Germanisches Café oder Das dicke Ende

29 08 2009

für Kurt Tucholsky

Nun sind die Teller abgeräumt.
Man hat gespeist, getrunken.
Mehr geht nicht rein. Der Schaumwein schäumt.
Dem Kellner wird gewunken.
Ein Solei. Eis. Forelle blau.
Kartoffeln. Schinken und Kakao.
Dazu Kaffee: zwei Schalen.
    „Zahlen!“

Was bleibt vom Lohn? was reicht fürs Brot?
Wie schnell ist das verflogen.
Dem Bürger wird schon vor dem Tod
das Hemd vom Leib gezogen.
Akzisen. Maut. Die Erbschaftssteuer.
Das Wasser: steigt. Der Strom: bleibt teuer.
Die Mühlen ewig mahlen.
    „Zahlen! Zahlen!“

Nur in Berlin, da geht’s noch an,
im Kanzlerinnenladen
sind Grafen, König, Ackermann
im Speck wie alle Maden.
Das frisst und feiert, prasst und schlemmt,
bedient sich selbst ganz ungehemmt.
Das Volk wird’s bei den Wahlen
    zahlen.


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10 responses

29 08 2009
Mike Seeger

„Nun sind die Teller abgeräumt.
Man hat gespeist, und trinkt.
Mehr geht nicht rein. Der Schaumwein schäumt.
Dem Kellner wird gewinkt.“

Ich trau mich einfach mal …

29 08 2009
Tante Jay

@Mike, ich vermute mal, das fällt unter dichterische Freiheit. 😉

Bee, dein Gedicht in Gottes Gehörgang. Und dem vom Volke. Da muss was passieren, das wird allmählich so unglaublich übel, dass einem unglaublich übel werden kann…

29 08 2009
bee

Mir wird bei allem immer unwohler. Seit gut zehn Jahren wandert alles um mich herum aus. Aber ist das die Lösung? Ich meine, nein.

3 09 2009
Raven

Auswandern? Ein Irrtum, der glaubt, in anderen Ländern sähe es anders aus. Das ’Böse‘ ist überall. 😉

3 09 2009
bee

Dann ist es ja letztlich egal, wo man ist.

Andererseits ist es eine Frage der Gesellschaft. Manchmal habe ich den Eindruck, unter Skandinaviern oder Niederländern würde ich mich weniger eingezwängt fühlen.

4 09 2009
Raven

Ach Bee, die Skandinavier und die Holländer scheinen sowieso immer die Coolsten zu sein. 😀

Die Norweger haben sicher weniger Probleme, da man, bei einer Bevölkerungzahl von etwas über die von Berlin, sich zur Not gut aus dem Weg gehen kann . 😉

In dem Umweltschutzvorzeigeland Schweden sind einer Umfrage zufolge mittlerweile 60 % wieder für Atomkraft!

Die Kanadier (2. Heimat), die ich eigentlich sehr gern hab und immer auf sie stolz war, weil sie sich klar von den USA distanzierten, werden auch immer „komischer“. Viele sind durch Bush gebrainwashed worden und glauben, dass sie von der USA beschützt werden müssten. ???

Und die Kiwis (Neuseeländer) erst! Sie sind eines der liebenswertesen und coolsten Völker überhaupt! 😀

Aber eins darf man bei dem ganzen Thema Auswandern nicht vergessen:

”It’s easy to meet, but hard to join.“

Es kommt eben auf jeden einzelnen an, wie man sich einzwängen lässt. Ich ärgere mich ab und zu auch über die „Deutschen“. Aber ich kann in diesem Land sehr frei und unabhängig mein Leben gestalten. In vielen (in den meisten) Ländern diesr Welt wäre es, allein weil ich eine Frau bin, undenkbar.

4 09 2009
bee

Am besten beurteilen kann ich sicherlich die Niederlande, da dort Freunde von mir leben. Es sind einfach so viele Kleinigkeiten in der Sozial-, Innen-, Arbeitsmarktpolitik, bei denen ich mich frage, warum eine vernünftige, den Interessen der Bürger entsprechende Politik nicht auch hier funktionieren soll.

Bis zu einem gewissen Grad mag es daran liegen, dass die Niederländer die Deutschen mögen, aber es wurde ihnen schon sehr früh nahegelegt, niederländische Staatsbürger zu werden. Man zieht sie ins Boot. Es ist ihnen völlig egal, wo sie herkommen und was sie machen, solange sie nur das Bedürfnis haben, als ganz normale Menschen dort zu leben.

Selbst in Polen, das nun wirklich nicht als Musterländle der straffen Verwaltung gilt, werden Unternehmensgründer mit offenen Armen empfangen und man ebnet ihnen die Wege, wo man nur kann. In Deutschland mal eben eine GmbH gründen? Der schnellste Weg, die Regulierungswut der Behörden kennen zu lernen, die sich noch untereinander aufs Blut bekämpfen.

