Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIV): Krawalltalkshows

11 09 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tatort: eine beliebige Kneipe nach Einbruch der Dunkelheit, randvoll mit Randvollen. Angeheizt vom Doppelkorn lallen sich die Angehörigen des Bildungs- und Geschmacksprekariats die Reste ihres verkorksten Lebens zwischen Arge und Abtreibungsberatung in die blutenden Ohren, bis das letzte Sprachzentrum unter dem Druck des Dummfugs implodiert und Platz schafft für noch mehr Stroh unter der Fontanelle. Szenenwechsel. In der Selbsthilfegruppe bekennt der Bodensatz der von Hirnzellenatrophie befallenen Patienten, dass nach der jahrelang betriebenen Schädelentkernung alles im Arsch ist. Schemenhaft schwiemelt sich die Erinnerung an bessere Tage durch die Dachkammer, der Neuroblaster will zu gerne in die Welt aus Bier, Stütze und Barbara Salesch zurück, die ihm schon Minuten nach dem Tagesanbruch um die späte Mittagszeit ein strukturiertes Taumeln in den Abgrund ermöglichte.

Beides zu finden, die tägliche Scheiße zu leben und sie in einem immerwährenden Sprechdurchfall auf die anderen Behämmerten loszulassen, dieser sadomasochistische Seligkeitszustand gelang dem gemeinen Torfschädel in der kongenialen Synthese des Daily Talk, wo sich die Unterschicht wie im Schminkspiegel beim Verblöden zusah und nicht bemerken musste, dass sie selbst den letzten Anflug von Einsicht für kurzfristige Gesichtsprominenz hingab. Als hätte sich Rilke eine Klappstulle aus Welt und Gegenbild geschmiert, so molekular verzahnt pappte beides aufeinander und gab dem Bekloppten das gnädige Gefühl von Sicherheit.

Das Dysfunktionale, hier wird’s Ereignis. Wusste der durchschnittliche Vollspaten bisher noch nicht, dass die Mehrheit der Bundesbürger den optischen Körpergeruch zur Kunstform erhebt, hier erfährt’s der arbeitslose Unterstützer der Brauerei- und Zigarettenbranche dinglich, BILD-haft gar. Als litte der Schwachmat mit den IQ knapp unterhalb dem einer ausgestopften Bartagame unter einer schweren Vernunftallergie, so wird er von den Medizinmännern desensibilisiert: wenn die 20-jährige Mandy aus Kötzschenbroda nach fünf erfolgreich absolvierten Schwangerschaften endlich in der Lage ist, den sechsten Stecher per DNA-Test dingfest zu machen, beim Lügendetektortest aber weinend zusammenklappt, weil der Samenspender sich als Angehöriger eines feindlichen Volksstamms herausstellt – er geht bereits seit Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit nach – dann hat sich der Empfang der Flachmannwellen gelohnt. Tränen lügen nicht, Rotz, Eiter und Blut werden rausgewienert vom zwischengeschalteten Waschmittel-Commercial, und das nächste Blödmanns-Quiz folgt auf dem Fuße: 500 Euro für die Frage, ob ein Jahr zwölf oder vierzehn Monate hat. Da könnte man schon mal ans Denken kommen, wären die letzten Synapsen nicht frisch verlötet.

Die Zementierung der Klassengesellschaft in Treue fest wird von den Blödblunzen bezahlt, als gäb’s einen Hauptschulabschluss zum Ausmalen in der ersten Gewinnklasse. In der Unterbrechung der Werbepausen verfolgt das Unbildungsbürgertum das große Andere beim Ausleiern der Reizspirale, stellvertretend repräsentiert von bunt angemalten Blondgeschossen. Bad Britt löst unter eleganten Titeln wie Fettmagnet – An dir bleibt jede Pommes kleben oder 90–60–90 – Wozu brauche ich Abitur? die letzten Geheimnisse der aussterbenden Menschheit und klärt letzthinnig auf, warum man im Postkapitalismus als Teil der Ausschussware besser poppt und die Wurfprämie für die anwachsende Mobilfunkrechnung einsetzt. Dergestalt instruiert lehnt sich der Sedierte im Müll zurück und genießt die Selbstbespiegelung des Asozialen wie einen Themenwanderweg durch den Modder seines beschissenen Daseins: die Pappnase vor der Mattscheibe wird Konsument des eigenen Lebens und darf sich, als Ressourcen schonendes Recycling, von dem Brei ernähren, den sie auskotzt.

Doch damit ist Schluss. Die Sender säubern ihre Müllschlucker und sortieren das Trashangebot neu. Ab jetzt wird nur noch Qualitätsabfall in den Äther gehauen. Die Bescheuerten müssen ab sofort ohne Sozialporno als Masturbationshilfe für Eunuchen ihre Desolationshaft erdulden. Vorbei die Zeiten, in denen Andreas Türck, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und Hans Meiser in die Verwahrlosung gekrochen kamen und Lebenshilfe bis zum Suizid gaben. Das Affektfernsehen hat ausgedient, nicht einmal Oliver Geissen hält es in den Tiefen des Triviallala, und hoffen wir, dass die Freakshows besser zwischengelagert werden als in der Asse, bevor 9Live den Dreck aufs Neue hochspült.

Allein der Brittstift klebt als letzte Bastion der geistigen Verelendung an der Restquote. Bald ist auch sie vom Radar verschwunden, sie werden ihre Visage entsorgen wie ein benutztes Kranichtütchen, und das Format aus Bescheuerten für Bekloppte wird vergessen. Was bleibt, wird der dauerblaue Couchhocker sein, festgewachsen im fleckigen Feinripp, urteilsfähig wie ein Reststoffsack und mit den Körperformen von Vera Int-Veen.


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4 responses

11 09 2009
Mike Seeger

Um so etwas zu kommentieren, muss man es gesehen haben. Respekt! Ich könnte mir so etwas nicht anschauen. Genau so wenig, wie aufplatzende Eiterbeulen oder Magendurchbrüche live und in Farbe, womöglich in 3D. Da kräuseln sich mir die Eingeweide, und es kommen schlimme Gedanken in mir hoch.

11 09 2009
bee

Das ist eben der kleine, aber bedeutende Unterschied zwischen uns. Ich finde kopulierendes Ungeziefer auf einer Sahnetorte nur widerlich, der Kollege Olzheimer betrachtet es mit dem nüchternen Interesse des Forschers.

11 09 2009
VEB wortfeile

dafür schreibt sich herr olzheimer dann in den rausch 😉 rilkes klappstulle, wunderbar 😀
ich hatte mal im krankenhaus eine bettnachbarin, die sich sowas intravenös gegeben hat. das hat sie jedenfalls nicht schneller gesunden lassen… etwas mehr didaktisches geschick könnte den programmmachern nicht schaden, auch auf die gefahr hin, daß das bildungsvermögen nur gering ausgeprägt ist.

11 09 2009
bee

Andererseits ist die Perspektive verlockend, den Schmadder als kostenfreies Narkotikum einzusetzen. Nach drei Folgen Talkshow sollte der Patient bereits derart verdämmert sein, dass auch der etwas ungeschickte Internist nicht mehr viel Gegenwehr bei der Untersuchung zu befürchten hätte 😉

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