Gernulf Olzheimer kommentiert (XXVI): Nippes

25 09 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gibt viele Gelegenheiten, das Inventar der Behausung eines durchschnittlichen Bescheuerten unter die Lupe zu nehmen; Zimmerbrand mit und ohne Ableben, Ableben mit und ohne Zimmerbrand, Wohnungseinbruch oder der finale Ausbruch des Lebensabschnittspartners aus der Plattenbauhölle sind nur einige davon und nicht einmal unbedingt die beliebtesten. Was neben den zweckgebundenen Dingen – Käsereibe, Klappcouch, schussfähige Replika von Wehrmachtsfeuerwaffen – jedoch den größten Teil ausmacht, ist entweder Kunst oder das genaue Gegenteil, denn hier gilt der ästhetische Grundsatz: um das Schöne zu erkennen, muss man das Hässliche gesehen haben. Und man sieht es.

Nippes beherrscht die Dreidimensionalität der Beknacktenbutze – Kruscht, wo man hinfasst, Krimskrams und Schnickschnack in psychotisch ausufernden Mengen. Jede stecknadelkopfgroße, halbwegs ebene Fläche ist mit Wauwaus aus blauem Acrylglas, Nachbildungen des Eiffelturms im Maßstab 1:4224 in langjährig versteinertem Marzipan oder einer kubistischen Neuinterpretation des alten Sujets „Flaschenöffner“ im zeitlosen Neuschwanstein-Design bedeckt, gerne deutlich an die Errungenschaften des Siebdrucks erinnernd, meist unbenutzbar, selten überlebenswichtig. Der ganze Schamott besitzt neben der Aufgabe, etwaige Insekten durch die Unmöglichkeit eines gezielten Landeanfluges via Depression und Herztod zu dezimieren, nur den Daseinszweck, die also ins Jenseits geschrammten Kerbtiere unter einem fingerdick sich im Laufe der Jahre ansammelnden Hausstaubsediment von der Wahrnehmung seitens des Bekloppten zu entziehen. Da hätte es ein Fliegenfänger auch getan, aber die Dinger sind ja optisch nicht halb so schnieke herzustellen.

Unter der majestätischen Ewigkeitsruhe des Drecks, eine Vorahnung der eigenen biologischen Abbaubarkeit, west die Ästhetik des Widerstands, und zwar des Protests gegen das Sinnvolle an sich – lieber einmal unter der Kalotte die Stromversorgung durchnagen, statt ständig das Licht auszuknipsen, wenn die Pupille über die dreistellige Anzahl angelnder, kotzender oder kopulierender Zwerge aus gebranntem Ton, Sperrholz und im Ofen ausgehärteter Knete in surrealistischer Farbstellung schweift. Überflüssig wie Harndrang auf dem Hochseil, doch immerhin gibt das zu Material geronnene Grauen der Torfnase, die es stapelt, ein angenehmes Lebensgefühl. Hier ist Ordnung, spricht der Hirnprinz zwischen all dem Killefit in greifbarer Nähe; hier kann ich vegetieren.

Eine Theorie besagt, dass der Behämmerte dem Sammelzwang als Ausweichmanöver vor weitaus übleren Spielarten des Fetischismus erliegt; untrennbar verquickt mit der Erinnerung an den Moment, an dem man den Schrott erwarb, im Sperrmüll vorfand oder nicht ohne Verlust der letzten verbleibenden Sozialkontakte als Geschenk ablehnen konnte. Das Gefühlte lasert sich ins limbische System rein, schwiemelt die Blutbahn hernach reflexartig mit Endorphinen zu, sobald ein Gedankenblitz die aus Weichplastik geschnitzte Darstellung zweier offensichtlich unter Lähmung der unteren Körperhälfte leidender Hundeartiger flüchtig touchiert, und brettert zielsicher in eine posttraumatische Belastungsstörung, sobald der Ramsch unter den Einwirkungen von Sonnenlicht und Materialermüdung wegerodiert. Eher volkswirtschaftlich ausgerichtete Denkansätze gehen davon aus, dass der Bescheuerte sich die Hütte mit dem Krempel zuschaufelt, um eine solide Alterssicherung zu besitzen; vereinzelt werden komplette Warenlager auf den Flohmarkt gekarrt, um Tabula rasa zu schaffen für einen Reboot des Stapelzwangs. Muss man zugestehen, dass sich bei vorherigem Abkärchern der Milbenreste von hüpfenden Delfinen und Porzellanenten aus der Periode des Neokitsch die ganze Sache nicht mehr vom Sortiment einer großzügig bestückten Geschenkboutique unterscheidet, so ist doch der Erlös meist deutlich unterhalb dessen, was man mit industriell gefertigter Neuware erzielen könnte. Die Differenz bezeichnen Betroffene als so genannten Sammlerwert; er tendiert gern zum Negativbetrag.

