Codename: Tortilla Flat (IV)

22 07 2009

„Also jetzt noch mal langsam, Minnie: er häckselt da unten vergifteten Mais?“ Senior Special Agent Jeremiah Tipps hatte einige Dinge noch nicht ganz begriffen. Hermina Castafiore erklärte es ihm ganz langsam. „Er hackt Teile des Gencodes von Vögeln in eine Maschine“, erläuterte sie, „und baut daraus künstliche Maispflanzen. Sie dienen der indischen Terrorgruppe Chapati Freedom zur Koordination.“ „Und was wollen diese Typen?“ „Sie sind extremistische Hindus, die den Verzehr von Rindfleisch stoppen wollen. Also baut Cuthbert Suyabaram in die Maispflanze auch Vogelcode ein, damit…“ „Vogelkot?“ „Code, Tipps, Code. Er löst allergische Reaktionen aus, so dass die Tiere auf den südamerikanischen Zuchtfarmen sterben. Es wird keine Hamburger mehr geben. Keine Steaks. Und dann kann diese Bande die ganze Welt platt machen wie ein Fladenbrot, da sie den Weizenpreis kontrollieren. Nur eins verstehe ich noch nicht – warum muss man alle Rinder töten, um sie zu retten?“ „Religiöse Fundamentalisten gehen weder logisch vor noch nehmen sie Rücksicht“, antwortete Tipps, „für sie gibt es nur eine Macht: Geld.“

„Nimmermehr!“ Der ganze Raum war von unzähligen Vogelkäfigen umsäumt. Opalracke und Dollarvogel, Schwarzrückenschwalm und Zwergflamingo, Wundersylphe, Bountyscharbe und ein glänzend schwarzer Kolkrabe flatterten, keckerten, hockten in den Volieren. Er gab den Ton an. „Nimmermehr!“ „Noch ein Ton von dieser Nervensäge, und ich drehe ihm den Hals um!“ Officer Zina Davidowa war sichtlich angespannt. „Ruhig“, flüsterte Francesco DiNatro, „wir müssen zuerst Suyabaram ausschalten, bevor wir etwas unternehmen.“ Mit gezogenen Waffen schlichen sie die oberste der vier Emporen entlang, an denen die Drahtverschläge lagen.

„Frank!“ Charles McBoo flüsterte aus dem Knopf im Ohr des Agents. „Ihr müsst vorsichtig sein – er hat ein Sicherungssystem eingebaut, das alle 24 Stunden betätigt werden muss.“ „Und was passiert sonst, Bambino?“ „Er wird eine Explosion auslösen, die den Planeten erschüttert.“ „Geht’s nicht eine Nummer kleiner, McWeltuntergang?“ „Frank, hör zu: Ihr befindet Euch da, wo die Nordamerikanische und die Eurasische Platte zusammenstoßen, genauer: über der Bruchzone des Mittelatlantischen Rückens. Eine Vulkanzone, falls Du es vergessen haben solltest. Wenn Lystigarður Akureyrar in die Luft fliegt, werden wir es merken, weil kurze Zeit später ein Tsunami die Vereinigten Staaten von Amerika überrollt.“ Frank schluckte.

„Was machen Sie hier?“ Cuthbert Suyabaram wartete die Antwort gar nicht erst ab; er rannte in Richtung Einstiegsluke. Doch er hatte nicht mit Zina gerechnet, die ihm den Weg abschnitt. „Bleiben Sie stehen! Es hat keinen Zweck.“ Der Inder hatte die Wendeltreppe fast erreicht, als ihn Davidowa mit einem gezielten Handkantenschlag außer Gefecht setzte. Er brach zusammen.

Die Käfigtüren öffneten sich. Ein Gewirr von Vögeln schwirrte in den Raum, während sich ein Gitter über das Schaltpult der Maschine schob. „Hervorragend“, ätzte Frank, „er ist bewusstlos und wir haben noch genau drei Minuten Zeit, die Welt zu retten.“ „Glaubst Du, Du schaffst es noch rechtzeitig?“ „Nimmermehr!“ Der Rabe stolzierte um den Kasten und hob neugierig den Kopf. „Ach, halt doch den Schnabel!“ DiNatro suchte die Empore ab. „Wir importieren die Vögel aus Indien.“ „Was redest Du da?“ „Alfred Hitchcock, Die Vögel. Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Rod Taylor. Jetzt sag nicht, dass Du diesen Klassiker nicht kennst!“ „Offensichtlich hat er hier mit Maispflanzen experimentiert.“ Zina lachte bitter. „Ein Säckchen Saatgut. Wenn das hier in die Luft geht, haben wir wenigstens in der letzten Sekunde noch genug Popcorn, um…“ „Halt! Sagtest Du: Popcorn?“ Frank hatte die rettende Idee. Er griff in den Sack und angelte sich eine Handvoll Körner, die er durch die Gitterstäbe schnippte. Sie landeten zielgenau vor dem Raben, der sie sofort aufpickte. „Wo hast Du das so gut gelernt?“ „Beim Profi-Basketball, Zina.“ Sie blickte ihn erstaunt an. „Du hast mal in der Profiliga gespielt? Wow, das wusste ich nicht!“ „Genauer gesagt, ich habe mit Popcorn auf den Papierkorb gezielt, wenn mir langweilig war. Dabei lief dann meistens Basketball im Fernsehen.“

