so penetrant.
  • originalradierungen günter grass: Ja, habe ich. Leider unverkäuflich.
  • proktologen hamburg: Die GAL soll ja für die Koalitionsgespräche extra einen Spezialisten eingestellt haben.
  • steghose von klingel gekauft: Selbst Schuld. Sie hatten die Bilder vorher gesehen.
  • kosten lungenkrebs operation: Wenn Sie jetzt mit dem Rauchen aufhören, können Sie es sich in 30 jahren leisten.
  • bauplan für eine klärgrube im garten: Rechts neben der Oma immer geradeaus nach unten.
  • unterschiedsbilder: Lassen Sie sich als Vorher-Model casten?
  • nonnen haarschneidemaschine: Tonsur wird normalerweise mit dem Messer angefertigt.
  • kriegt man bei ed hardy uhren kratzer we: Wenn Sie mit der Uhr richtig zuhauen, bleiben die Kratzer besser erhalten.
  • cartoon haarschnitt bundeswehr: Unter Wegföhnen versteht der Bürger in Uniform etwas anderes…
  • altenpflegehelfe – forum: Da, wo Sie spätestens in drei Legislaturperioden nicht mehr reinwollen, weil Ulla Schmidt den Laden moderiert.
  • damen catchen: Vorsicht, es gibt Damen, die zurückhauen!
  • wie mache ich bierbowle mit kirschen: Bitte möglichst so, dass ich es nicht sehen muss.
  • papst handgelenk: Hat er sich die Vorhölle wieder aus dem Ärmel geschüttelt?
  • titten-contest: Jaja, und dann wieder nur mit den Mädels quatschen, Sie Blender…
  • plateaustiefel sind müll: Also steht Berlusconi auf Abfall? Interessant!
  • was ist tequila sundown: Gewöhnungsbedürftig.
  • erhabenheit: Die Ameise ist eine Meisterin darin.
  • reife frau köln: Frau Kemper hat Sommerpause.
  • jeanette biedermann geknebelt: Großartige Vorstellung.
  • schiller gerne fisch: Der schillert auch ohne Sie gern.
  • chrommühle chemie: Dachten Sie, die Jungs betreiben da Wetterforschung?
  • bauplan für schallplatten waschmaschine: Nehmen Sie eine mit 45er-schleudergang.
  • c&a göttingen diebstahlsicherung: Wollen Sie das Zeug echt tragen oder stehen Sie nur auf das Geräusch?
  • nackt segeln piercing: Wenn Sie die Ostsee vorher komplett desinfiziert kriegen, meinetwegen.
  • gedicht für nachbar: Anschiss in Terzinenform. Hmja. Probiere ich mal.
  • das lied vom mir sind die odenwälder bei: Lassen Sie das nicht den Odenwald hören, der klappt sonst geschlossen um.
  • nationalen volksarmee: Der auch?
  • annemarie eilfeld durchsichtig: Das ist bei derlei Wettbewerben wohl eine Grundvoraussetzung.
  • erkältungsmittel zwiebel: Das Augentränen ist Vorbote eines grippalen Infekts? Hätte ich jetzt auch nicht gewusst.
  • evas bastel nackt: Verwenden Sie Hochrippe zum Üben.
  • seebestattung kosten: Für 99,– € bekommen Sie bei mir die Discount-Variante mit Betonschuhen und Plastekranz. Schlauchbootmiete geht extra.
  • mein hund geht bei fremden immer rückwär: Das Tier hat Menschenkenntnis.
  • gehirnwÄsche beziehung: Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, eine Paartherapie in Erwägung zu ziehen.
  • angelika unterlauf panne: War Schni nicht schlimmer?
  • anleitung häkeln sandalen turnschuhe: Aber kommen Sie mir nicht angeweint, wenn Sie nasse Füße haben.
  • elektrofischgeräte kaufen: Was angeln Sie denn? Zitteraale?
  • klassenkameraden angela merkel in der dd: Die sind heute vermutlich froh, dass sie die nicht mehr jeden Tag sehen müssen.
  • gerontophil berlin: Hacken Sie nicht immer auf dem Schily herum!
  • lustig flyer mülltrennung: Der Spaß hört auf, wenn Sie Styroporflocken nach Farbe sortieren dürfen.
  • börsenanalyse mittwoch: Liefern wir Ihnen schon am Montag. Eine Woche später allerdings.
