Nicht nur zur Weihnachtszeit

30 09 2009

07:31 – Eine Rentnerin macht Friedbert K. (41), den Leiter der örtlichen Supi-Filiale, auf die nicht ordnungsgemäß angefüllte Regalreihe mit Schoko-Weihnachtsmännern aufmerksam. Sie kündigt unter Protest an, den Discounter fortan nicht mehr zu betreten, wenn das Personal nicht schleunigst daran ginge, die erforderlichen Jahresendfiguren in Vollmilch nachzuräumen. So beginnt der 30. September, ein Tag, der im Gedächtnis dieser Kleinstadt bleibende Spuren hinterlassen soll.

08:02 – Kurz nach der Öffnung der Kaufdas-Niederlassung auf der gegenüberliegenden Straßenseite beschließt Helmut M., sein Geschäft solle im Existenzkampf nicht unterliegen. Er kontert mit einem ursprünglich für die Adventszeit vorgesehenen Sonderaufsteller, der sich unter zentnerweise Spekulatius biegt.

08:06 – M.s schändliches Treiben war weder den Angestellten des Supi-Marktes noch den unentschlossenen Passanten verborgen geblieben. Hastig schiebt K. vier Paletten mit Pfefferkuchen und Mandelgebäck in den Laden. Um Platz zu schaffen, kündigt er an, den Kunden bis auf weiteres kein Frischfleisch mehr anbieten zu können. Die Stimmung ist angespannt.

08:34 – Mit quietschenden Reifen stoppen die Lieferwagen des Feinkost-Großhändlers vor den Türen von Kaufdas. Binnen Sekunden stemmen Möbelpacker Honigkuchen, Königsberger Marzipan und Dresdner Christstollen im Großgebinde. Das Obst- und Gemüsesortiment wird auf dem Parkplatz entsorgt.

08:50 – K. kontert mit einer Blitzoffensive; bereits im Eingangsbereich ist kein Durchkommen mehr, da die deckenhohen Regale die Lagerbestände an Dominosteinen und Nussmakronen tragen. Baustatische Bedenken wischt K. mit einem markig geäußerten „Basta!“ beiseite.

09:04 – Der Gebieter über die Kaufdas-Filiale kann nur schwer beruhigt werden. Als die Konzernzentrale ihm mitteilt, dass die Konkurrenz bereits jegliche Adventskalender im Landkreis aufgekauft hat, schleudert er den Telefonhörer an die Wand. In äußerster Entschlossenheit greift er zum Tresorschlüssel und stattet die Lagerkraft Sigurd P. (39) mit größeren Bargeldbeständen aus, um das vorfestliche Naschwerk zu besorgen.

09:11 – Es kommt nicht dazu. Mit einem Teppichmesser bedroht P. den Aushilfsfahrer, der die Adventskalender bei Supi abliefern sollte. In einem wilden Handgemenge gelingt es Kassiererin Waltraut U. (55), die Wagentür von innen zu verschließen. Ungefähr die Hälfte der süßen Fracht erreicht ihren Bestimmungsort. P. wird gekidnappt und bei den Resten des Frischfleisches verstaut.

09:32 – Während Kaufdas-Mitarbeiter Roland Z. (29) die Ausgestaltung der Filiale mit Lametta dirigiert, spricht K. der Supi-Einzelhandelskauffrau Sonja N. (22) gegenüber die fristlose Kündigung aus; N. hatte sich strikt geweigert, eine rote Mütze mit Puschel aufzusetzen und die Kundschaft mit „Ho, ho, ho!“ zu begrüßen.

10:04 – Fast simultan treffen die beiden Tieflader ein, die jeweils mehrere Tonnen Nordmanntanne und Blaufichte vor den Schaufenstern abladen. Die Hauptstraße gleicht einer vorbildlich bewachsenen Schonung in den deutschen Mittelgebirgen.

10:22 – Polizeiobermeister Hans-Joachim F. (44) setzt den Filialleitern eine 15-minütige Frist, die Fahrbahn zu räumen; der Durchgangsverkehr war zwischenzeitlich zum Erliegen gekommen und hatte einen Stau von sechs Kilometern Länge verursacht.

10:50 – Unter dem Murren der Anwohner walzt ein Tanklastzug die verbliebenen Christbäume nieder. Gurgelnd ergießt sich industriell gefertigter Glühwein in die eilig rekrutierten Geräte vom Typ Taktische Feldküche 250 des ortsansässigen Panzergrenadierbataillons. Der verwesungsartige Geruch macht das Betreten von Kaufdas zu einem Survival-Erlebnis.

11:00 – K. überwacht mit militärischer Strenge die Bestückung der Vitrinen mit Stimmungsleuchtern. Im Glanz von 273 sechsfarbigen Blinkapparaturen à 850 Watt bietet Supi ein verstörendes visuelles Pendant zu einem surrealen Fiebertraum.

