Gewinnwarnung

24 09 2009

Die lautstarken Anweisungen waren bereits auf dem Korridor zu hören. Als ich die Tür öffnete, stand mein PR-Berater Seyboldt vor dem Pult. „Was habe ich Ihnen die ganze Zeit vorgebetet? Was sagen Sie? Noch mal von vorne!“ Und er setzte sich in den Regiestuhl. „Auch wenn wir die Wahl… diese Wahl… verloren haben, ist das…“ Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf. „Was habe ich Ihnen gesagt? Das existiert gar nicht in Ihrem Wortschatz, klar!? Meine Güte, das kann doch nicht so schwer sein!“ „Auch wenn diese Wahl nicht unsere Erwartungen…“ Jetzt wurde Seyboldt ungemütlich. „Sagen Sie mal, rede ich Chinesisch? Lesen Sie doch Ihre Unterlagen, wozu mache ich mir denn die ganze Arbeit!“ Der Coach war sichtlich ungehalten. Ein staatsmännischer Ruck, Räuspern, ein fester Blick in den Kameradummy. „Wir sind nicht so stark wie erwartet aus der Wahl gekommen, trotzdem steht fest, dass dies ein klares Signal an das Parlament ist, unsere Forderungen in einer Koalition, die sich erst einmal aus den Verhandlungen der nächsten Tage und Wochen…“ „Na also! Es geht doch!“ Seyboldt war zufrieden. „Danke, gestorben. Fünf Minuten Pause.“ Er eilte auf mich zu und begrüßte mich.

„Und das bringt etwas?“ „Sicher“, antwortete er im Brustton der Überzeugung, „als Politiker ist man doch nach einer Wahlniederlage aufgeschmissen, wenn man im Fernsehen zugeben muss, dass man rettungslos abgestunken hat. Was meinen Sie, wie schnell Sie da weg vom Fenster sind! Da müssen Sie durchhalten. Keine Niederlagen. Nur Erfolge. Und ich glaube, wir packen das. Wird auch nötig sein. Denn bei dem Blödsinn, der da in letzter Zeit kommt, kann doch jeder froh sein, der überhaupt fünf Prozent bekommt.“ Seyboldt klatschte in die Hände. „Es geht weiter! Wir wiederholen noch mal den Wahlkampfteil.“

Und weiter ging’s. „Unser politischer Gegner hat im Wahlkampf keine Gelegenheit ausgelassen, die Ängste der Bevölkerung zu…“ „Bitte: in der Bevölkerung. Weiter!“ „… in der Bevölkerung zu schüren. Es ist uns nicht gelungen, den Bürgerinnen und Bürgern zu vermitteln…“ Seyboldt schlug die Hand vor die Stirn. „Herrgott im Himmel, das darf doch nicht wahr sein! Lesen Sie doch einfach Ihren Text!“ „… den Bürgerinnen und Bürgern vermittelt, dass eine andere Politik in diesem Land notwendig ist… notwendig ist…“ Ein Gesicht wie ein Fragezeichen glotzte den PR-Trainer an, der langsam Schweißausbrüche erlitt. „… um die Krise, in der wir uns befinden, und ich möchte das in aller Deutlichkeit hier einmal sagen…“ „Aus! Aus!“ Er tobte zum Rednertisch und hieb mit der Faust darauf ein. „Sie benehmen sich ja wie der letzte Wahlkampftrottel! Da“, schrie Seyboldt und zeigte auf den imaginären Zuschauer hinter der Aufzeichnungsattrappe, „sitzt der Wähler vor dem Fernsehschirm und will Klartext, kapiert? Klartext!“ Entnervt stapfte er zu seinem Stuhl.