  • überraschungseier wert: Keine Sorge, bei Ferrero wird weitgehend milchfrei gefertigt.
  • haar schnitt organisch: Ganzheitliche Dauerwelle?
  • beileidswünsche: Tut mich traurig.
  • kommunikationsschulung beispiel rätsel(k: Könnten Sie’s eventuell etwas weniger rätselhaft kommunizieren?
  • unter falscher flage: Sie segeln für PISA, stimmt’s?
  • tattoo juicy salif: Damit können Sie höchsten noch als Küchenhilfe arbeiten.
  • satellit spiegel: Montieren Sie die nur tagsüber ab, nachts fällt es möglicherweise auf.
  • zahnspangen gerüche entfernen: Die neuen Knoblauch-Tabs wirken Wunder.
  • kinderhaarfrisuren: Babylockentransplantat?
  • gluhstrumpf thorium kauf: Sie basteln also ein Atomkraftwerk im Keller, soso…
  • gewinde bohrer von lidl 2009 7,99: Haben Sie die Quittung für den Umtausch aufgehoben?
  • gindericher grundschule schulabschluss: War die Merkel da etwa auch dabei?
  • meine frau abgerichtet -torrent: Uschi, lern es endlich!
  • wie klebt man slätthult von ikea: Möglichst lautlos.
  • rtl mitten im leben model luana 2009: Wurde gerade als Annemarie Küblböck auf 9Live recycelt. Fragen Sie nach der nächsten OP noch mal nach.
  • haarwuchs nach dem platzwunde: Ihre Gehirnerschütterung war soweit zufriedenstellend?
  • schleuder tube dübel: Und bitte noch zwei Pfund Möhren aus dem Baumarkt mitbringen.
  • bungalow plan: Wollen Sie bauen, einrichten oder ausrauben?
  • seife mit seifenkraut selbst herstellen: Fangen Sie lieber erst mal mit Kernen an. Oder Kordeln. Oder Lavendel.
  • 18/07/2009 eignungstest nürnberg land: Treten Sie für die CSU an oder wollen Sie Ihren Führerschein wieder? oder beides?
  • wedekind mai interview mit stinkefinger: Ihre Finger können Interviews geben? Was man nicht alles erlebt…
  • telefonbuch nr suche: Also ich nehme meins ja immer als Unterlage für den wackelnden Tisch, aber wenn sie das Ding derart zweckentfremden wollen, bitte!
  • telefonbuch essen: Wie wär’s mit Blätter-Teig?
  • glasige speck: Blubber?
  • bomberjacken.bee: Haben wir noch nicht genug Schmerzen, Freund?
  • vollspaten: Wen Sie alles kennen… faszinierend!
  • klare brühe rezept darmspiegelung: In welcher Reihenfolge?
  • schwarzwurzel homöopathie: Wenn’s in Ihrer Küche miasmiert, würde ich eher mal die Fenster öffnen.
  • wahrheitsdroge: Im guten Fachhandel in 40%-iger wässriger Lösung erhältlich.
  • woraus bestehen franzbrötchen: Woraus besteht Hundekuchen?
  • gedicht rollator: Rolla, rolla, Rollator, zwei Schritt seitwärts, einer vor.
  • mein wunschzettel jugendlich: Knietief im Dispo.
  • zahnbürste: Suchen Sie, wenn schon, bitte Ihre. Nicht meine.
  • steingrill selber bauen: Kaufen Sie sich Sicherheitsschuhe.
  • batteriebetriebener toaster: In die Pampa fahren und beim Campen süßfrühstücken, so sehen Sie aus…
  • lebensmittelimitate: Vorsicht: wenn’s nach Käse riecht, muss es noch kein Schinken sein!
  • fotos über garderoben mit kleiderbügel c: Mir doch egal, wo Sie Ihre Bilder hinhängen.
  • frank rennicke gitarrengriffe: Klampfe immer oben anfassen, locker schwingen, und zack! auf die Rübe.
  • jugendschutzgesetz: Grimms Märchen feat. Zensursula.
  • steinschlag ötzi: Der junge Mann mit der albernen Mütze hat einen Dachschaden? Jetzt, wo Sie’s sagen…
  • difficile est saturam non scribere: Orandum est.
  • rollstuhlfahrer mit irokese: Wusste ich doch, wer dem Lobo sein Idol ist.
  • besteht lippenstift aus schweineblut: Nein, nur Lakritz. Lippenstift wird aus geräucherten Fröschen destilliert.