Der Rabe folgte der Maisspur. Er flatterte auf den Sessel, auf das Pult, und als Frank ein Maiskorn direkt auf den rot leuchtenden Taster schnellte, hackte der Raubvogel darauf. Das Aggregat fuhr herunter. „Boss? Wir haben das Ding gestoppt. Zina hat Suyabaram erledigt. Aber wir wissen noch nicht, wie wir an die Maschine rankommen sollen. Hier muss irgendwo ein Hebel sein oder eine Fernbedienung oder…“ „Such weiter.“ Das Licht flackerte auf und verlosch. Die Gittertüren der Käfige schlossen sich scheppernd. Der Schutzrost fuhr zurück. „Was zum…“ „Darf ich den Notausknopf drücken“, fragte Zina trocken, „oder verstößt das gegen die Vorschrift?“

„Glückwunsch, Frank. Gut gemacht, Zina. Ich erwarte Euch heute noch zurück. Und ich hoffe, Ihr bringt uns ein bisschen Popcorn mit.“ Minnie drängte Tipps beiseite. „Ein sprechender Rabe? Cool! Ihr müsst den für mich… ich meine, er ist ein Beweismittel und ich will ihn sofort hier in meinem Labor haben, Special Agent DiNatro!“ Der Rabe hüpfte auf das Notebook und pickte nach der Kamera. „Nimmermehr!“

Teil I

Teil II

Teil III


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6 responses

22 07 2009
Raven

Guter Rabe. Guter Rabe. 😀

22 07 2009
bee

Ich hoffe, alle Deine Wünsche sind in Erfüllung gegangen 😉

22 07 2009
Raven

Danke! War alles drin. Spiel, Spaß und Spannung. 😀

22 07 2009
bee

Dann bin ich ja ma lauf den nächsten Wunsch gespannt 😉

23 07 2009
Raven

Ich auch! 🙂
Ich halte mich dabei erst einmal zurück. Die Arbeit die du für diese riesige Geschichte investiert hast, war sicherlich enorm. Respekt.

Off topic: Mein letzter Kommentar zeigt mir allerdings, dass ich nicht mehr so textfest bei Werbeslogans bin. Dieser Satz zu den Ü-Eiern, wie lautet er noch mal korrekt? „Spiel, Spaß und Spannung“ oder vielleicht doch eher „Spiel, Spaß und Unterhlatung“. Ich habe es doch einfach schlichtweg vergessen. Wenn das so weiter geht, werde ich sicherlich mich immer weiter von der Konsumgesellschaft entfernen. Muss ich mir jetzt Gedanken machen? 😉

23 07 2009
bee

Also ich hätte da jetzt spontan an die Schokolade mit Erdbeerabfall in Joghurt gedacht, von der Hildegard noch vor Jahresfrist ein Päckchen täglich aß, um abzunehmen – die Nettokalorienersparnis gegenüber einer Tafel Rum-Trauben-Nuss ist schon enorm 😉

Bei den Rüttelrätseln, die mich des öfteren vor der Supermarktkasse aufhalten („Mammi, ich will aber das andere, das macht so plopp-plopp!“), habe ich eher das Gefühl, in jedem siebten Ei verberge sich etwas Essbares. Inzwischen hat die Kinderkommission des Deutschen Bundestages gefordert, diese unidentifizierten Suchobjekte nicht mehr zu verkaufen, weil Kinder sie en bloc verspeisen könnten, Plaste und Restmilchpulver inklusive. Die USA sind schon so weit, da kann’s ja nicht verkehrt sein. Und wieder einmal sehe ich: diese Regierung tut etwas! Ob sie die einzigen sein wollen, die immer für eine Überraschung gut sind? Manche sagen so, die anderen so, es wird geforscht, aber man weiß es nicht…

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