Codename: Tortilla Flat (II)

15 07 2009

„Lystigarður Akureyrar“, buchstabierte Francesco DiNatro, „wer denkt sich solche Namen aus?“ „Die Isländer. Die meisten sprechen Isländisch – im Gegensatz zu Dir, Frank.“ Special Agent Charles McBoo lächelte nachsichtig. Immerhin war es ihm zu verdanken, dass er den Standort der speziellen Tomate so schnell ausfindig gemacht hatte; die Tomatensauce konnte nur von den drei Pflanzen stammen, die im Botanischen Garten von Akureyri standen. Der Rest war Routine. Das Telefon piepte. Tipps horchte angestrengt und legte wieder auf. „Minnie hat etwas für uns. Los, kommt mit.“

„Genau genommen ist es ein Stückchen tRNA, das spiegelverkehrt in den Mais eingesetzt wurde“, erläuterte Hermina Castafiore, „etwas Gencode von Corvus corax.“ Zina Davidowa blickte erstaunt. „Ein Rabe? So ein schwarzer Vogel? Wie bei Poe?“ „Ah, ich verstehe!“ Charlie hatte die genetische Sequenz überflogen. „Es ist eine monographische polyalphabetische monopartite Substitution, die Enigma-Maschine hat einen ganz ähnlichen…“ Der Boss nagelte ihn mit einem Blick an die Wand. Minnie half ein. „In Tipps-Sprache: es ist ein Geheimcode im Genmais.“ Frank grübelte. „Geniale Idee. Sie bauen Mais, der den Code transportiert und als Killerwaffe funktioniert.“ Er grinste. „Und wer den Burrito nach dem Lesen isst, verwischt aus Versehen gleich alle Spuren. Ich schlage vor, ich fliege nach Island und nehme sofort die Ermittlungen vor Ort auf.“ Tipps schlug ihm mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. „Regel Nummer 15.“

Akureyrarkaupstaður zeigte sich von seiner besten Seite. Der Frühdunst mündete übergangslos in Hochnebel. Zina und Frank waren seit einer Stunde im Botanischen Garten unterwegs und wussten noch immer nicht, wonach sie suchten. „Wir rennen hier ewig im Kreis und finden nichts!“ „Das kommt Dir nur so vor“, belehrte Frank sie, „eins Deiner Beine ist kürzer, deshalb denkst Du, dass Du im Kreis herumlaufen würdest.“ Sie fuhr aus der Haut. „Ich kriege Kreisverkehrsstörungen!“ „Du meinst Kreislaufstörungen, aber das ist etwas ganz anderes.“ „Warum müsst Ihr in Eurer Sprache auch so furchtbar komplizierte Wörter haben!“

Die beiden hatten die Tomate rasch geortet. Sie stand in einem Zierpflanzenhain mit Gurken und Knoblauch. Doch wo war der Mais? „Das Feld befindet sich ungefähr hundert Meter weiter östlich“, wies McBoo über den Sender an, „Ihr lauft direkt darauf zu.“ Zina checkte mit einem kurzen Blick die Lage. „Er meint sicher ein Reisfeld. In fünfzig Metern geht es bergab und dann kommt so eine Art Goldfischbassin.“ „Tipps, ich habe da eine Befürchtung.“ Die Forensikerin war in den Videokonferenzraum getreten. „Es ist etwas in dem Code. Es ist irgendwie unheimlich, aber weil es heimlich hinein geschrieben wurde, ist es natürlich unheimlich heimlich, obwohl ich es eher heimlich unheimlich finde, und dann ist es auch wieder unheimlich unheimlich, allerdings…“ „Minnie!“ „Irgendwie verstehe ich nicht, wie diese ganze Pflanze überhaupt existieren konnte, denn quasi die komplette Gensequenz ist eine verschlüsselte Information.“ „Boss, der Typ muss einen Gen-Hack durchgeführt haben, wir könnten die Basentripel höchstens in Polynomialzeit…“ „McBoo, kannst Du das auch so sagen, dass ich es heute noch kapiere?“ „Äh, das Ding da ist verdammt gut verschlüsselt. Vielleicht haben wir eine Chance, wenn wir es durch den Roadrunner im Los Alamos National laufen lassen, dann…“ „Fein, McBoo. Du hast drei Stunden.“

Das Satellitenbild flackerte, aber das Gras zeigte eine deutlich andere Grünfärbung am Ostrand des Tümpels. „Der Rasen muss erst kürzlich ausgesät worden sein, oder es ist eine andere Sorte.“ „Finde heraus, warum.“ „Tipps, Rasen, Gänseblümchen, was…“ „Ah, ich verstehe, DiNatro. Beim NCIS interessieren uns nur Beweise, die uns gefallen.“

Plötzlich schlug Zina der Länge nach ins Gras. „Verdammt, pass doch auf“, schimpfte Frank, „oder binde Dir wenigstens einmal am Tag die Schuhe richtig zu.“ „Da war etwas.“ „Wenn da etwas war, wird es entweder jetzt immer noch da sein, oder es ist nichts da, dann war da auch nichts.“ Tatsächlich lief ein dünner Nylonfaden von dem Zaunpfahl in die Uferböschung. „Es könnte sein, dass der Untergrund vorher planiert oder mit Holzbohlen ausgelegt war.“ „Dann war das eine Platzanlage?“ „Du meinst: ein Anlegeplatz.“ „Warum muss diese verdammte Sprache immer so schwierig sein!“

„Was haben Sie hier zu suchen?“ Der Wächter war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Er richtete die Waffe auf die beiden. „Bundesagenten! Special Agent Francesco DiNatro, Officer Zina Davidowa. Wir ermitteln hier in einem Mordfall.“ „Dann entschuldigen Sie bitte die harsche Ansprache“, gab der Mann zurück, „ich bin Cuthbert Suyabaram, der Kustos des Naturhistorischen Instituts. Kann ich Ihnen helfen?“ Frank verstaute den Ausweis in seiner Jackentasche. „War das hier einmal ein befestigter Weg?“ „Bis vor kurzem war das der Anlegeplatz für die Paddelboote. Aber nachdem die künstliche Insel für den Süßgrasgarten immer unterging, haben wir auch die Boote verkauft.“ „Gibt es hier ein Maisfeld?“ „Bedaure, nicht mehr. Wir haben es für das neuen Orchideenhaus gerodet. Haben Sie noch weitere Fragen? Darf ich Sie zu mir ins Institut einladen? Wir könnten dort beim Essen alles besprechen. Es gibt heute Schweinemedaillons mit Polenta-Talern.“ Zina schüttelte sich. „Ich hoffe, ich kann mir etwas anderes bestellen.“ DiNatro grinste. „Man kann nicht bestellen. Man isst, was auf den Tisch kommt, und lächelt. Genau wie in einer Ehe.“

Fortsetzung folgt.

Teil I

Teil III

Teil IV


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2 responses

15 07 2009
Raven

Zuerst Malayische Mokassinotter jetzt noch Rabe? Wird das ein Komplott gegen fleischessende Vegetarier? *grübel*

15 07 2009
bee

Zumindest in den Genen wird’s beim Mais noch gewaltig abgehen… und nicht nur da 😉

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