Narziss und Echo

25 07 2009

Kein Selbst ist, was er sieht.
Der eigene Bezug,
der sich in Fluten flieht
bleibt eitel und Betrug.

Wo ist, was ihn nur streift?
und was? Da innen spricht’s,
was er nicht mehr begreift.
Fand sich. Und fand doch nichts.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XVII): Hotelzimmer

24 07 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als die Welt noch halbwegs in Ordnung war, erkundete der Wissensdurstige fremde Kontinente, reiste in Hieb- und Stichwaffen oder befand sich auf der Flucht vor dem benachbarten Clan, der die jäh sich bemerkbar machende Schwangerschaft der Jüngsten nur gegen ordentlich Kamele, Gold oder arterielle Ausblutung hinzunehmen gewillt war. Auch damals war der Planet bereits so eingerichtet, dass er sich simultan zur Armbanduhr teils mit, teils ohne Außenbeleuchtung um seine Achse wand. Nachts aber ist es kälter als draußen, und damit kommt das Hauptproblem: wohin bettet man sein müdes Haupt? Ab und an galt es einem Stamme als geboten, Gastfreundschaft zu pflegen, woraus hier und da neuerliche Verwicklungen erwuchsen. Der temporäre Mitschläfer entging seiner Vivisektion, wenn er die Tochter des Hauses an Ort und Stelle ehelichte und ein lustiges Völkermischmasch zu produzieren half; noch heute erklären Ethnologen damit launige Spielarten wie die englische Küche oder die architektonische Gestaltung Düsseldorfs. Wer ausgestoßen war, fern der gesitteten Umwelt, fand sein Nachtlager in freier Natur, den gestirnten Himmel über sich, unter sich die konföderierten Ameisenstaaten beim jährlichen Balztanz.

Die wirklich armen Schweine aber landen dort, wo es kein Mitleid gibt: im Hotel. Wer heute in Kurzwaren macht, Kongresse besucht, Konzerte gibt oder einfach seine masochistischen Neigungen ausleben will, kommt ums Einchecken in einer Bettenburg mit Fließwasser nicht herum, will er nicht gleich neben der Landebahn Zeltpflöcke in den Asphalt klöppeln. Von der Jugendherberge, der Weiterentwicklung des offenen Strafvollzuges unter Ausklammerung seuchenhygienischer Aspekte, unterscheidet das Hotel nur der Quotient von Bett zu Gast: da Sammelzelle, hier Isolationshaft. Wer aber glaubt, damit das geringere Übel gewählt zu haben, bereut seinen Irrtum meist schon Sekunden nach dem Öffnen der Zimmertür.

Ein Laut empfängt den Gast, der dumpf an eine misslungene Wurzelbehandlung erinnert: Surren ohne Anfang und Ende. Es ist die Klimaanlage, die den unschuldigen Besucher ad hoc porös macht. Die Tatsache, dass Hotelzimmerfenster aus Sicherheitsgründen nicht zu öffnen sind, schmälert die Freude am Fluchtreflex. Fliegen, die ihr Gelege in der Air Condition haben und myriadenfach den Lüftungsschlitz mit dem Weg in die Freiheit verwechseln, machen die Sache nicht angenehmer; kontrapunktisch vereinen sich der Luftzug des mechanischen Mikrobenverteilers und das Gesirre des Hexapoden an der angesifften Scheibe zur akustischen Tapete, sanft bullernd wie ein normaler Nachmittag in der Fußgängerzone von Beirut.