Wir haben sicherlich Freiheit, aber haben wir Common sense?

7 09 2009
Raven

Common sense? Hm, jedes Land hat seine Idioten und Gutmenschen. 😉 Arbeitspolitisch hier und lockere Bürokratie dort heraus picken beantwortet aber nicht alles. Wenn es für Existenzgründer in Polen leichter gemacht wird, würdest du denn lieber in Polen leben? Also, mir ist dann ein wenig mehr Bürokratie lieber als eine rassistische Politik.

Leider gibt es nicht das Gelobte Land in dem alles Perfekt ist. Hier in D läuft sicherlich nicht alles Rund. Beim Thema Politik könnte ich auch ständig in den Tisch beissen, aber Menschen (ein Volk), die ab und zu was in Frage stellen und es auch auch noch straffrei dürfen, ist für mich schon was positives. (Wobei die Deutschen einen geradezu besessen Drang zur Selbstzerfleischung dabei entwickeln.) 😛

Man wird überall, auch in den Niederlanden, an irgendwelche Grenzen stoßen. Es ist dann die eigenene Entscheidung, welche am ehesten zu (ertragen) tolerieren sind. 🙂

Bee, am Ende bist du vielleicht deutscher als du denkst: Nie zufrieden und immer am nörgeln wie es besser gehen müsste. 😉 *lol*

7 09 2009
bee

Die Frage ist für mich: wo hänge ich meinen Hut an den Nagel? Wo kann ich leben? Derzeit ist das Deutschland, auch wenn mich jeder Blick von außen zurück in meine Heimat ein bisschen skeptischer werden lässt. Das ist auch nicht erst seit kurzer Zeit so, ich trage diese Neigung seit Jahrzehnten mit mir herum.

Es gibt sicherlich kein perfektes Staatsmodell, so wie es auch nie eine perfekte Gesellschaft geben wird; alles, was wir erreichen können, sind Näherungswerte, nie ein Ideal. Common sense, wie er sich etwa als Grundlage der englischen Staats- und Machtsystems bewährt hat, ist für mich auch eine der Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie: a pliant control nannte das der Journalist John Osborne einmal, eine brillante Formulierung, die ich sehr bewundere. Wir sind dabei, Adornos verwaltete Welt zu perfektionieren, in der der Staat planmäßig den Interessen seiner Bürger zuwiderhandelt. Wir haben einen Staat, in dem der Bürger nicht mehr Souverän, sondern Subjekt ist.

Nur ein paar Beispiele, damit es nicht zu theoretisch wird: wir wollen bezahlbare, risikofreie Energie, aber wir verhindern es immer wieder planmäßig, die Atomkraftkonzerne von den Fleischtöpfen zu verdrängen. Wir wollen eine funktionierende Wirtschaft, die flächendeckend von kleinen und mittleren Betrieben gestützt wird, und verhindern, dass alteingesessene Betriebe modern weitergeführt werden und Ausbildungsplätze bieten, indem wir die überflüssigen Handels- und Handwerkskammern mitsamt ihren mittelalterlichen Vorstellungen von Betriebs- und Volkswirtschaft am Leben erhalten. Wir wollen das Bildungsangebot am liebsten schon in der Kita beginnen lassen – also kürzen wir am Gehalt der Erzieher und drücken dafür den Studierenden Gebühren auf.

Nein, ich nörgle nicht. Ein Idealist – und jeder Satiriker ist Idealist, auch wenn er es leugnen will – nörgelt nicht, ein Idealist kritisiert. Das ist viel schwieriger, weil man dazu die Sache durchdenken und Antworten parat haben muss 😉

7 09 2009
Raven

Nee, ist klar. Dein Blogname ist Programm, wollte ich jetzt auch nicht in Frage stellen. *nörgelnörgelnörgel*

Was die Politik betrifft hast du 100%ig recht! Aber manchmal habe ich den Verdacht, dass diese Art und Weise, wie mit den Bürgern (uns) umgegangen wird auch nur in Deutschland funktionieren kann. Woanders gäbe es sicherlich wegen geringerem eine Revolution. Hier wird alles hingenommen. Was? 10 Euro Arztpraxengebühr?! Okay. Solibeitrag, immer noch?! Okay. Überteuerte Medikamente?! Okay. Genmais?! Jau! Du hast Recht. Was will man von einem Volk verlangen, das am liebsten RTL schaut? Hauptsache keiner nimmt einem den Fernseher weg. *seufz*

Ach Bee, es ist alles so schlimm. Jetzt hast du es geschafft, mich so richtig runter zu ziehen. Ich glaub ich wander aus. 😛

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