Der Hortungstrieb speziell der Frau, die die emotionale Nulllinie ansteuert, sobald der Firlefanz flöten geht, bestätigt die Annahme, dass hier eigene Hirnareale in Mitleidenschaft gezogen werden. Während der Doofdödel mit dem Y-Chromosom seine autoaggressiven Neigungen primär mit dem Gartenzwerg demonstriert, entwickelt das andere Geschlecht intermittierende Anfälle, bei denen vorwiegend Gold und Glitzer, rauschhafte Farben und die Form beflügelter Himmelsboten sich als Plunder inkarniert, flächendeckende Scheußlichkeit zum Fest der Liebe, des Konsumterrors und der von Grund auf versaubeutelten Familienaufstellungen. Pünktlich zum Advent brennen bei der Beknackten die Kerzen durch, flakscheinwerfermäßiges Zucken aus unzähligen Glühwendeln hüllt Zinkspritzguss und Steingut in die Schönheit einer Folterkammer. Doch auch hier Memento mori – warte nur, balde ist’s vorbei. Dann gammelt das alte Zeugs wieder im Vordergrund. Mit einer Staubschicht mehr.


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2 responses

25 09 2009
VEB wortfeile

an dem hang zu kitschigen staubfängern verdienen ein paar leute eine ganze menge geld. eigentlich wird man auf die konsumträchtige sammelwut schon in der kindheit geeicht. mit sammelaufklebern und -alben, barbie & co. manches kinderzimmer gehört schlichtweg wegen überfüllung geschlossen. nur sind die eltern selbst dazu zu faul, weswegen sie lieber weiteren spielkram anschleppen, um nicht selbst in beschlag genommen zu werden. das weggeben von unnützem zeugs lernen leider nur die wenigsten, auch nicht wenn sie mit schrumpligen 50 erwachsen zu werden glauben.
obwohl bei uns zu weihnachten früher auch ‚trompetismenalarm‘ ausgerufen wurde, blieb ich von einer lichterketten- und engelsinfektion verschont. ich wundere mich immer, wie man mit dieser blinkenden ampelbeleuchtung überhaupt schlafen kann, geschweige denn so etwas wie besinnlichkeit aufkommen soll. ich krieg schon vom hingucken und dem vorgefühl, daß es bald soweit ist, den herzkasper 🙄
geschenke von freunden muß man natürlich freundlich in empfang nehmen, unauffällig entsorgen und dann vorsichtig darauf hinwirken, im nächsten jahr ein buch zu bekommen. allerdings verachten dich deine freunde dann beim umzug für die ganzen bücherkisten. denn für die nippesfraktion sind bücher unnützes zeug.

25 09 2009
bee

Der Mensch hatte bei der Entwicklungsstufe der Jäger und Sammler die Wahl; die meisten wurden Sammler. Vermutlich sitzen die Jäger auf der anderen Seite und erfinden seither Tag für Tag immer neue Monstrositäten en miniature, die in den betreffenden Hirnarealen einen Schnappreflex auslösen, den man an Äußerungen wie „Guck mal, wie putzig! Und das passt genau zu dem Terrakotta-Warzenschwein auf dem rosa Häkeldeckchen!“ zu spät erkennt, nämlich erst nach der Kaufentscheidung.

Man sollte das kombinieren: Nippes einlagern, beschriften und katalogisieren – das verhindert, dass man den Krempel versehentlich an den Geber zurückschenkt – und die Überreste beim nächsten Umzug en bloc entsorgen, beispielsweise als ganzen Karton am Straßenrand stehen lassen oder gleich dem Nachmieter für das Konvolut eine saftige Abstandszahlung abverlangen. Wer im sechsten Stock wohnt, kann die Kiste auch aus Unachtsamkeit von der Fensterbank fallen lassen. Die kathartische Wirkung ist enorm.

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