Beim Ausräumen von Socken, Hosen und mitgeführten Alkoholika in windschiefe Schubladen stellt der Ankömmling fest, dass die Bewässerung automatisch läuft. Nach dem Urinieren hält er die Flossen unter den Wasserhahn und lauscht gebannt dem sanft nachgehenden Strahl, der noch für Stunden ins Becken pladdert. Besonders bei der abendlichen Zahnhygiene sorgt dies Detail für aufbrandende Begeisterung. Schon will sich der Gast auf die Matratze betten. Diese wurde zuvor von Sumoringern genutzt, um experimentell dem Begattungstrieb neue Impulse zu verschaffen. Entsprechend eingeschränkt ist die Auswahl an Liegepositionen. Dass das Telefon defekt ist und der beim Portier geäußerte Wunsch nach einem Weckruf die Gefilde des Absurden streift, sei am Rande vermerkt; Rast sucht der Beladene, Traum. Dunkel. Gute Nacht, Dasein. Halt’s Maul.

Doch da ist sie wieder, die Zugluftfolter; ein penetrantes Säuseln knapp an der Hörschwelle treibt den Todmüden in die Nähe der Hirnembolie. Erst mit Eintritt der gesetzlich geregelten Ruhezeit fährt das Aggregat herunter und lässt den Beladenen alleine mit sich und seinen Schweißdrüsen. Hatte er bisher um Schlaf gekämpft, sehnt er nun das Ableben herbei und ahnt, dass sein Hintritt bei exponentiell ansteigender Raumtemperatur nur eine Frage der Zeit ist. Die Luftfeuchtigkeit kreuzt den physikalisch definierten Grenzwert. Molekülweise presst sich Wasser in alle Zwischenräume, die die Raumluft lässt; der Delinquent zählt in seiner Qual die von der Zimmerdecke grinsenden Goldfische.

Genau in dem Moment, der das Garen im eigenen Sud dank der Gnade der Ohnmacht aus dem gepeinigten Bewusstsein wischt – am längsten Sommertag ungefähr synchron mit der Dämmerung – springt das Kühlsystem unvermittelt an und rülpst einen Schwall abgestandener Gase mit brackiger Kopfnote in die Schlafkammer. Wieder einmal wird 18 Stunden lang ein leicht moduliertes Röhren Trommelfell und Tapete eindellen. Glücklich, wer Betablocker griffbereit auf dem Nachtkästchen hat.

Der Trend geht zum Urgrund des Menschseins zurück. Schon versuchen Geschäftsreisende in übel beleumundeten Bierlokalen, auf die Nacht schnell Frischfleisch aufzureißen. Zwangsheirat hin, Kastration her, alles ist jedenfalls besser, als in einem Hotelzimmer die Nacht zu verbringen. Und da es der Völkerverbindung dient, soll es uns auch herzlich egal sein.





Kreuzweise

23 07 2009

Möllenbaum seufzte. Er hatte seit drei Tagen nicht richtig geschlafen. Zum Wochenende musste jedoch unbedingt noch die neue PR-Kampagne raus. Sein Rücken schmerzte. Verspannt hockte er auf dem Stuhl, schusterte aus Versatzstücken eine Serie von Aufklärungsbeiträgen zusammen und ging endlich dazu über, eine alte Artikelfolge aus dem Archiv mit der Textverarbeitung aufzuhübschen: überall, wo zehn Jahre zuvor Tee als Allheilmittel gegen Husten, Krebs, Pest und sinkende Manneskraft beworben wurde, diente die wissenschaftliche Untersuchung nun Kaffee an. Mit glasigen Augen klappte Möllenbaum den Ordner zu und schickte sein Elaborat an die angeschlossenen Redaktionen. Gleich am nächsten Tag würden Apotheken-, Bäcker- und Frauenzeitschriften, politische und Lifestylemagazine, Tages- und Wochenzeitungen, Film, Funk, Fernsehen und Internet der braunen Bohne Lobpreis singen. Es war vollbracht.

