Schmutz und Trutz

4 08 2009

„Ja, wir werden uns sofort darum kümmern! Ja! Selbstverständlich!“ Timmsen nahm erschöpft die Sprechgarnitur ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „In einer Tour, sage ich Ihnen“, stöhnte er, „das hört einfach nicht auf. Die Leute sind wie bekloppt, als hätten sie darauf gewartet.“

Die Dienststelle hatte ihr Callcenter erst vor kurzer Zeit eingerichtet und nahm rund um die Uhr Anrufe besorgter Bürger entgegen, die sich über Schmutz im Internet beschwerten. „Wir sind hier für jeden Unsinn zuständig und müssen uns das alles auch noch ansehen. Und dann dafür sorgen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum mehr ist.“

Schon wieder piepste es und ein neuer Anruf wartete auf Timmsen. „Ja hallo, was darf ich für Sie tun? Eine persönliche Verunglimpfung in einem Internet-Forum? Können Sie mir mal den Text diktieren?“ Angestrengt starrte er auf den Bildschirm. „Bill… Kaulitz… ist… eine… dumme… Schwuchtel… Schwuchtel, ja, ist so für Sie notiert. Wo haben Sie das her? Haben Sie gerade die Internetadresse parat?“ Er scrollte die ganze Forendiskussion hinunter und gab die inkriminierenden Daten in eine Suchmaske ein. „Die Kollegen vom BKA werden sich jetzt darum kümmern.“ Ich schaute ihn entgeistert an. „Und für solche Kinderlitzchen schickt man gleich das Bundeskriminalamt los? Was machen die denn?“ „Das hängt davon ab“, antwortete Timmsen, „bei leichteren Fällen wie solchen genügt das übliche Stoppschild. Dann ist die Domain eben weg vom Fenster und man hofft, dass sich die Leute nicht vorher schon genügend Ausdrucke gemacht haben. Aber die richtig happigen Fälle… na ja, ich dürfte Ihnen das eigentlich gar nicht so erzählen.“ Das machte mich natürlich neugierig. „Also wir haben da einen, der hat sich jetzt seit Wochen jeden Tag über bild.de beschwert. Da stünden lauter Lügen und bösartige politische Propaganda und so ein Zeugs, da mussten wir natürlich irgendwann mal einschreiten. Ging leider etwas in die Hose.“ „Wie meinen Sie das, es ging in die Hose?“ „Wir haben das BKA informiert“, berichtete Timmsen, „und die sind dann gleich mit dem SEK losgezogen, drei Hundertschaften … dann ist eben diese Panne passiert.“ Welche Panne? Timmsen druckste herum. „Sie wussten nicht, was sie tun sollten, da haben sie eben völlig überreagiert. Als sie gesehen haben, dass das alles schon ausgedruckt war und an allen Zeitungsständen erhältlich, sind mit ihnen die Pferde durchgegangen. Und dann hat sich Kai Diekmann in den Weg gestellt.“ „Kai Diekmann? Der Kai Diekmann?“ „Ja. Furchtbar. Fünf Beamte von vorne, sieben von hinten. Dauerfeuer. Schrecklich. Sie haben ihn nur am Haargel identifizieren können. Hallo, was darf ich für Sie tun?“

Hemmungslos mobbten, beleidigten und betrogen die Menschen einander. Hier war eine frustrierte Endzwanzigerin mit Figurproblemen auf der Suche nach Liebe einer Dating-Plattform beigetreten; nach anfangs Erfolg versprechenden Flirtversuchen stellte sich der überaus charmante BadPritt31, laut Profil angehender Chefarzt in der Charité, jedoch als geschiedener Berufskraftfahrer heraus, dem der Unterhalt für seine drei Kinder den größten Teil seiner Frührente nach 22 Arbeitsjahren wegfraß. Das böse Netz hatte sie gefangen und eingelullt, und so rächte sich die Leichtgläubige nun, indem sie den Schwindler verpetzte und ihm die Pest an den Hals schickte, worin sie sich nur graduell vom Gros der übrigen Anrufer unterschied. Ein falsch parkendes Auto war ihnen nicht mehr aufregend genug, doch konnten sie das Bild eines nicht ordnungsgemäß abgestellten Fahrzeugs im Web nachweisen, so deuteten sie es als Aufforderung zum Begehen von Ordnungswidrigkeiten und witterten Terrorismus. Die Republik litt nicht an Beschäftigungsmangel.

„Also eigentlich sollen wir Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet erhalten. Aber wie das im Familienministerium so ist, wenn Du Meinungsfreiheit durchsetzen willst, verbietest Du den Leuten den Mund. Und dafür sind wir da.“ „Sie sind eine Art Zensurbehörde?“ „So würde ich das nicht sehen. Wo die Würde eines anderen verletzt wird, endet die eigene Freiheit. Wir nehmen die Verletztheit der Bürger entgegen und beenden dann… Hallo?“

Ich blätterte das Phrasenhandbuch durch, das man den Telefonisten als Gesprächsleitfaden auf die Tische gelegt hatte. „Meinungsfreiheit, Demokratie und Menschenwürde im Internet im richtigen Maß erhalten“, las ich – man muss demnach ein richtiges Maß finden, innerhalb dessen man die Grundrechte, die in der Verfassung uneingeschränkt zugebilligt werden, noch erhält, um dann alles außerhalb dieser Maßgabe abzuschaffen. Da begriff ich, was gespielt wurde. Und schlagartig wurde mir klar, wohin diese Reise gehen würde. Sicher nicht in die freiheitlich demokratische Grundordnung. Eher in den real existierenden Surrealismus. Bald würde man beim Telefonieren unterbrochen, wenn man unhöflich wäre – irgendwann müsste man nachsitzen, wenn man in seinen Liebesbriefen falsche Kommata setzt.

„Oh Gott… ach du Scheiße!“ Timmsen zitterte. Seine Lippen bewegten sich tonlos. Mit fahrigen Fingern wischte er über die Tastatur. „Jetzt muss ich das BKA aber echt losschicken. Volksverhetzung! Und das wird eine Bombe!“ „Und“, fragte ich, „hat wieder jemand etwas über Tokio Hotel gepostet?“ „Ach was“, stammelte Timmsen, „die Seite des Bundesfamilienministeriums.“


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