Phrasenschweinerei

21 09 2009

„Boah ey! Möllering, Sie blöde Pissbirne! Hat man Ihnen ins Hirn geschissen?“ Brauns Tonfall irritierte mich zutiefst. Wo war ich hier bloß reingeraten? Hatte sich die oft zitierte moralische Verrohung der Gesellschaft bis in die Abgründe der Tagespolitik fortgefräst? „Sie müssen entschuldigen“, druckste Braun, „wenn man sich erst mal ein paar Stunden warmgearbeitet hat, dann fällt einem diese Diktion selbst gar nicht mehr auf. Da langt man schon mal kräftig daneben. Ist aber auch ein hartes Brot hier, das kann ich Ihnen flüstern!“ Er zündete sich mit zittrigen Fingern die nächste Zigarette an.

„Sie dreschen hier also Phrasen“, konstatierte ich, „und verscherbeln das Zeug an Ihre Kunden.“ „So ist es. Wir basteln Argumentationskrücken, an denen Politpimpfe durch die Wahlkämpfe humpeln. Denk-, Sprechblasen, Gefasel, Geseier, Geblubber: alles, was sich denken lässt, in dümmstmögliche Form verknappt.“ „Eine besonders hohe Meinung haben Sie ja von Ihren Kunden nicht gerade.“ „Wenn Sie wüssten, was wir alles liefern müssen, würden Sie auf diese Kundschaft auch gerne verzichten.“ Braun blätterte die Kundenkartei auf. „Unsere Referenzen. Hier, Rüttgers und die rumänischen Arbeitnehmer: von uns. Philipp Mißfelder, die Hüftgelenke, Hartz-IV und die Alkoholindustrie: auch wir. Oder Lafontaine, hach, ich weiß ja gar nicht, wo ich da anfangen sollte!“ „Er lässt häufiger bei Ihnen arbeiten?“ „Aber hallo! Genau wie Westerwelle. So viel populistischen Quark kann sich doch ein Mensch alleine gar nicht mehr ausdenken!“ „Ein ganzes Team für Guido Westerwelle?“ „Na klar, der braucht das! Den können Sie ja inzwischen schon nicht mehr nach der Uhrzeit fragen, ohne dass er Ihnen irgendeine Stammtischparole in die Ohren drückt.“

Zwölf Ordner mit populistischem Plattmaterial lagen auf Brauns Schreibtisch, beredtes Zeichen für den ungeheuren Bedarf. „Sie kommen ja heute schon in keine Talkshow mehr, wenn Sie nicht in einem Satz die ganze Welt erklären, ein paar Minderheiten diskriminieren und gleichzeitig noch für Ihre Partei werben können. Die Anforderungen steigen, deshalb müssen da unbedingt Profis ran.“ Ein Fensterchen poppte auf. Möllering hatte neuen Laber-Content produziert. „Der Mann ist doch wohl gegen den Prellbock gelaufen“, stöhnte Braun, „haben Sie den als Kind zu oft vom Wickeltisch fallen lassen?“ „Na, zeigen Sie mal her“, sagte ich und begutachtete den frischen Verbalauswurf des Angestellten. „‚Kein Benzin in Kinderhände!‘ – Hm, das klingt doch etwas zahnlos. Der Attentäter von Ansbach ist ja auch schon volljährig, also zieht das sowieso nicht.“ „Eben“, nickte Braun, „ganz schwache Nummer. Normalerweise ist Möllering deutlich besser.“ „Auch wenn Sie es nicht zugeben, im Grunde mögen Sie den Mann.“ „Allerdings, er ist auch wirklich eine Spitzenkraft, beste Zeugnisse – erst Schlagzeilenredakteur bei BILD, dann eine Haftstrafe wegen Volksverhetzung, inzwischen CSU-Mitglied – und arbeitet auch gut unter Zeitdruck. Unverzichtbar ist er schon.“ „Ob man nicht eher in die gesellschaftliche Mitte gehen sollte?“ Braun war ratlos. „Wie meinen Sie das?“ „Zum Beispiel: ‚Schützenvereine doch unschuldig!‘ Da keine Schusswaffen im Spiel waren, lässt dich das auch nicht widerlegen, und man braucht keinen Schuldigen zu präsentieren.“ Braun pfiff durch die Zähne. „Sieh mal einer an“, sagte er anerkennend, „Sie verstehen ja eine ganze Menge von unserem Business. Sie bringen es noch weit.“ Ich wies ihn darauf hin, dass ich bereits einem verhältnismäßig ansprechenden Beruf nachginge. „Aber hier haben Sie eine Menge Möglichkeiten. Sie können sich wirklich weiterentwickeln, Sie arbeiten für eine Menge Medien, und Sie haben, wie gesagt, viele prominente Kunden. Mögen Sie Bashing?“ Angewidert zog ich die Augenbrauen hoch. „Sie meinen Klatschen? Nein, ich bin eher zivilisiert.“ „Aber hier haben Sie ein gut bestücktes Schussfeld dafür“, drängte Braun, „probieren Sie es aus. Sehen Sie die aktuellen Zeilen über die Piratenpartei? Na, was sagen Sie jetzt?“ „Das sind größtenteils Lügen, Platitüden und an den Haaren herbeigezogener Blödsinn“, antwortete ich hart. „‚Internet-Chaoten fordern kostenlosen Kinderporno‘ – Sie glauben doch wohl selbst nicht, dass das jemand mit etwas Hirn unterm Pony für bare Münze nimmt.“ „Und ob“, brüstete er sich, „sie gehen uns alle auf den Leim. Unsere crossmediale Kampagne ist doch ein toller Erfolg? Haben Sie das nicht längst gelesen?“ „Sie klimpern ein bisschen auf der Klaviatur der Schlagzeilen herum, Braun, und kommen sich dabei wer weiß wie intelligent vor. Vergessen Sie’s. Sie überschätzen sich maßlos.“ Er blickte mir höhnisch ins Gesicht. „Wenn ich mich hinstellte und das von mir gäbe, dann vielleicht. Aber wenn Dieter Nuhr das sagt, das klingt doch gleich ganz anders.“ „Braun, es ist egal, welcher Aufmerksamkeitshure Sie Ihren Wortschwall eintrichtern, damit es wieder hervorgekotzt auf mich herabregnet. Sie sind ein kleines Rädchen in der Maschinerie, das dreht sich noch ein paar Mal um sich selbst und wird dann ersetzt. Halten Sie sich nicht für so wichtig, wie Sie nie sein werden.“ Er sah mich mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Arroganz an. „Ich werde Sie kriegen. Irgendwann werde ich Sie kriegen, und dann werden Sie es glauben.“ Sanft lächelte ich. „Meinen Sie? Bewahren Sie Ihre Angst gut auf bis dahin. Nicht, dass sie sich selbstständig macht.“

Braun stierte mir nach, während ich das Büro verließ. Er war mir doch tatsächlich eine Antwort schuldig geblieben. Neben der Aufzugtür sah ich den Spruch an der Wand kleben: „Besser aber und beglückender ist es, das Herz eines Volkes zu gewinnen und es auch zu behalten.“ In kleinen, sehr kleinen, aber vergoldeten Kapitälchen prangte der Name seines Urhebers darunter. Joseph Goebbels.