Gleich am nächsten Tag überraschte allerdings die synchron in mehreren Blättern erscheinende Schlagzeile Schnaps – besser als sein Ruf das Publikum. Schon im Jugendalter, dozierte eine Immunologin im Morgenmagazin, sei gegen täglichen Verzehr von Korn und Wodka nicht viel einzuwenden. Selbst sporadisches Komasaufen sei nach neuesten medizinischen Erkenntnissen weit weniger gefährlich, als man bisher befürchtet hatte. Von alledem bekam Möllenbaum nichts mit. Er schnarchte. Nicht einmal im Traum hätte er geahnt, dass er irrtümlich die Reste der bestellten Kampagne gegen Alkohol in der Zwischenablage gelassen und ahnungslos in Dutzende von Artikeln eingeklebt hatte.

Schon am Nachmittag äußerte sich ein CSU-Abgeordneter anlässlich der Aktuellen Stunde, das Jugendschutzgesetz mit sofortiger Wirkung zu lockern, ja stellenweise abzuschaffen. Man könne doch nicht ruhigen Gewissens Heranwachsenden eine Maß verbieten, wenn sie auf der anderen Seite mit Großkalibermunition schießen dürften. Die Debatte wurde turbulent, als Ursula von der Leyen zu einer Discounter-Kontrolle durch minderjährige Testkäufer aufrief; wer Kindern – immer jüngeren, wie die Ministerin betonte – auf brutale Art und Weise – und zwar immer brutaler, wie die Ministerin zu betonen nicht müde wurde – den artgerechten Zugang zu Alkoholika verwehrte, müsse mit erheblichen Zugangserschwerungen zum Binnenmarkt rechnen.

Am Abend flimmerte die hastig produzierte Folge einer Krankenhausserie durch das Programm des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens. Der Onkel Doktor empfahl dem Patienten, den Leberkrebs mit Rakı zu bekämpfen. Während sich Chefarzt und Oberschwester flaschenweise Marillenbrand in die Birne gossen, glühte der Herzchirurg mit Sliwowitz vor; die Anästhesistin hatte bereits den Enzian für die Narkose weggeschnasselt, so dass der auf seine Transplantation wartende Rentner alleine und verzweifelt Trost suchte in absurden Mengen von Marc und Eierlikör mit Grappa.

Sabine Bätzing tobte. Die Drogenbeauftragte war nicht mehr beruhigen. Sie forderte den ARD-Intendanten auf, die Serie sofort zu stoppen. Doch man zeigte sich hart. Medien seien frei, man habe nichts verfassungsrechtlich Bedenkliches gezeigt, ansonsten verwies die Sendeleitung auf die jüngst von der CDU gestartete Maßnahme Wässer für Deutschland, die den Kirsch aus einheimischer Produktion empfahl. Es ging um Arbeitsplätze. Verschämt kichernd gestand die Kanzlerin, täglich zum Frühstück ein Gläschen Zitronenlikör zu nippen, da die Säure ihr ein angenehm griesgrämiges Gesicht zaubere.

Erste Proteste folgten. Einerseits beschwerte sich ein Hersteller von Milchmischgetränken aus dem süddeutschen Raum, dass seine Erzeugnisse nicht ausreichend in den Publikumszeitschriften vertreten seien; schließlich habe man recht happige Summen für das Gutachten überwiesen, dass ausschließlich Schoko-Nuss-Shakes zur Malaria-Prophylaxe geeignet seien. Andererseits schlug die Pharmabranche Krach. Medikamente seien als Suchtmittel durch nichts zu ersetzen, betonte der Verbandssprecher. Mit einer Pulle Wein zwischen den Mahlzeiten sei das eben nicht getan.