11:09 – Glück im Unglück: der Rettungswagen war gerade in der Nähe. Bei einer Routinekontrolle gleitet Fritz D. (61) auf einem unter knöchelhoch liegendem Lametta unsichtbaren Adventskalender aus; der Oberamtsrat von der Gewerbeaufsicht vollführt nach einem exzellent eingesprungenen Schraubensalto einen dreifachen Rittberger und legt eine Punktlandung auf dem Verkaufstisch mit mundgeblasenen Christbaumkugeln hin.

11:23 – Inzwischen hat sich auch Sigurd P. wieder aus dem Kühlraum befreien können. Er kommt gerade noch rechtzeitig, um sein Teppichmesser zum zweiten Einsatz zu bringen, indem er die Anlieferung einer übermannshohen erzgebirgischen Weihnachtspyramide bei Kaufdas erzwingt.

11:27 – Friedbert K. holt zur letzten, verzweifelten Generalmobilmachung aus. Das bereits komplett in rote Mäntel gehüllte Supi-Personal wird abkommandiert, kilometerweise Lichterketten in der Halle zu spannen. Einen normalen Geschäftsbetrieb kann das Unternehmen längst schon nicht mehr aufrecht erhalten.

12:54 – Die Verkabelung ist abgeschlossen; hämisch grinsend schiebt K. den Stecker in den Wandkontakt, um die an 47 Verteilerdosen gebündelte Illumination ihrer Bestimmung zu übergeben. Ein mildes Knistern beendet den Plan. Dass in diesem Moment zwischen Delmenhorst und Espelkamp die Versorgung mit elektrischem Strom zusammenbricht, ist reiner Zufall.

12:55 – Längst ist die erste Ladung Glühwein verzehrt oder in den Feldküchenkesseln verdampft, als eine größere Gruppe aus dem Obdachlosenheim Kaufdas betritt, um das Frühstück einzunehmen. Substitutin Tanja W. (29) ist nicht in der Lage, das Absperrventil des Tanklastzuges vollständig aufzudrehen und fürchtet, dass die Gulaschkanonen durchglühen. Beherzt füllt sie die Kessel mit weißem Rum auf. Das zusehends blasser erscheinende Heißgetränk stößt bei der Verkostung auf hohe Produktakzeptanz seitens der Laufkundschaft.

13:03 – Nach dem Stromausfall kann die Beschallungsanlage im Supi nicht mehr mit festlichen Klängen locken. K. nötigt das Personal, Jingle Bells einzustudieren und unter seiner Leitung im Schaufenster zu singen. Die erste Beschwerde wegen Ruhestörung wird gemeldet. Ein Passant, der die Szene mit seinem Mobiltelefon filmt und das Ergebnis unter dem Titel The Nightmare before Christmas im Internet verbreitet, verhilft Praktikantin Mandy Ö. (17) ungewollt zu einer großen Karriere als Erotikdarstellerin und Volksmusik-Star.

13:20 – Mit mehrstündiger Verspätung treffen die beim AStA georderten Weihnachtsmänner ein. In Unkenntnis der Sachlage verpasst die Studentin der Soziologie und Anglistik Sarah A. (21) zunächst Helmut M. eine Standpauke, weil sich der Kaufdas-Chef selbst für säkulare Jahreszeiten außergewöhnlich kindisch aufführt. M. weigert sich daraufhin, das vereinbarte Honorar zu zahlen, so dass die Hochschüler als Rache einen Flashmob inszenieren; „Yeah!“-Rufe gellen durch den Ortskern.

13:22 – Zwar sind die Motorschlitten, die auf Geheiß von K. vor den Supi-Toren abgeladen werden, in makellosem Zustand, doch es stellt sich keine rechte Freude bei den Passanten ein. Das Angebot, ab einem Einkaufswert von zehn Euro gratis nach Hause gefahren zu werden, scheitert an der sommerlichen Temperatur, die kaum baldigen Schneefall erhoffen lässt.

13:32 – Waltraut U. dringt in den Sozialraum von Kaufdas ein und findet unter dem Tisch Sigurd P. vor. Der Lagerist flieht. Mit dem Teppichmesser durchtrennt er den Tankschlauch; ein klebriger Schwall schwappt heraus, so dass die Kassenfee am Boden festklebt. Unglücklicherweise läuft P. ungebremst in die Weihnachtspyramide, die im knisternden Schein mehrerer Reihen von handgezogenen Wachskerzen behagliche Stimmung schafft. Das Meisterwerk ostdeutscher Schnitzkunst neigt sich in Zeitlupe Richtung Feldküche.

13:33 – Von der Stichflamme in Panik versetzt verschanzen sich Einzelhändler, Anwohner, Kunden, Lieferanten sowie ein Student der Kunstgeschichte in vollem Nikolaus-Ornat mit Umhängebart und Bischofsstab hinter den Sattelschleppern der Event-Agentur X-Mas 4 U. Es dauert Sekunden, bis eine ungeheure Detonation die Stille zerreißt. Wo jahrelang sich Kaufdas befunden hatte, gähnt ein Krater. Noch Stunden später gehen Mandelsplitter über Belgien nieder und in der Ukraine regnet es Lametta. So endet ein Tag in einer Kleinstadt, in der die Menschen einfach nur in Ruhe ein paar Einkäufe erledigen wollten.