Codename: Tortilla Flat (I)

13 07 2009

„Ah, ich habe einen Bärenhunger!“ Petty Officer Sean Toad sprang von der Pritsche des Lasters und hielt Ausschau nach der Verpflegung. Der Staff Sergeant winkte ab. „Der Alte hat angeordnet, dass die Unterkünfte geputzt werden“, knurrte er, „und zwar wie immer mit der Zahnbürste.“ Der Regen setzte wieder ein. Annapolis lag seit Wochen unter Tiefausläufern, was die Laune der Mannschaft auch nicht gerade zu verbessern half. Murrend machten sie sich auf den Weg ins Haus, als Fred Chan das kleine Päckchen in Aluminiumfolie entdeckte. „Da liegt ein…“ „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, grinste Sean und wickelte das runde Ding auf. „Ein Burrito! Und noch warm! Und ich spüre es, wie er sich wehren will – Leute, ich werde ihn beißen müssen, daran führt jetzt kein Weg vorbei!“ Der Unteroffizier hieb die Zähne in den Maisfladen. „Avocado – ich liebe Avocado!“ Sprach’s, verdrehte die Augen und fiel wie ein Stein zu Boden. „Hey, was ist los? Sag doch etwas!“ Die Männer rüttelten ihn an den Schultern. Doch er war schon tot.

„Warum sollte ich einen Goldhamster haben?“ Special Agent Charles McBoo war genervt. „Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen, Bambino“, triezte ihn Francesco DiNatro, „und Du willst uns doch nicht erzählen, dass eine Frau daran Schuld war.“ „Natürlich war es so! Ich kenne Claire noch vom MIT, wir sind uns in einer Bar begegnet, ich habe sie eingeladen, und dann wurde es spät.“ „Er rückt nicht mit der Wahrheit raus?“ Officer Zina Davidowa zog mokant eine Braue hoch. „Bei uns würde man…“ „… ihm die Finger einzeln brechen, ich weiß“, fiel Frank ein. „Ich werde Dir jeden doppelt brechen, DiNatro. Charlie, die Ausrüstung. Frank, den Truck. Ein toter Marine in Maryland.“

„Ich sehe keine Anzeichen von äußerer Gewalt, Jeremiah. Er könnte vergiftet worden sein, er hat leichte Einblutungen und postmortale Mydriasis.“ Doktor Lawrence Sweetbay kratzte sich am Kopf. „Ich hatte einmal so einen Fall in Essex bei einem Fischhändler, einem jungen Mann, der übrigens…“ „Lawreau“, mahnte der Boss. „Du erfährst die Todesursache, sobald ich ihn zu Hause auf dem Tisch habe.“ Zina äugte um sich. „Es scheint leichte Spannungen zu geben.“ „Sie hatten seit dem Frühstück nichts zu essen“, erklärte Frank und fotografierte, „aber das rechtfertigt noch keinen Mord.“ „Du würdest für einen Burrito einen Mord begehen – dabei fällt mir ein, dass Du mir noch dreißig Dollars schuldest.“ „Die kriegst Du von Charlie“, grinste DiNatro, „ich habe mit ihm gewettet, dass Du Dich nicht mehr erinnerst.“

„Bring das zu Minnie.“ Sweetbay ließ einen Brocken des Burrito, den er aus Sean Toads Magen gekratzt hatte, ins Probenglas fallen. Johnny Talker pfropfte das Behältnis zu und lief sofort zum Fahrstuhl. Doch das forensische Labor war leer. Wo war Minnie? Ein Paar Stiefel ragte unter dem Tisch hervor. „Gleich geht es Dir besser!“ „Ääh… warum?“ Hermina Castafiore rollte mit Schwung unter dem Massenspektrometer hervor. „Stör mich jetzt nicht! Ich rede mit meinem Baby!“ „Ich habe hier einen Burrito“, brachte sich Talker in Erinnerung. Minnie blickte skeptisch auf das Reagenzglas mit dem Krümelchen. „Das nennst Du einen Burrito? Ich wusste es, man soll mit Männern nicht über die Größe diskutieren.“

Unterdessen ermittelte das Team fieberhaft, was es über den Petty Officer zu wissen gab. „Ein Strafzettel wegen Falschparkens“, las McBoo in den Akten, „und einen Rüffel, weil er sich bei der Parade die Krawatte nicht richtig gebunden hatte. Ansonsten…“ „… hätte sich unser Bambino die Akte ganz durchgelesen und herausgefunden, dass es bereits ein schwarzes Schaf in dieser Einheit gab. Staff Sergeant Dick Tator. Unehrenhafte Entlassung aus der Truppe. Er wurde angeklagt.“ „Weshalb?“ „Derselbe Grund, weshalb ich auch in den Knast komme, wenn Frank nicht gleich verschwunden ist.“ Tipps hatte sich leise von hinten genähert und setzte sich ungerührt an seinen Schreibtisch. „Zina, Neues von der Heimatschutzbehörde?“ „Nein, sie haben alles geprüft. Keine Spuren deuten darauf hin, dass der Burrito Verbindungen zu einer terroristischen Organisation haben könnte.“

Aus dem Labor dröhnte ohrenbetäubender Krach. Elektrisch verstärkte Kettensägen frästen sich durch Stahlbeton. Darunter wummerten rhythmische Bohrhämmer. „Mach das aus!“ Nichts passierte. „Mach das gefälligst aus!“ Mit einem Knopfdruck erstarb die Kakophonie. „Das kannst Du nicht machen! Das war die Neue von Plastique & The Surgeons!“ „Du wirst den plastischen Chirurgen brauchen, wenn Du nicht fertig bist.“ Minnie schlug die Hacken zusammen. „Ich habe zwei Substanzen aus dem Burrito von Lawreau isoliert, willst Du wissen, was es ist, Boss?“ „Nenn mich nicht Boss.“ „Es ist Tomatensauce aus einer Tomate…“ „Was Du nicht sagst!“ „… aus einer Tomate aus Island! Und es ist eine veränderte DNA-Struktur, Boss!“ „Nenn mich nicht Boss!“ „Zu Befehl, Ma’am!“ „Minnie!“ „Eine Tomate, auf Isländisch: Tómatur. Das klingt wie Latein, aber tomare gibt es nicht oder tomari, und das klingt wie Tamari, und das ist eine japanische…“ Er hielt ihr den Mund zu. „Das Massenspektrometer hat da noch etwas entdeckt. Calloselasma rhodostoma.“ Er sah Minnie fragend an. „Die Malayische Mokassinotter. Sie war in der Gensequenz des Maismehls.“ „Der Burrito war vergiftet?“ „Nicht der Burrito“, druckste Minnie, „der Mais. Der Mais von der Population von der Plantage von dem Feld von der Pflanze von dem Kolben von dem Maismehl, aus dem der Burrito… Du verstehst?“ „Massenvernichtungswaffen?“ „Ja, Tipps. Diesmal wirklich.“

Fortsetzung folgt.

Teil II

Teil III

Teil IV


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2 responses

13 07 2009
Raven

Danke bee, kann’s kaum abwarten wie’s weitergeht. 🙂
Gut, dass ich NCIS kenne, dann macht es doppelt so viel Spaß.

13 07 2009
bee

Ha, ich wusste es! 🙂

Der zweite Teil läuft (denke ich mal) übermorgen mit einem Ausflug in unbekannte Gefilde, einer Ermittlerin an der Grasnarbe und… mehr darf ich nicht verraten, sonst müsste ich Dich erschießen :mrgreen:

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