So wunderte es auch keinen, dass Hademar Bankhofer seinen Melissengeist inzwischen als Bandenwerbung im Gesundheitsmagazin installiert hatte. Der Promoter hielt tapfer das Gebräu in die Kamera. Niemand nahm Anstoß daran. Nach dem Abspann stießen die Fernsehleute damit an.

Zunächst fiel es der Redakteurin schwer, die Masse an Leserbriefen zu beantworten, die das Titelthema der Modezeitschrift mit Spirituosen ausgekleidet hatte, obzwar es als Anti-Aging-Artikel angekündigt war. Man grübelte. Bei hochprozentigen Werbegeschenken glühte dem Team schließlich das Lämpchen: wer säuft, wird nicht alt. Die Logik war gerettet.

Eine neue Woche begann. Die gesundheitliche Vorsorge und Kommunikation in Deutschland wollte gefördert sein. Noch immer spürte Möllenbaum ein Reißen in den Schultern. Sollte er sich für eine Woche krankschreiben lassen? Unter Ächzen und Klagen machte er sich auf ins Büro. Die Nation musste gewarnt werden vor den verheerenden Folgen des Cannabisrauchens. Mechanisch öffnete Möllenbaum Briefumschläge und legte sie auf den großen Stapel, dorthin, wo schon längst die Sache mit den Milchgetränken auf Erledigung wartete.





Codename: Tortilla Flat (IV)

22 07 2009

„Also jetzt noch mal langsam, Minnie: er häckselt da unten vergifteten Mais?“ Senior Special Agent Jeremiah Tipps hatte einige Dinge noch nicht ganz begriffen. Hermina Castafiore erklärte es ihm ganz langsam. „Er hackt Teile des Gencodes von Vögeln in eine Maschine“, erläuterte sie, „und baut daraus künstliche Maispflanzen. Sie dienen der indischen Terrorgruppe Chapati Freedom zur Koordination.“ „Und was wollen diese Typen?“ „Sie sind extremistische Hindus, die den Verzehr von Rindfleisch stoppen wollen. Also baut Cuthbert Suyabaram in die Maispflanze auch Vogelcode ein, damit…“ „Vogelkot?“ „Code, Tipps, Code. Er löst allergische Reaktionen aus, so dass die Tiere auf den südamerikanischen Zuchtfarmen sterben. Es wird keine Hamburger mehr geben. Keine Steaks. Und dann kann diese Bande die ganze Welt platt machen wie ein Fladenbrot, da sie den Weizenpreis kontrollieren. Nur eins verstehe ich noch nicht – warum muss man alle Rinder töten, um sie zu retten?“ „Religiöse Fundamentalisten gehen weder logisch vor noch nehmen sie Rücksicht“, antwortete Tipps, „für sie gibt es nur eine Macht: Geld.“

„Nimmermehr!“ Der ganze Raum war von unzähligen Vogelkäfigen umsäumt. Opalracke und Dollarvogel, Schwarzrückenschwalm und Zwergflamingo, Wundersylphe, Bountyscharbe und ein glänzend schwarzer Kolkrabe flatterten, keckerten, hockten in den Volieren. Er gab den Ton an. „Nimmermehr!“ „Noch ein Ton von dieser Nervensäge, und ich drehe ihm den Hals um!“ Officer Zina Davidowa war sichtlich angespannt. „Ruhig“, flüsterte Francesco DiNatro, „wir müssen zuerst Suyabaram ausschalten, bevor wir etwas unternehmen.“ Mit gezogenen Waffen schlichen sie die oberste der vier Emporen entlang, an denen die Drahtverschläge lagen.

„Frank!“ Charles McBoo flüsterte aus dem Knopf im Ohr des Agents. „Ihr müsst vorsichtig sein – er hat ein Sicherungssystem eingebaut, das alle 24 Stunden betätigt werden muss.“ „Und was passiert sonst, Bambino?“ „Er wird eine Explosion auslösen, die den Planeten erschüttert.“ „Geht’s nicht eine Nummer kleiner, McWeltuntergang?“ „Frank, hör zu: Ihr befindet Euch da, wo die Nordamerikanische und die Eurasische Platte zusammenstoßen, genauer: über der Bruchzone des Mittelatlantischen Rückens. Eine Vulkanzone, falls Du es vergessen haben solltest. Wenn Lystigarður Akureyrar in die Luft fliegt, werden wir es merken, weil kurze Zeit später ein Tsunami die Vereinigten Staaten von Amerika überrollt.“ Frank schluckte.

