Angst nach Plan

25 08 2009

Wohlleben telefonierte noch, als ich den Raum betrat. Mit einer ausholenden Geste lud er mich ein, Platz zu nehmen. „Ja, und Gasmasken. Auf jeden Fall Gasmasken! Wir ziehen dann die Summe von den Einmalhandschuhen ab, verstanden?“ Offenbar handelte es sich um eine dringliche Sache, denn er sprach schnell und notierte nebenbei eifrig Zahlen. „Und vergessen Sie mir bloß nicht die Klebepunkte. Ja, rote und grüne. Oder Gelb, wenn Sie Rot nicht bekommen, das ist unwichtig. Hauptsache, es ist irgendwie rund, bunt und klebt zuverlässig.“

Das Gespräch war beendet und Wohlleben goss Kaffee in meine Tasse. „Wir haben alle Hände voll zu tun, die nächsten Tage werden bestimmt noch anstrengend für uns alle, bis die Schweinegrippe in Sack und Tüten ist.“ Ich fragte ihn, ob er mit der medizinischen Versorgung einigermaßen zurecht käme, doch er schüttelte den Kopf. „Medizinische Versorgung? Nein, das geht mich alles nichts an. Wir koordinieren nur.“ „Also Sie sorgen für einen geordneten Ablauf der Impfungen? Sie kümmern sich um die Logistik?“ „Aber nein“, lachte Wohlleben, „im Gegenteil! Ganz im Gegenteil, wir sind für Panik, Angst und irrationale Reaktionen zuständig.“ „Sie gehören zum Katastrophenschutz, der im Seuchenfall…“ „Ach Gott, nein doch! Wir richten uns nicht auf Panik ein. Wir schüren sie.“

Ich glaubte, mich verhört zu haben. Was war das für eine Dienststelle? „Nennen wir es Hysterie-Management“, erklärte Wohlleben ruhig, „wir rationalisieren Irrationales.“ Hysterie-Management? „Das braucht’s durchaus. Schließlich will Panik gut organisiert sein. Sie ahnen gar nicht, was sonst alles aus dem Ruder laufen könnte.“ Ich wand mich, doch es schien ihn nicht zu beeindrucken. „Unsere Aufgaben sind vorwiegend psychologischer Natur.“ „Massenpsychologie?“ „Ja“, nickte er, „zum großen Teil. Wir steuern Affekte.“ Das verstand ich wieder nicht. „Schauen Sie, es ist doch so: wenn Sie in den Medien täglich mit der Schweinegrippe konfrontiert werden, stürmen ungeheuer viele Affekte auf Sie ein. Angst, Wut, Schuldgefühle, das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit – nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter, das macht etwas mit Ihnen. Jetzt müssen Sie darauf reagieren.“ Er nippte an seinem Kaffee. „Sie dämmen die Überreaktionen ein, richtig?“ Wohlleben schüttelte energisch den Kopf. „Wir putschen sie auf, bevor sie von alleine entstehen können. Durch Deprivation.“

Unter Deprivation hatte ich bislang immer eine Reaktion auf Entzug verstanden. „Das ist ja auch völlig korrekt“, bestätigte Wohlleben, „nur müssen wir eine relative Deprivation da erzeugen, wo wir sie als sozialtherapeutisches Mittel auch nutzen können.“ Sozialpädagogik? „Wenn Sie so wollen. Schauen Sie, es ist doch heute alles so enorm schwierig. Ist Ihr Arbeitsplatz sicher? Denken Sie, dass Sie in den nächsten Tagen das Opfer eines Terroranschlags werden könnten? Fürchten Sie sich davor, dass ein durchgedrehter Richter Sie in Haft nehmen könnte, weil Ihre Schuld nicht zu beweisen ist?“ „Sie treiben den Teufel mit dem Beelzebub aus.“ „Ja, das ist richtig. Es herrscht Angst – das allein wäre noch nicht so gravierend, die ist ja auch durchaus gewünscht – und wir sorgen dafür, dass sich die Angsthasen an der richtigen Stelle in die Hose machen.“

„Was bringt uns denn diese Deprivation? Wir werden angeleitet, uns schlecht zu fühlen?“ „Exakt. Wir trichtern Ihnen ein, dass die Schweinegrippe eine Bedrohung für die ganze Menschheit ist – Sie reagieren mit Panik. Dass sich die Wirtschaft in ihre Einzelteile zerlegt, dass die Umweltzerstörung in einem Riesentempo voranschreitet, dass wir von einem Haufen neoliberaler Arschlöcher für eine außenpolitische Profilneurose verheizt werden – das wäre sozialer Sprengstoff, verstehen Sie? Wenn Sie unbedingt durchdrehen wollen, halten Sie sich an die Spielregeln. Drehen Sie durch, weil die Grippe kommt. Das nimmt Ihnen keiner krumm.“

Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn. „Das wird aufkippen, glauben Sie nicht?“ „Möglich“, gab er zurück, „aber so schnell geben wir nicht auf.“ „Sie müssen damit rechnen, dass jemand die richtigen Fakten zur Hand hat und denken kann.“ Wohlleben lächelte sanft. „Das sehe ich nicht. Gut, wenn – ich sage: wenn – wenn wir die Schweinegrippe bekämpfen wollten und nicht das Volk, würden wir den Leuten einfach empfehlen, sich öfter die Hände zu waschen. Mit einem Mundschutz und einem Dutzend Latexhandschuhen pro Tag wäre die Infektionsgefahr sofort minimiert. Wir könnten den Leuten auch reinen Wein einschenken.“ Also vor den wirklichen Gefahren warnen? „Wirkliche Gefahren…“ Wohlleben schmunzelte. „Schauen Sie, es ist wahrscheinlicher, dass Sie sich in einer Kantine oder im Krankenhaus an Salmonellen infizieren und daran versterben, wenn Sie zu der Schweinegrippe-Risikogruppe gehören. Fordert vielleicht deshalb jemand, alle Grillhähnchen-Stationen niederzubrennen? Oder nehmen Sie AIDS.“ Der Kragen wurde mir eng. „Sie blenden die realen Gefahren aus. Wozu brauchen Sie dann bunte Klebepunkte?“ „Wir könnten den Leuten auch sagen: lackiert Euch die Fußnägel rosa. Völlig egal. Wenn man ihnen sagt, was sie zu tun haben, drehen sie kontrolliert durch. Und wir müssen uns nicht mit einer realen Panik das Leben schwer machen.“

„Das klingt mir alles ziemlich nach einem Notfallplan für einen ABC-Angriff. Ich kenne diese Dinger.“ „Ja, was waren das damals noch Zeiten“, schwärmte Wohlleben, „die Aktentasche über den Kopf ziehen, wenn’s rummst, dann in der Sammeldusche abseifen – aber das war gestern. Es gibt keine Parallele zur biologischen Kriegführung – hier bekämpft die Politik das eigene Volk, was doch immerhin ein Unterschied ist.“ „Sie züchten den Verfolgungswahn“, sagte ich hart, „und verkaufen dann die Medikamente dagegen.“ Er verzog nicht einmal das Gesicht. „Richtig. Und da wir beide Seiten kontrollieren, verlieren wir auch nie die Kontrolle.“ „Das ist menschenverachtend!“ „Menschenverachtend“, replizierte er kalt, „wäre es, der Bevölkerung die nackte Wahrheit zu sagen. Dass diese ganzen Impfungen Unsinn sind, weil die Medikamente über die Kanalisation in Gewässer einfließen, so dass die Wasservögel zu Wirten für resistente Virenstämme werden. Dass diese Stämme fortwährend mutieren und jede Impfung Kokolores ist, weil man schließlich keinen Impfstoff entwickeln kann für Krankheitserreger, die erst in der Zukunft existieren. Menschenverachtend wäre es, den Leuten zu sagen, dass die Immunologen in Bezug auf Grippe vor einem Rätsel stehen, weil sie die Krankheit nicht einmal ansatzweise begreifen, geschweige denn die Therapie. Warum bekommt man die Grippe im Herbst und Winter, wo doch die Viren auch im Sommer herumschwirren? Wollen Sie die Leute damit panisch machen?“

Ich setzte die Kaffeetasse ab. „Immerhin werden Sie dies Spiel nicht ewig so treiben können.“ Er seufzte. „Sie haben Recht. Alle bisherigen Vorhersagen haben sich nicht bewahrheitet, also müssen neue immer drastischer ausfallen. Sonst kriegen Sie doch die Leute nie mehr in eine ordentliche Hysterie rein. Sie reagieren wie der Hamster im Laufrad: wenn sie nicht immer schneller werden, merken sie bald gar nicht mehr, dass das Rad sich dreht.“ „Mit welchem Erfolg?“ „Normalerweise kratzt so ein Hamster kurz und schmerzlos ab. Herzinfarkt aus Blödheit.“ Das Telefon klingelte und Wohlleben nahm den Hörer ab. „So? Wann können wir mit einer Entscheidung rechnen? Ziert sich General Motors noch? Keine Zusage für die Arbeitsplätze? Das ist schlecht. Wir gehen dann nicht mehr von 100.000 Toten aus, sondern von einer halben Million. Sicher ist sicher. Wir können ja immer noch schauen, wie sich der DAX entwickelt.“


