Jubelperser

10 09 2009

Am Empfang saß eine sehr diskrete Dame, die mich über den Rand ihrer Brille musterte wie ein Stück Vieh. „Sie sind möglicherweise nicht unser Typ“, teilte sie mir mit gezwungener Freundlichkeit mit, „aber wenn Sie durchaus darauf bestehen, werde ich sehen, was sich machen lässt.“ „Lassen Sie nur, Frau Blümlein“, beeilte sich der Mann im korrekten Anzug, der plötzlich hinter ihr wie aus dem Parkettboden gewachsen stand, „der Herr ist nicht wegen einer Bewerbung gekommen.“ Das betretene Blümlein inspizierte gewissenhaft ihren Nagellack, während er mir die Hand gab. „Philipp Brausekopf, sehr angenehm. Sie kommen auf Empfehlung von Seyboldt, nehme ich an?“ Das entsprach den Tatsachen; Seyboldt ist rechthaberisch, ein notorischer Besserwisser, von stinkender Arroganz, ungebildet, penetrant wie ein Staubsaugervertreter und vor allem charakterlos, kurz: ich hatte nie einen besseren PR-Berater kennen gelernt.

„Möchten Sie schon etwas fest buchen“, fragte Brausekopf mich im Aufzug, „oder wollen Sie sich lieber vorab einen Überblick über unseren Vorrat verschaffen?“ Ich wollte erst einmal sehen, denn so ganz klar war mir nicht, was in diesem Laden so getrieben würde. „Wir haben ein ausgeklügeltes Suchraster, das wir ganz genau an Ihre Bedürfnisse anpassen können. Jederzeit das richtige Personal, ist das nicht wundervoll?“ „Also sind Sie eine Agentur für Zeitarbeit?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben hier nur freie Mitarbeiter, die jeweils für einen Event gebucht werden können. Sie versorgen uns mit Ihren jeweiligen Vorgaben, der Computer erledigt den Rest – Sie sind mit dem Personal People Pool allzeit gut beraten. Darf ich Ihnen einmal unsere Datenbank zeigen?“ Und er führte mich in einen Büroraum, in dem ein Rechner stand. „Nehmen Sie Platz.“

Endlose Reihen von Namen, Daten, Auswahl- und Eingabeboxen scrollten den Bildschirm herab. „Nehmen wir einmal an, Sie wollen einen Betrieb besichtigen. Die Presse soll natürlich dabei sein, das Fernsehen, es wird fotografiert, möglicherweise filmt jemand das und stellt es hinterher ins Internet. Sie sehen, es gibt einige Dinge zu bedenken. Was brauchen Sie nun?“ „Einen PR-Manager?“, fragte ich unsicher. „Viel einfacher“, lächelte Brausekopf, „zunächst einmal brauchen Sie die richtige Staffage und das perfekte Personal. Sie wählen aus, wer für Ihr PR-Ereignis gebraucht wird, Sie inszenieren die ganze Sache, und wir schicken Ihnen die Leute.“ „Ich komme also als Politiker zu Ihnen und ordere dann ein paar Arbeitergesichter? Wäre es nicht viel einfacher, gleich die Belegschaft der Firma zu nehmen?“ „Sie missverstehen. Es geht hier nicht einfach nur um Gesichter – schauen Sie sich die Suchmaske an. Wir sortieren nicht nur nach Alter, Geschlecht, Haarfarbe, wir haben eine Fülle von Kriterien.“ Er gab ein paar Zahlen ein, drückte eine Taste, und die Datenbank spuckte eine Reihe von Kandidaten aus. „Kleinwüchsige. Keiner größer als einen Meter dreißig. Hätte Sarkozy uns damit beauftragt, er hätte lauter Hutzelzwerge um sich herum gehabt. Auch die Hausfrauen, die das Unterrichtsministerium zum Lügen in den Supermarkt geschickt hatte, hätten wir liefern können: ein Dutzend Damen mit Dyskalkulie hätten sofort und glaubwürdig bestätigt, dass bei einer Preissteigerung von hundert Prozent alles billiger wird. Voilà!“ Und der Rechner ließ eine Liste sehr kleiner Französinnen mit Rechenschwäche vom Stapel.

„Sie lehren also die Bilder lügen“, sagte ich trocken. „Aber woher denn? Schauen Sie, wenn diese Frauen das sagen, ist es doch vollkommen korrekt. Wenn ich einen Blinden befrage und er mir sagt, er könne keinen Unterschied sehen, ist das dann gelogen? Na?“

„Machen wir es kurz, Brausekopf“, antwortete ich, „Sie vermieten Jubelperser. Sie organisieren das Hintergrundrauschen, das die Manipulation erst ermöglicht.“ „Das müssen Sie doch verstehen!“ Er war offensichtlich gekränkt. „Man braucht doch Publikum, um eine Öffentlichkeit darzustellen – soll denn der Bürger glauben, dass sich alles nur hinter verschlossenen Türen abspielt? Sehen Sie mal.“ Wieder tippte er an der Suchmaske herum. „Rentner, politische Orientierung, so, und jetzt noch den beglaubigten Intelligenzquotienten… na? Frau von der Leyen ist immer sehr zufrieden, wenn wir ihren Wahlkampf beschicken.“ Ich schwieg. „Na, wir drehen mal da noch ein bisschen am IQ, dann nehmen wir mal das Alter raus… so, hier können wir vielleicht noch ein bisschen Vorstrafenregister reinnehmen…“ Er geriet regelrecht ins Schwärmen. „Jede Menge Vollidioten. Die ideale Kulisse für einen NPD-Parteitag.“

„Fassen wir es zusammen, Herr Brausekopf: Sie basteln hier etwas zusammen, das für die Realität gehalten wird und nicht ist.“ „Papperlapapp“, fiel er mir ins Wort, „was glauben Sie eigentlich, warum sich der Kohl damals immer zwischen Blüm und den Grafen Lambsdorff gestellt hat, wenn die Fotografen kamen? Denken Sie, das ist neu?“ „Und woher haben Sie die ganzen Daten? Das muss ja ein enormer logistischer Aufwand sein, Tausende in diese Datenbank aufzunehmen und die Daten dann zu pflegen?“ „Nun ja“, druckste er, „wir arbeiten ja eng mit der Wirtschaft zusammen.“ Mit der Wirtschaft? „Schauen Sie, wenn die Deutsche Bahn AG jemanden schon mal zufällig ins Visier genommen haben sollte…“


Aktionen

Information

2 responses

10 09 2009
Heiko

Das ist schönes und vor allem lebendiges Deutsch.

Versteh‘ das nicht als Arschkriecherei, sondern eher als Aufforderung und insgeheimer Wunsch, in diesem Stil weiter zu arbeiten.

Grüße,

Heiko.

10 09 2009
bee

Warum Arschkriecherei? Man lebt doch auch von positiver Kritik. Und natürlich freue ich mich über Anerkennung 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: