Dialektik der Aufklärung

1 09 2009

„Und Sie sind wirklich eine richtige terroristische Vereinigung? Mit allem, was dazugehört?“ „Und ob. Wir werden diesen Staat in die Knie zwingen.“ „Haben Sie denn nichts aus der Geschichte gelernt? Bedeuten Ihnen die Toten etwa nichts? nicht einmal die Verletzten?“ „Ach, ich bitte Sie. Das war doch gestern. Heute macht man das ganz anders. Wir sind postmodern. Wir agieren im 21. Jahrhundert. Wir sind in der Wirklichkeit angekommen, die dieser Staat ausblendet, weil er zu mehr als Ausblenden längst nicht mehr in der Lage ist.“

„Also, wenn ich ganz ehrlich sein soll…“ „Ich bitte darum.“ „Mir klingt das noch viel zu sehr nach RAF. Sogar den Namen haben Sie da abgeschaut.“ „Sie haben sich ja sehr eingehend mit unserer Selbstdarstellung befasst, mein Freund. Fast hätten Sie’s verstanden, Sie kamen nur nicht dazu, es vorher zu lesen. Haben Sie schon mal eine Karriere beim Bundeskriminalamt in Erwägung gezogen?“ „Lassen Sie die dummen Witze! Sie sind eine Terrororganisation, die unschuldige Bürger tötet und…“ „Bevor Sie Ihren Blutdruck noch mehr strapazieren als meine Geduld, war Ihnen eigentlich auf dem Aufnahmeantrag aufgefallen, dass wir niemanden akzeptieren, der schon einmal wegen Straftaten gegen Leib und Leben verurteilt wurde? wegen Sachbeschädigung, Brandstiftung oder auch Landfriedensbruch? Dass wir keinen haben wollen, der Schusswaffen besitzt oder benutzt? Hm?“ „Und wie wollen Sie dann Sprengstoffattentate verüben? Schmeißen Sie jedes Mal Ihr komplettes Personal raus, damit Sie nur Ersttäter dabei haben?“ „Gott, was sind Sie lächerlich! Sie kommen ja gar nicht los von Ihren Klischees! Die DAF hat doch nichts mit dem antiimperialistischen Gekasper dieser selbst ernannten Gesellschaftsbeglücker zu tun. Ein paar Spinner, die meinten, man könnte mit Maschinenpistolen eine blökenden Schafherde in die Freiheit treiben – was für ein Unfug! Die RAF war ein Haufen Deppen. Diese Stadtguerilla hat ihr verdientes Ende gefunden im real existierenden Antifaschismus, als sie in der Kaufhalle nach Bananen anstehen durften.“ „Und Ihre Deutsche Armee Fraktion…“ „Sie sind des Lesens mächtig? Ja? Was steht auf dem Formular?“ „Dialektische Aktions-Front?“ „Na bitte. Geht doch.“

„Hm. Gut. Aber Dialektik, Aktion, das klingt mir doch sehr abgehoben. Sie machen doch wieder nur so eine Art Überbau, den dann keiner mehr kapiert.“ „Ja, nennen Sie das Kind ruhig beim Namen. Wir sind Aufklärer.“ „Aufklärer? Das sehe ich kritisch.“ „Trösten Sie sich, wir sind auch der Kritischen Theorie verbunden. Ansonsten hätten wir nicht Adorno zu unserem Schutzpatron gewählt. Die Aufklärung als Herrschaft verkehrt sich ins Gegenteil, wenn sie zum Totalitarismus wird; wir hingegen arbeiten erneut mit dialektischen Mitteln gegen den Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation.“ „Das heißt, Sie wollen das Bürgertum gar nicht…“ „Ach, woher. Wir sind doch selbst bürgerlich. Das ist unsere Triebfeder.“

„Was Sie da über die Kritische Theorie sagen, was soll das denn für Auswirkungen für den politischen Kampf haben?“ „Vor allem praktische. Wir vergessen zu leicht, dass alle diese Umstände, die unsere Gesellschaft formen, erst durch das Zustandekommen von Herrschaft entstehen.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Sollten Sie aber. In einer Demokratie sind Sie der Souverän. Es darf also kein Volksvertreter die Demokratie abschaffen, nur weil er zum Volksvertreter gewählt wurde.“ „Das sehe ich ein.“ „Gut. Sie begreifen also, dass das, was politisch passiert, nicht vom Himmel fällt?“ „Ja.“ „Dass man sich dagegen wehren kann?“ „Ja.“ „Und dass man sich dagegen wehren muss?“ „Auch das.“ „Dann haben Sie ja den Wesenskern der DAF schon verstanden.“

„Warum nennen Sie sich dann Terroristen, wenn Sie politisch arbeiten?“ „Weil das eine Frage der Definition ist.“ „Der Definition?“ „Der Definition. Terroristen verstehen sich als Freiheitskämpfer. Wir sind Freiheitskämpfer…“ „… also dialektisch verstanden: Terroristen?“ „Allerdings.“ „Das ist mir zu hoch. Es ist doch nicht jeder Freiheitskämpfer ein Terrorist.“ „Kommt darauf an, wen Sie fragen. Auch tibetische Mönche sind Terroristen. Für die Chinesen jedenfalls.“

„Sie schreiben in Ihrer Broschüre, dass Sie gegen den Präventivstaat sind. Was wollen Sie denn da bekämpfen?“ „Den Präventivstaat an sich. Schäuble und sein BKA.“ „Weil die Deutschen eingeengt werden durch die Überwachung?“ „Nicht eingeengt. Vor Angst gelähmt. Das ist ein ganz entscheidender Unterschied.“ „Und wie wollen Sie diese Lähmung bekämpfen.“ „Dialektisch. Wir lähmen die Lahmleger.“ „Und was tun Sie?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Jawohl. Nichts.“ „Und wie soll das funktionieren?“ „Schauen Sie, das BKA beschattet jeden Dreck, speichert Daten auf Vorrat, schnüffelt hinter jedem her, der erst wegen der Schnüffelei mal Gefährder werden könnte. Wir lähmen die Brüder, indem wir uns beobachten lassen. Präventiv.“ „Aber dazu muss das BKA doch wissen, dass wir…“ „Wissen Sie, wie billig heute ein V-Mann ist?“ „Verstehe. Die Schlapphüte sind also hinter uns her. Und was passiert dann?“ „Na, nichts eben. ‚Wer nichts verbricht, hat nichts zu befürchten‘ – wir nehmen das dialektisch.“ „Und weil das ganze BKA damit sinnlos seine Zeit verplempert…“ „… zwingen wir damit Schäubles Schnüffelstaat instrumentell in die Knie. Es ist uns nichts nachzuweisen, weil wir absolut nichts Ungesetzliches tun. Wir sind keine Schläfer, wir bauen keine Bomben, wollen die Verfassung nicht aushöhlen, wir sind weder Extremisten noch gefährlich. Wir sind das große Loch, in das der Innenminister seine Kohle reinschaufelt.“ „Genialer Plan!“ „Ich wusste, Sie würden sich uns früher oder später anschließen. Bitte hier zu unterschreiben, der Mitgliedsausweis geht Ihnen in den kommenden Tagen zu. Und hier haben Sie schon mal unser politisches Manifest.“ „Das Grundgesetz?“ „Was haben denn Sie gedacht?“