Gernulf Olzheimer kommentiert (XV): Tierhalter

10 07 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Weg zur geistig-seelischen Reife ist mit reichlich Tücken versehen. Manchmal sind es breit ausgebaute Nebenstraßen, die den ab Werk mit verschaltungsfähigen Synapsen ausgestatteten Hominiden daran hindern, Ottomotoren zu warten oder anorganische Chemie zu betreiben und in der Freizeit Mannschaftssportarten in der Glotze zu betrachten, wie es sich für Stützen der Gesellschaft nun mal gehört. Nicht alle können sich nebenbei der Reproduktion widmen, manchmal verweigern sie es auch aus eigenem Antrieb, und nicht immer endet ein erfolgreich abgeschlossener Akt der Arterhaltung auch im Bewusstsein ungetrübten Glücks, dass die Blagen unter Kalorienzufuhr, Nestverteidigung und pädagogischen Experimenten zu rechtschaffenen Steuerzahlern heranwachsen, die ab einem gewissen Alter auf Rat und Tat von ihren Erzeugern pfeifen und sich ihrerseits ans Werk machen, diesen Planeten in die Halde aus Verpackungsmüll, volkstümlichem Schlagergedudel und Minigolfplätzen zu verwandeln, für die ihm kommende Generationen liebend gerne eins aufs Maul geben würden, wenn er dann nicht schon Kraftfutter für die Madensippe wäre. Das Objekt, an dem der Beknackte seinen Brutpflegetrieb abreagieren könnte, schreit nach wahrhaftiger Existenz, und sei es nur in den Zwischenräumen der Hirnareale, die ansonsten Grobmotorik, Brechreiz und Wortfindungsstörungen steuern.

Der Bekloppte legt sich ein Heimtier zu, und damit hebt sich der Vorhang zum Trauerspiel. Von großen, feuchten Pinscheraugen und putzigen Kuschelkätzchen angezogen erliegt er einer Überdosis Kindchenschema, die den Beschützer in ihm weckt wie Spinnenbisse im Vorderfußbereich. Er regrediert auf die Stufe des Brutpflegers, Amsel, Drossel, Fink und Star, und gluckt fortan der Töle auf den Eiern herum. Geschickt schwiemelt er sich die Vorstellung zurecht, der arme Wauwau könne ohne ihn gar nicht mehr überleben – dass der genau umgekehrte Fall vorliegt, kriegt er nicht in seinen Hohlschädel geklöppelt. Leichtere Fälle kommen mit Einstiegsdrogen wie Mangas zurecht, schwerer Infizierte schlagen die Siebenzimmerwohnung komplett mit Knut-Tapeten aus, dass unvorbereitet eintretenden Besuchern spontaner Flokatiwuchs aus der Netzhaut fusselt. Ein Punktsieg für den Schlüsselreiz. Hat der Wahnsinn einmal den Fuß in der Tür, so beginnt er unverzüglich, den Verstand in entsorgungsfreudige Kleinteile zu zermarmeln.

Hat sich die unschuldige, arglose Bestie erst einmal den Gepflogenheiten der Menschenwelt angepasst, indem Minka und Bello mit sämtlichen Pfoten im Rührei stehen und die Frühstücksreste großflächig in den altweißen Velours eintrampeln, nachdem sie zwecks Fellpflege das Wasserbett besucht haben, so steht der feindlichen Übernahme der Mietsache nichts mehr im Weg. Zielstrebig wie die Hausstaubmilbe erobert sich das Knuddeltier sein neues Revier und degradiert den Tierhalter zur Staffage. Während der Depp evolutionär bereits in Richtung Zellhaufen tendiert, behandelt er seine Fellhäufchen mit manischer Vermenschlichung. Nassfuttermittelnäpfchen mit Aloe vera, Shrimps und aussterbenden Beutelsäugerarten landen bei ihm genau so unreflektiert im Einkaufskorb wie mit Plastekunstfell überzogene Kleinnager, die brummend über das Laminat schubbern. Container voller Kauknochen und Agilitytunnel schafft die Hundesteuer zahlende Knalltüte heran, Laserpointer und sonnenschirmfußgroße Ganzkörpervibratoren für die Schleichjägerin. Hauptsache, der Simpel am anderen Ende hat seinen Spaß. Und so sitzt Kitty tödlich gelangweilt vor dem als Kratzbaum verkleideten Kölner Dom in Originalgröße, riecht einmal an der Fleischabfallpampe, studiert ihre Krallen und beschließt, es dürfe gelacht werden, bevor sie die Stichwaffen erneut ins Wasserbett vergräbt, diesmal in deutlich genervter Manier.

