Literatur de force

2 07 2009

Es war soweit. Ich hatte es geschafft. Sie luden mich ins Fernsehen ein. Die Kulturredaktion trug mir an, als Gast in der Musiksendung Allegro parlando aufzutreten. Eine Stunde lang würde ich mit Bierbichler, dem Großmeister der Konzertkritik, und dem Ex-Intendanten Fritschekau über Mozart und Moderne plaudern. Das Publikum würde mich lieben. Jede Platte, die ich bejubelte, würde sich verkaufen wie geschnitten Brot, und was noch viel schöner war: jeder Tenor, den ich verreißen würde, könnte sich einen Strick kaufen. Ich sagte postwendend zu.

Fieberhaft sehnte ich den Schluss der Sendung herbei, wenn der Stargast drei Interpreten nennen darf. Voller Vorfreude war ich auf die Rubrik, in der der Besucher drei Alben verrät, mit denen er auf der einsamen Insel stranden wolle. Nonchalant würde ich sagen: „Sex Pistols und eine Talking-Heads-Scheibe. Und Mahler. Bin ja nicht so altmodisch, wie ich aussehe.“ Hach, was würde das ein Spaß!

Etwas ernüchternd war das Fax, das mich am kommenden Morgen erreichte. Die Sekretärin sei in der Spalte verrutscht. Nein, keine Absage. Ich sei nur stattdessen bei Literatur heute vorgesehen. Bis Mittwoch also.

Das würde ein Spaß sein. Ich sollte mich mit einer als Moderatorin getarnten Verlagsagentin über Neuerscheinungen unterhalten, die weder ich noch sie gelesen hat. Zahlt man dafür etwa Gebühren?

Also Recherche. Doch wo bloß anfangen? Die Leserkommentare diverser Online-Grabbeltische halfen mir nicht weiter. Zumal ich bezweifelte, dass man Eckart von Hirschhausen auf Ansätze von Widerspiegelungstheorie abklopfen kann. Hier ist der Fachmann gefragt. Ich betrat die Buchhandlung von Onkel Böhlke. Der ältere Herr, der mich durch alle Lesealter von Lindgren über Tucholsky bis zu Schopenhauer begleitet hatte, bedauerte, dass er nichts über Neuerscheinungen zu sagen wisse. Literatur ja. Bücher seien nicht so sein Gebiet. Im ersten Drucksachensupermarkt schaffte ich es immerhin, drei Stunden lang unauffällig die Regale nach Frischware zu durchstöbern und mir Klappentexte einzuprägen. Ab und zu las ich eine Passage. Irgendwann ließen sich die Verkäuferinnen nicht mehr abschütteln. Revierwechsel also.

Drei Läden weiter war ich erschöpft, aber kaum klüger. Was nicht wundert, da alle Sortimenter doch letztlich dasselbe anbieten. Ich schlug eine andere Taktik an. Einer Buchhändlerin machte ich weis, auf der Suche nach anspruchsvoller Lektüre zu sein. Sie bemühte sich rührend um mich, gab jede Menge Waschzettel zum Besten. Doch blieb ich ratlos. Ich wusste nun alles. Leider über das Sortiment, das überall feilgeboten wurde.

In höchster Not rief ich einen Studienkollegen an, der im Feuilleton der FAZ saß. Er konnte mir auch nicht weiterhelfen, da er ins TV-Ressort abgeschoben worden war – er klagte, er habe seit 2004 kein Buch mehr in der Hand gehabt.

So harrte ich aus, bis die Visagistin fertig war und das Mikrofon saß. Der Aufnahmeleiter klopfte mir ermunternd auf die Schulter. Die Übertragung begann. Heidrun Schwörke-Ploßmann begrüßte das Publikum und führte mich als Experten für die deutsche Postmoderne ein. Was für mich auch neu war, aber sollte ich die Sendung mit einem Eklat beginnen lassen?

Windspuren hieß der erste Titel, auf dem Schutzumschlag als Roman zu identifizieren. Während der Redakteur hinter der Kamera sich konzentriert die Fingernägel säuberte, verfiel ich in einen Dämmerschlaf, aus dem mich die Worte „Und wie haben Sie das empfunden?“ rissen. Gut, es hilft ja nichts. „Dies ist, wenn man so will“, begann ich krächzend, „nicht der erste Versuch, sich mit diesem Komplex zu befassen, und ich würde sagen, ein gelungener. Ich hätte zuerst nicht gedacht, dass ich mich auf diese Gefühlstiefe würde einlassen können, aber im Duktus der Erzählsprache gibt es doch so Einfühlsames, dass ich mich darin auch ein Stück weit wiederfand.“ Geschafft. Es geht also.