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6 responses

25 08 2009
Chris

Danke für diesen Artikel! Da bestätigt sich mal wieder die Annahme, dass zu viel (Mainstream)Medienkonsum zu einer völlig verzerrten Wahrnehmung führen kann. Aber ehrlich gesagt, halte ich das Gro der Deutschen für schlauer. Angst machen funktioniert irgendwann nicht mehr, erst recht nicht, um eine Massenpanik zu schüren. Was haben wir in den letzten Jahren nicht alles überlebt: Rinderwahn, Maul- und Klauenseuche, Ebola, Schweinepest und Vogelgrippe. Gut, dass ich meinen Fernseher bereits abgeschafft habe. Die zwei guten Sendungen, die auf die geschätzten 5000 täglichen Fernsehstunden entfallen, kann ich mir auch im Netz anschauen oder ich verzichte einfach mal.

25 08 2009
bee

Angst bleibt jedoch ein verheerender Trigger, wenn er mit Desinformation gekoppelt ist. Die aktuelle Innenpolitik der Präventivstaatsbefürworter zeigt, wie man mit latenter Furcht das Volk unter Kontrolle halten will. Gerade deshalb wird sich die Zukunft auch an Art. 5 GG entscheiden: wir brauchen die Meinungs-, die Rede-, die Forschungsfreiheit, den Zugang zu allen freien Informationen. Ohne den mündigen Bürger verspielen wir die Chance auf eine demokratische Gesellschaft.

25 08 2009
Chris

Absolute Zustimmung! Ich glaub allerdings, dass mit der Angst war nie anders und wird nie anders sein. Angst ist evolutionär und wird natürlich ausgenutzt, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, Griechenland oder Brasilien. Früher was es die Kirche, heute diffuse Lobbygruppen und Konzerne. Ich denke es braucht einfach alle Kräfte in einer Gesellschaft, auch diese. Jeder zu starke Trend führt zu einem Gegentrend. Man darf sich nicht verrückt machen lassen. Aufklärung, Transparenz und gesunder Menschenverstand tun allerdings oftmals Not; und gesunde Skepsis und Widerstand, sind meines Erachtens oberste Bürgerpflichten, damals wie heute. Die Grünen oder neuerlich, die Piraten, hätte es ohne dieses Brainwashing nicht gegeben.

25 08 2009
bee

Gerade aber evolutionäre Angst eignet sich dazu, instrumentalisiert zu werden; wenn man Kierkegaard hier weiter und zu Ende denkt: die ungerichtete Angst vor der Existenz an sich wird auf ein Ziel gelenkt. Das führt zu Intoleranz in ihren widerlichsten Formen, zu Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus.

Der Mensch ist ein angstgetriebenes Wesen. Das war zunächst meine Triebfeder, diesen Text zu schreiben, denn wir sind leider weit davon entfernt, eine Gesellschaft zu sein, die existenzielle Ängste ernst nimmt, die die Ängstlichen integriert oder ihnen wenigstens Solidarität bietet. Da gebe ich Dir Recht, dass Aufklärung, Transparenz und gesunder Menschenverstand die Mittel sind, mit denen man eine angstfreie Gesellschaft schafft. Gäbe es noch diese politische Haltung, wie sie Skandinavien oder die Niederlande vor Jahren hatten: eine Perspektive ohne Vorurteile, eine pragmatische, ja kantische Vernunft, die man dem Bürger ohne Schnickschnack vermittelt, man müsste sie in Deutschland neu etablieren.

25 08 2009
lamiacucina

für die Schweiz rechnete das zuständige Bundesamt mit bis zu 2 Millionen (1/4 der Bevölkerung) Grippefällen bis September. Der Virus wird sich beeilen müssen, wenn er bis dahin die 1000-er Grenze (eintausend) erreichen will.

25 08 2009
bee

Den Viren fehlt einfach der Sinn für Statistik. Und es ist schon eine Sauerei, wenn das BAG/OFSP/UFSP ihnen einfach mit Händewaschen und Papiertaschentüchern den drohenden Weltuntergang vermasselt 😉

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