Hat der Irrsinn sich methodisch durchs Dasein gefressen, so dass der Servicebeauftragte des Yorkshire-Terriers seinen angebeten Köter nur mehr ungern beim Urinieren aufs Elefantenleder der Designersofas stört, knipst Freund Wahnwitz die letzten Lichter aus. Der Bekloppte ersteht aus Schafschurwolle mit Lama gewirkte Pullover im Hochlandzopfmuster, um seinen Kläffer vor der Spätherbstwitterung zu bewahren. Schmerzfrei führt er seinen Bratschlauch auf Stummelbeinen Gassi, ungeachtet der Tatsache, dass er damit das Zeitkontingent für Fellpflege maximiert und den Stressfaktor des Wolfsimitats bis an die Grenze der Embolie treibt – kein Thema, er widmet sich nur zu gerne dem angespannten Tierchen und scheut nicht, sich bei Ableben seines Teddy-Ersatzes alsbald einen Neuwelpen zu besorgen. Sollte der Vierbeiner die Schmuseattacken langfristig überleben, dankt er es seinem Futternapfausspüler und Kloreiniger mit einem voll ausgeprägten Dachschaden inklusive Stoffwechselsouvenirs im Schuhwerk und Verlust der Beißhemmung. Zwei Bescheuerte finden zur symbiotischen Psychose. Mit Goldfischen oder Vogelspinnen wäre das nicht passiert. Die Evolution muss das Wasserbett vorausgeahnt haben.


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5 responses

10 07 2009
Jean Stubenzweig

Könnte es sein, Herr Olzheimer, daß Sie kein Freund der Tiere sind? Sie sind doch die einzigen Freunde des Menschen, unter denen es schließlich keine wirkliche Freundschaft mehr gibt. Solch ein Tier nimmt sich noch Zeit für unsereins, während die Welt sich abwendet von uns. Darüber sollten Sie vielleicht einmal nachdenken. Denn wer weiß, wenn Sie so weiterdenken und vor allem -schreiben, benötigen Sie möglicherweise eines Tages auch einen Freund oder gar eine Freundin, die mit ihnen Tisch und Bett teilen.

10 07 2009
bee

Oh, Herr Olzheimer mag Tiere schon sehr gerne (sein Kategorialsystem umfasst auch nicht allein Garpunkt und passende Beilagen), ihn stört aber die Dummheit, die in ihrer eigentlichen Form die Abwesenheit von Vernunft ist und somit rein menschlich. Die Zweizimmerwohnung war ja ursprünglich für den Taggecko so nicht als Habitat vorgesehen – die artgerechte Haltung Bekloppter und Bescheuerter hingegen möchte man als zartfühlender Zeitgenosse gar nicht erst beschreiben müssen. Wer mit den Hühnern ins Bett geht (und die Sache zu wörtlich nimmt), wird auch kein adäquater Sozialpartner für seinesgleichen sein.

Meine Katze hat ihr Servicepersonal ganz gut erzogen. Ob sie Herrn Olzheimer, den gelegentlichen Besucher in meiner Dachkammer, deshalb so schätzt, weil er sie nicht ungefragt anfassen will?

10 07 2009
Jean Stubenzweig

Ehrlich will ich sein. Ich kenne mich mit Katzen nicht wirklich gut aus. Meine Mimi streunt, wenn sie nicht mal ne Runde lesen kommt, all die Tage und die Nächte auch noch draußen in der Weitläufigkeit ihres Mikrokosmos herum und hält mich für gutmütig, weil ich sie, im Gegensatz zu mir, hochfleischig füttere, um ihr eine spätere Nierentransplantation zu ersparen, andererseits für einfältig, da ihr mindestens fünf automobilfreie Quadratkilometer Getier zur Verfügung stehen. Aber mit kleinen Kindern habe ich sehr viel Erfahrung, beispielsweise die gleichwohl nicht ganz unbelastende, daß selbige mich seit Jahrzehnten adoptieren möchten, da ich sie nie ungefragt anfasse.

16 08 2009
Roland W.

Sie haben keine Tiere. Si tacuisses, philosophus mancisses…

Mit freundlichen Grüßen
Roland W.

16 08 2009
bee

Mansisses, Häschen. Und nein, meine Katze hat nur ein Graecum.

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