Der nächste Kandidat war der zweite Teil einer Trilogie. Schwörke-Ploßmann schlug auf den am Boden liegenden Verfasser ein. Schon der Erstling sei mau gewesen, saftlos, blass. Ich fuhr ihr in die Parade. „Blass? Dieser Minimalismus hat mich schon im ersten Band von Peter Puttelheimer fasziniert! Diese zurückgenommene Perspektive, dies feine Auffalten von Details, das ist doch die Kunst!“ Und jetzt, meine Guteste, lasse ich Dich leiden. „Wer hat das denn im ersten Teil überhaupt bemerkt? Die Literaturkritik? Der bornierte Haufen, der zu blöd ist, die Nuancen der Tempuswahl auch nur zu kapieren?“ Während die Leseratte ein bisschen Unsinn stotterte, blickte ich den Redakteur an. Er lächelte aufmunternd zurück.

Dann widmeten wir uns der Kinder- und Jugendliteratur. Dem Schwachkopf, der dazu Schnuffibärchens lustige Abenteuer in den Stapel geschmuggelt hatte, gebührt mein höchster Respekt. Die Bücherhexe wollte gerade zu der üblichen Kaufempfehlung ansetzen, ich ließ sie nicht zu Wort kommen. „Das hier ist eine bodenlose Frechheit! Solche Bücher gehören in den Reißwolf, aber nicht in Kinderhände!“ Irritiert fragte sie, was denn daran auszusetzen sei. Doch das stachelte mich erst recht an. „Das ist doch sein Papier nicht wert! Schnuffibärchen – meine Güte, das baut man doch gleich ganz anders auf! Die Exposition ist ja schon völlig versaubeutelt, und was ist mit einem Erzählstrang, in dem man den Eisbären-Hype mit dem feigen Mord an einem unschuldigen Bären kontrapunktiert, der nur zum Problembären wurde, weil die Verwaltung jedem Vollidioten Unterschlupf gewährt? Klimaschutz, Artenschutz, Tierrechte – was hätte man da alles thematisieren können!“ Heidrun Schwörke-Ploßmann hyperventilierte, versuchte aber, mich zurückzuhalten. „Das ist doch nur ein Kinderbuch, das…“ „Nur? nur ein Kinderbuch!?“ Ich verlor sehr kontrolliert die Beherrschung. „Sie stecken doch mit dieser ganzen Bagage unter einer Decke! Sie wollen das Heile-Welt-Geschwafel im Kinderzimmer! Und das sorgt dann dafür, dass Kinder sich jeden Dschungeldreck in der Glotze reinziehen, statt Proust zu lesen. Frau Schwörke-Ploßmann“, und ich betonte jede Silbe einzeln, „wollen Sie mir weismachen, Sie hätten in Ihrem Leben auch nur eine einzige Zeile Proust gelesen?“ Sie röchelte, während sie vom Stuhl glitt. „Nein, ich…“ „Da haben wir’s doch“, höhnte ich, „dreieinhalb Semester Sozialpädagogik an der Volkshochschule Blödelheim, nie eine Zeile Proust gelesen, und Sie wollen hier der Nation erzählen, was Literatur ist? Gehen Sie mir aus den Augen!“ Brüsk stand ich auf und lief auf die Kamera zu. Das Lämpchen erlosch.

Der Aufnahmeleiter verließ das Studio nicht, ohne mich vorher noch einmal breit anzugrinsen und den Daumen in die Höhe zu strecken. Der Redakteur drückte mir kraftvoll die Hand. Er rang sichtlich nach Worten. Ein großer Moment und sicherlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Notarzt Entwarnung gab. Heidrun Schwörke-Ploßmann würde durchkommen. Halb so schlimm.

Am nächsten Tag hatte ich den Vertragsentwurf für Literatur heute in der Post. Je eine Folge zu sechzig Minuten pro Woche, angedachte Laufzeit drei Jahre. Studiogäste nach Absprache. Noch schwanke ich. Muss ich jetzt etwa anfangen, Bücher zu lesen?


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4 responses

2 07 2009
lamiacucina

Musst Du nicht. Rrrreich-Rrrranicki hat auch nicht.

2 07 2009
bee

Gut zu wissen, sonst müsste ich ja auch alles lesen, was ich schreibe 😀

2 07 2009
brokenspirits

Zuviel theoretisches Wissen macht das Talent kaputt :mrgreen:

2 07 2009
bee

Ich hatte es ja auch schon mal mit Tanzen versucht, aber der Lehrer meinte, meine Füße seien noch nicht platt genug… na gut, muss ich wohl weiter schreiben 😉

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