Dachschaden

15 09 2009

„Dass sie einen gewaltigen Hieb hat…“ „Herr Professor, mäßigen Sie Ihren Tonfall! Sie sprechen hier immerhin von der Frau Bundeskanzlerin!“ „… abkriegen müssen, war offensichtlich. Die Glastür kam ja ungebremst auf ihre Stirn zugeschwungen.“ Bracksiefer klappte sein Täschchen zu und ließ die Patientin weiter delirieren. Hier war sein Wissen als Neurologe nicht mehr gefragt. Gehirnerschütterung. Alles weitere würde sich in den nächsten Stunden und Tagen von selbst ergeben.

„Aber das sieht mir nicht nach einem einfachen Fall aus, Herr Professor“, hakte der Ministeriale nach, „sie ist schon seit Tagen in diesem Zustand und redet wirres Zeugs.“ „Sie hat eine retrograde Amnesie“, bestätigte der Arzt, „kein Wunder bei dem Schwinger. Dabei hatte ihre Ministerin ausdrücklich ‚Stopp!‘ gerufen.“ „Und dann hat sie ausgeholt und der Kanzlerin die Tür mit voller Wucht ins Gesicht gehauen. Ich habe es selbst gesehen.“ „Also keine Fahrlässigkeit im Spiel?“ „Unsere Juristen meinen: nein. Aber ob das jetzt gut oder schlecht ist, das können wir noch nicht sagen. Wir sehen nur, wie sich ihr Zustand verschlechtert. Bis gestern hielt sie sich für die Agitprop-Sekretärin der FDJ, aber heute morgen kam sie ins Kanzleramt und machte einen auf Staatsratsvorsitzende.“ „Sie hält sich für die Staatsratsvorsitzende? Herrgott, warum sagen Sie das nicht gleich?“ „Sie hätten es doch bemerken müssen, Herr Professor.“

Tatsächlich sprach die CDU-Vorsitzende bereits mit einem erstaunlich sächselnden Beiklang in der Stimme. Sie honeckerte. „Die Christlich-Sozialistische Einheitspartei“ – sie sagte Eenheetsbordei – „und der Nationale Verteidigungsrat werden die Genossen, die die Schusswaffe in Afghanistan erfolgreich angewandt haben, belobigen.“ Der Ministerialbeamte schlug sich die Hand gegen die Stirn. „Das darf nicht wahr sein! Dabei soll sie diese Woche noch fünf Auftritte absolvieren, das wird ein Desaster!“ „Was soll ich denn machen“, stöhnte Bracksiefer, „wir können sie ja höchstens sedieren. Aber das bringt uns ja auch nicht weiter. Wir müssen sie gewähren lassen.“

Unterdessen war die Kanzlerin nicht untätig beblieben. Sie hatte das FDP-Programm auf ihrem Schreibtisch entdeckt und war beim Überfliegen zornrot angelaufen. „Diese systemkapitalistische Unterminierung der sozialistischen Planwirtschaft werden wir nicht länger dulden! Die neoliberalen Diversanten kommen mir alle nach Bautzen!“ Der Beamte versuchte, beruhigend auf die Chefin einzuwirken, doch sie regte sich nur noch mehr auf. „Und diesen bourgeoisen Bayern da, diesen Freiherrn, will ich im Staatsrat auch nicht mehr sehen! Schicken Sie ihn nach Sibirien!“ „Frau Merkel, die…“ „Für Sie immer noch Genossin Staatsratsvorsitzende!“ „Frau Genossin, es stehen Wahlen vor der Tür, Sie müssen sich jetzt ein bisschen zusammenreißen.“ „Wahlen? Das ist mir doch egal. Schließlich ist die Zusammensetzung der Volkskammer nie eine andere gewesen.“

„Sie deliriert“, befand Bracksiefer. „Sie kann ihre Wunschvorstellungen nicht mehr von der Realität trennen. Am besten, wir widersprechen ihr nicht, sonst provozieren wir eine tiefer gehende Schädigung.“ Und wirklich erweckte die Frau im Hosenanzug leise Zweifel, noch Herrin der Lage zu sein. „Die Krise der Sozialismus ist überwunden! Durch das Volk und für das Volk wurde Großes vollbracht! Und jetzt wird die Abwrackprämie ausgeweitet!“ Die Verwalter um sie herum nickten verzweifelt. „Jeder Kosmonaut“, krähte die Komsomolzin, „der uns einen Sputnik ins Amt für gegenseitige Wirtschaftshilfe bringt, bekommt 2.500 Mark der Deutschen Notenbank und rückt in der Warteliste für seinen neuen Wartburg um drei Plätze nach vorne!“ Bracksiefer schüttelte den Kopf und flüsterte dem Ministeriumssprecher zu: „Jetzt bloß nicht wieder die Wahl ins Spiel bringen.“ Doch sie hatte es gehört. „Wahlen? Das ist mir doch egal. Wir werden hier keine Selbstblockade durch Gewaltenteilung einführen.“

Die Regierungschefin fegte durch alle Räume. Kein Stein blieb auf dem anderen. Hier genehmigte sie den Ausbau von Gorleben für einen weiteren Zentner hochradioaktiver Abfälle, dort gewährte sie der Demokratischen Volkrepublik Korea einen großzügigen Milliardenkredit, um die elektrischen Leitungen in den Aufenthaltsmöglichkeiten für konterrevolutionäre Kräfte unter Atomstrom zu setzen. „Schaffen Sie mir diesen Schäuble aus dem Weg“, fauchte sie Bracksiefer an, „wie konnte dieser Mann nur durch den antifaschistischen Schutzwall kommen?“

Die Stimmung schwankte. Ab und an kippte sie. Aber dann ging die Kanzlerin schon wieder mit festen, aufrechten Schritten in die Küche des Kanzleramts. „Ich mache mir jetzt einen Mocca Fix Gold, noch jemand einen?“ Sie boilerte Wasser und suchte nach Tassen, und dann passierte es: als sie die Bückware aus dem Geschirrspüler ausgeräumt hatte, knallte sie mit dem Hinterkopf gegen die noch offenstehende Türkante des Hängeschranks. „De Maizière! Sofort zu mir!“ „Gott sei Dank“, jubelte der Kanzleramtsminister, „sie hat sich wenigstens nicht verletzt!“ „Leichte Schläge auf den Hinterkopf sollen angeblich Wunder wirken“, bestätigte Bracksiefer trocken. „Und, ist sie wieder bei Trost?“ „De Maizière, holen Sie mir Ackermann her, er soll sich im Bundeswirtschaftsministerium einarbeiten.“ „Frau Bundeskanzlerin, die Wahlen…“ „Wahlen? Das ist mir doch egal. Die Überhangmandate sichern uns Schwarz-Gelb.“ Bracksiefer faltete ergeben die Hände. „Das sieht mir nach einem soliden Dachschaden aus. Das kriegen wir nicht weg. Das dauert.“