„Das Ergebnis hat uns nicht überrascht…“ Ich zog eine Augenbraue in die Höhe. „Lassen Sie nur“, beschwichtigte Seyboldt, „das ist in Ordnung.“ „… denn es zeigt, wie viele Menschen in diesem Land einen Politikwechsel wollen und sich mit ihrer Stimme dafür eingesetzt haben.“ „Nicht schlecht“, sagte ich anerkennend, „wenngleich es für mich etwas überraschend kam.“ Seyboldt lächelte. „Ein paar kleine Volten in Richtung Intellekt kann man schon einbauen. Nicht zu viel, aber für ein paar ist da immer noch Luft.“

„Natürlich muss man auch berücksichtigen, dass der Gegner viel mehr Mittel zur Verfügung hatte und in der Tagespresse…“ Ich stutzte. „Diese Argumentation zeigt ja, dass unser politisches Konzept auf einer breiteren Grundlage…“ Seyboldt brauchte wohl einen kleinen Augenblick, um richtig zu explodieren. „Aufhören!“ Er rannte durch den Raum. „Das ist doch der größte Blödsinn, den ich je gehört habe!“ „… akzeptieren selbstverständlich das Votum des Wählers, auch wenn wir hier klar festhalten wollen, dass wir es als ein klares und unmissverständliches Signal an das Parlament sehen, unsere Politik…“ Er sah aus wie ein heißer Kandidat für ein Dutzend Bypässe. „Schluss jetzt mit diesem Schwachsinn, oder ich vergesse mich!“ Doch er konnte sich nicht durchsetzen; wie aus einem leck geschlagenen Fass rann die trübe Brühe und suppte durchs Studio. „Wir haben erreicht, dass den Wählern bewusst ist, wie viele Mängel in den vergangenen vier Jahren nicht…“ Er raufte sich die Haare. „Gemessen an der Kommunalwahl 1967 im Regierungsbezirk Südbaden sind unsere Ergebnisse auch ein Plus von fast elf Prozent, so dass wir…“ Ich konnte es nicht mehr ertragen und floh vor die Tür. Drinnen schwabberte und schwafelte es weiter. Seyboldt war mit den Nerven fertig.

Die Sicherheitsbeamten checkten den Korridor. Frank-Walter Steinmeier schritt mit federnden, elastischen Schritten dem Ausgang zu, während sich der Kommunikationskatastrophenhelfer den Schweiß abtupfte und das Taschentuch auswrang. „Was mache ich hier eigentlich“, weinte er, „ich kann doch genauso gut die Wand anbrüllen.“ „Jetzt haben Sie’s ja geschafft“, tröstete ich ihn, „der Steinmeier war zwar ein harter Brocken, aber sehen Sie es positiv: es ist vorbei und Sie haben das ganze Theater hinter sich gebracht.“ Ein waidwunder Blick traf mich, dass ich erschreckt zusammenfuhr. „Geschafft, sagen Sie? Ich ziehe mir jetzt ein trockenes Hemd an, in einer Viertelstunde kommt die Bundeskanzlerin, und dann darf ich genau denselben Scheiß noch mal veranstalten.“


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4 responses

24 09 2009
Morla

Was scheren mich die Emotionen eines PR-Beraters. Die Hauptsache ist doch, dass er auch tatsächlich so agieren müsste.

Sehr schöne Geschichte! Ich hab‘ fast wieder einen Hauch von Hoffnung gespürt.

Denn: Dieses höhnische Lächeln der Dame Merkel samt ihrer Kumpanen einschließlich Steinbrück und Steinmeier, nicht zu vergessen das Hohnlachen (oder war es tatsächlich bereits Unsicherheit) eines Niebel, hat für mich das Fass zum Überlaufen gebracht.

Diese Typen gehören allesamt abgewählt!

24 09 2009
bee

Wir haben es ja fast in der Hand.

25 09 2009
Donkys Freund

„…Gemessen an der Kommunalwahl 1967 im Regierungsbezirk Südbaden…“
Herrlich, oder auch nicht, denn genau darauff mache ich mich am Sonntag gefasst. Das Parteien-Kuddelmudel lädt ja geradezu dazu ein, dass jeder den Wahlsieg für sich proklamieren kann…oder auch nicht.

25 09 2009
bee

Es scheint ja wohl definitionsgemäß in der Politik nur Siegertypen zu geben – ob schon mal jemandem aufgefallen ist, dass ein ehrliches „Ja, wir haben verloren“ Pluspunkte geben kann?

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