„Was machen Sie hier?“ Cuthbert Suyabaram wartete die Antwort gar nicht erst ab; er rannte in Richtung Einstiegsluke. Doch er hatte nicht mit Zina gerechnet, die ihm den Weg abschnitt. „Bleiben Sie stehen! Es hat keinen Zweck.“ Der Inder hatte die Wendeltreppe fast erreicht, als ihn Davidowa mit einem gezielten Handkantenschlag außer Gefecht setzte. Er brach zusammen.

Die Käfigtüren öffneten sich. Ein Gewirr von Vögeln schwirrte in den Raum, während sich ein Gitter über das Schaltpult der Maschine schob. „Hervorragend“, ätzte Frank, „er ist bewusstlos und wir haben noch genau drei Minuten Zeit, die Welt zu retten.“ „Glaubst Du, Du schaffst es noch rechtzeitig?“ „Nimmermehr!“ Der Rabe stolzierte um den Kasten und hob neugierig den Kopf. „Ach, halt doch den Schnabel!“ DiNatro suchte die Empore ab. „Wir importieren die Vögel aus Indien.“ „Was redest Du da?“ „Alfred Hitchcock, Die Vögel. Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Rod Taylor. Jetzt sag nicht, dass Du diesen Klassiker nicht kennst!“ „Offensichtlich hat er hier mit Maispflanzen experimentiert.“ Zina lachte bitter. „Ein Säckchen Saatgut. Wenn das hier in die Luft geht, haben wir wenigstens in der letzten Sekunde noch genug Popcorn, um…“ „Halt! Sagtest Du: Popcorn?“ Frank hatte die rettende Idee. Er griff in den Sack und angelte sich eine Handvoll Körner, die er durch die Gitterstäbe schnippte. Sie landeten zielgenau vor dem Raben, der sie sofort aufpickte. „Wo hast Du das so gut gelernt?“ „Beim Profi-Basketball, Zina.“ Sie blickte ihn erstaunt an. „Du hast mal in der Profiliga gespielt? Wow, das wusste ich nicht!“ „Genauer gesagt, ich habe mit Popcorn auf den Papierkorb gezielt, wenn mir langweilig war. Dabei lief dann meistens Basketball im Fernsehen.“

Der Rabe folgte der Maisspur. Er flatterte auf den Sessel, auf das Pult, und als Frank ein Maiskorn direkt auf den rot leuchtenden Taster schnellte, hackte der Raubvogel darauf. Das Aggregat fuhr herunter. „Boss? Wir haben das Ding gestoppt. Zina hat Suyabaram erledigt. Aber wir wissen noch nicht, wie wir an die Maschine rankommen sollen. Hier muss irgendwo ein Hebel sein oder eine Fernbedienung oder…“ „Such weiter.“ Das Licht flackerte auf und verlosch. Die Gittertüren der Käfige schlossen sich scheppernd. Der Schutzrost fuhr zurück. „Was zum…“ „Darf ich den Notausknopf drücken“, fragte Zina trocken, „oder verstößt das gegen die Vorschrift?“

„Glückwunsch, Frank. Gut gemacht, Zina. Ich erwarte Euch heute noch zurück. Und ich hoffe, Ihr bringt uns ein bisschen Popcorn mit.“ Minnie drängte Tipps beiseite. „Ein sprechender Rabe? Cool! Ihr müsst den für mich… ich meine, er ist ein Beweismittel und ich will ihn sofort hier in meinem Labor haben, Special Agent DiNatro!“ Der Rabe hüpfte auf das Notebook und pickte nach der Kamera. „Nimmermehr!“

Teil I

Teil II

Teil III