Im Spielzeugland

29 09 2009

Ein Pulk von Jobbern in roten und blauen Westen stürmte vorbei und hätte mich fast umgerannt, wenn ich nicht zur Seite gesprungen wäre. „Ja, der Parketthandel verlangt schon Geschwindigkeit, das ändert sich nicht. Aber damit wird es ja wohl bald vorbei sein.“ Fast wehmütig blickte Kranichstein den Jungen nach, die schreiend in den Saal wetzten.

Wir setzten uns in eine stille Ecke der Lounge. Kranichstein winkte der Kellnerin und ließ zwei Kännchen Tee bringen. Er klappte das Notebook auf und drehte es um, so dass ich den Monitor betrachten konnte. „Das ist unser neues Spielzeug. Es steuert einen Supercomputer, mit dem wir in kürzester Zeit die schnellsten Berechnungen für den Aktienhandel durchführen.“ Dies unscheinbare Ding faszinierte mich. Kranichstein lächelte selbstgefällig. „Aktionen im Millisekunden-Takt. Tausend Käufe pro Sekunde. Wir waren nie schneller.“ „Und wo“, fragte ich skeptisch, „liegt der Vorteil dieser Maschine?“ „Sie erlaubt uns, den Menschen aus dem Aktienhandel herauszuhalten. Er stellt doch eine enorme Fehlerquelle dar.“ Ich erinnerte mich mancher Schauernachricht; vor einigen Jahren hatte ein japanischer Händler mehr als 600.000 Aktien für einen einzigen Yen verschleudert, statt die letzte verbleibende Aktie für 600.000 zu erwerben. So wurde er nicht Mehrheitseigner, sondern Bankrotteur. „Das ist alles richtig, aber denken Sie an den wahren Fehler. An die Gier.“ Ich blickte ihn säuerlich an. „Sie wollen mir weismachen, Gier habe nichts zu suchen im Aktienhandel? Sie ist doch die Triebfeder, die dies ganze System erst ermöglicht. Sie handeln nicht mit Wertpapieren – Sie handeln mit Unternehmen. Sie handeln mit Arbeitsplätzen, Existenzen, Menschenleben. Ein Knopfdruck lässt ein paar Tausend Menschen verarmen. Eine Welle von Käufen enteignet die Menschen auf einem fernen Kontinent, die das Pech hatten, da geboren zu werden, wo das Land Eisenerz und Kupfer trägt. Sie wollen mir etwas von Ethik erzählen? Sie?“

Kranichstein hatte meinem Monolog fast nachsichtig gelauscht und faltete die Hände vor dem Bauch. Wie ein Priester saß der große, hagere Mann nun vor mir. „Ethik ist nicht das richtige Stichwort. Sondern Psychologie.“ „Psychologie?“ „Ja, Börsenpsychologie. Denken Sie sich folgendes Beispiel. Ein Händler stößt auf einmal ein großes Aktienpaket ab, fünfzig-, hunderttausend Aktien auf einmal. Die Bänker bemerken das und schmeißen sofort sämtliche Aktien hinterher, weil sie paradox handeln: sie fürchten den Kursverfall, deshalb führen sie ihn durch ihre Panikverkäufe selbst herbei. Sie sind gierig. Sie sind dumm.“ „Und Ihre Maschine?“ „Die Maschine stückelt die Verkäufe, sie verkauft die Aktien eine nach der anderen. Das dauert eine gewisse Zeit, sagen wir mal fünf Minuten, und da keiner die Zahl der insgesamt gehandelten Aktien überblicken kann, bleibt der Kurs stabil.“ „Keiner sieht die Größe des Aktienpakets? Das heißt doch im Klartext, dass diese Maschine intransparent ist.“ „Nun“, lächelte Kranichstein, „es ist wie mit der Heisenberg’schen Bewegungsrelation. Ein wenig Unschärfe muss man schon einkalkulieren, wenn man etwas beobachten will.“

„Was passiert eigentlich, wenn dieser Rechner selbst Unsinn baut? Das lässt sich doch gar nicht mehr aufhalten.“ Kranichstein nickte ernst. „Da haben Sie Recht. Nicht allein die fehlerhaften Aufträge bergen ein enormes Risiko – stellen Sie sich eine Maschine vor, die 60.000 Fehler pro Minute begeht, schrecklich! – sondern vor allem die Folgen. Jeder verpatzte Verkauf zieht eine ganze Reihe von an sich korrekt ausgeführten Aktionen nach sich, die sich aber in diesem Kontext zu einem verheerenden Szenario auswachsen können. Stellen Sie sich Dominosteine vor, viele Dominosteine. Durch eine winzige Unachtsamkeit, durch einen Luftzug kippt einer um und setzt eine Welle in Gang, die…“ Ich winkte ab. „Die Chaostheorie, ich begreife. Was wollen Sie dagegen tun? Beten?“ Er schaute verlegen zu Boden. „Mehr bleibt uns derzeit nicht übrig, denn es ist durch einen einzigen Rechenfehler durchaus möglich, die Weltwirtschaft in den Abgrund zu reißen.“

„Und die anderen Börsen?“ „Welche anderen?“ „Tokio, London, New York?“ „Ach so. Ja, die haben natürlich auch ihre Computer. Das macht die Sache ja so angenehm. Sie erledigen ihre Arbeit und handeln, wir müssen eigentlich nur noch zuschauen, wie sich die Kurse entwickeln.“ „Sie wollen mir also erklären, dass sich jeder Standort so einen Großrechner anschafft, und diese Kisten treiben dann munter ihren Aktienhandel, während der Mensch nach Ihrer Maßgabe in dieser ganzen Angelegenheit nichts mehr zu suchen hat? Sie eliminieren eine Fehlerquelle? Sie schaffen die Gier ab? Sie schaffen den Menschen ab, das ist es!“ Ich hatte mich in Rage geredet und bemerkte gar nicht, wie ein irres Flackern in Kranichsteins Augen erglomm und sich seine Wangen zu röten begannen. „Sie wissen ja gar nicht, was das bedeutet. Bald werden wir einen Aktienhandel haben, der komplett ohne den Menschen auskommt. Die Computer werden mit sich selbst kommunizieren und eine komplexe Struktur aus dem Nichts erschaffen! Wir werden endlich frei sein von dieser ganzen Arbeit, und wir werden sehen, wie sich das Spiel von selbst beschleunigen wird, schneller und schneller.“ Ich sah, wie seine Hände zitterten. „Sagen Sie mal, wie heißt Ihr Computer eigentlich?“ Kranichstein glotzte mich erstaunt an. „Laplace. Hatte ich Ihnen das nicht gesagt?“


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