Mitesser

5 10 2009

Das Tischtuch sah einigermaßen sauber aus. Was das Besteck anging, so hatte ich schon Schlimmeres gesehen. Aparte Bilder von Neuschwanstein und Walhalla hingen an den Wänden, in der Mitte des Raumes thronte eine Miniatur-Goldelse auf der Pappsäule; sie kippelte. Der Kellner trug einen braungrauen Anzug und Tennissocken. Kein Zweifel, hier war Deutschland.

„Haben Sie schon gewählt?“ „Ja“, sagte ich mit abwesendem Blick, „aber es hat nichts genützt.“ Er verzog keine Miene. Ich klappte die Karte zu und diktierte ihm meine Wünsche: „Einen Lambsdorffer Brüdele und ein Wasser mit wenig Kohlensäure. Dann eine Kraftbrühe, die gedünstete Dorade mit Fenchelgemüse und die Apfel-Mandel-Tarte.“ „Kraftbrühe ist aus“, leierte er, ohne mich dabei auch nur anzusehen. „Und warum das?“ „Ja, wir haben ja nicht die Kraft. Also nicht mehr.“ „Und was können Sie mir stattdessen empfehlen?“ „Eigentlich alles. Wir hätten da einen Saisonsalat, eine Kürbissuppe mit Nussklößchen, die klare Steinpilzessenz, Kraftbrühe oder…“ Irritiert fiel ich ihm ins Wort. „Kraftbrühe? Sie haben doch eben gerade gesagt, es gebe sie nicht mehr?“ „Ja, das war natürlich nur wegen der Speisekarte. Sie verstehen das doch sicher.“ Ich verstand aber nicht. „Wenn wir jetzt die Kraftbrühe auf die Speisekarte setzen, dann bestellen die Gäste natürlich Kraftbrühe, so dass wir bald keine Kraftbrühe mehr haben. Also sagen wir, dass wir keine Kraftbrühe mehr haben, dann bestellen die Gäste keine Kraftbrühe mehr – und dann haben wir Kraftbrühe, wenn ein Gast mal Kraftbrühe bestellt. Ja.“

Einen leicht verschatteten Eindruck hatte er schon vorher auf mich gemacht. Offenbar schien dieser Tellerträger selbst nicht zu kapieren, was er mir da gerade aufgetischt hatte. „Gut, wenn Sie es sagen. Dann einmal die Kraftbrühe.“ „Ist aus.“ „Jetzt habe ich aber die Faxen dick“, fuhr ich ihn an, „kriege ich jetzt meine Kraftbrühe oder kriege ich sie nicht?“ „Wir haben ja gar keine Kraftbrühe. Aber wenn Sie unbedingt wollen – wissen Sie, die steht auf der Karte, aber wir haben gar keine, und wenn Sie…“ „Hören Sie doch auf mit Ihrem Unsinn!“ Er deutete eine leichte Verbeugung an. „Alles ist verhandelbar. Ich werde in der Küche für Sie nachfragen, ob wir Kraftbrühe haben.“ Und er drehte sich auf dem Absatz um, marschierte schnurstracks in die Küche und kam nach langen, zähen Verhandlungen zurück. „Ich habe den Koch gefragt – nichts zu machen. Ausgeschlossen. Es gibt keine Kraftbrühe. Gewiss, sie steht auf der Karte – das ist nämlich deshalb, weil…“ „Lassen Sie die Possen“, schimpfte ich, „bringen Sie mir gefälligst den Fisch!“

Mit Erstaunen sah ich, wie am Nebentisch dampfende Bouillon aufgetragen wurde. Ich orderte den Ober heran. „Was hat das da zu bedeuten“, bemängelte ich, „Sie sagen mir, der Koch habe keine Brühe, und dort wird sie gereicht? Erklären Sie sich!“ Er schien mir gar nicht zuzuhören. Vor mir sah ich den Teller mit der fettig aufgeplatzten Wurst, die schon seit Stunden kalt war. „Was soll das sein?“ Der Aufwärter schien kaum überrascht. „Wonach sieht es denn aus?“ „Ich hatte Dorade bestellt. Gedünstet! Mit Fenchelgemüse!“ „Mir egal“, war seine lakonische Antwort, bevor er mir ein hübsch gepunztes Fischbesteck vorlegte, „ich kann mich hier nicht um jeden Mitesser kümmern.“

Als ich mühsam den Dreck aus Messer und Gabel gekratzt hatte, sah ich einen alten, gründlich besoffenen Mann durch den Raum torkeln. „Im Interesse von Volk und Vaterland“, johlte er und hielt sich an einer Stuhllehne fest, „und in der Erwartung einer… hupps! mäßigen Entwicklung werden wir… hick! dem Ermächtigungsgesetz zustimmen! Jawollja!“ Einige Gäste sahen pikiert zu Boden. Ich durchbohrte den Kellner mit einem Blick. „Das ist widerlich! Schmeißen Sie den Kerl gefälligst auf der Stelle hinaus!“ „Bedaure“, gab der Domestik mit öliger Freundlichkeit zurück, „der Herrn war der Vorbesitzer. Wir können ihn nicht einfach entfernen. Er leitet den Betriebssport.“ „Natürlich“, höhnte ich, „den Häkelkreis.“ „Nicht ganz“, antwortete er, „einen Fallschirm-Club.“ Und er servierte das Dessert.

Ein paar matschig verkochte Birnenschnitze dümpelten auf den Fragmenten eines Pfannkuchens. Ich reklamierte umgehend. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“ „Sie dürfen sich natürlich gerne in der Küche beschweren“, beschied die Bedienung, „immer vorausgesetzt, dass jemand gerade Lust hat, sich das anzuhören.“ Da platzte mir der Kragen. „Das haben Sie sich so gedacht – man wählt, und zum Schluss bekommt man Birnen-Reste. Es langt mir! Die Rechnung, aber zügig!“

Es dauerte und dauerte. Schließlich legte mir der Diener den Kassierzettel vor. Ich überflog die Liste und schnappte nach Luft. „49,90 für eine kalte Bratwurst? Sagen Sie mal, sind Sie noch ganz bei Trost?“ „Sie hatten es so gewählt“, echote er, „das hätten Sie sich eben früher überlegen müssen.“ „Ich hatte gedünstete Dorade mit Fenchel bestellt!“ „Dann dürfte es Sie auch nicht wundern, dass Sie sie bezahlen.“ „Und was macht die Kraftbrühe auf der Rechnung? Dreimal Kraftbrühe?“ „Ich hatte es eben versucht. Der Vorsatz zählt ja, und nur, weil sie auf der Karte stand…“

Wutentbrannt verließ ich die Kaschemme. Als ich die Tür hinter mir zuschmiss, verbeugte sich der Portier in der blau und golden abgesetzten Livree artig vor mir. „Beehren Sie uns bald wieder“, säuselte er, „Sie wissen ja: für Fischgerichte gibt’s nur Chez Guido.“


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5 responses

5 10 2009
Bürgerpflicht « Wolkenclouds Blog

[…] zu dem Kommentar über die FDP: FDP – wir fallen um und singen bumsfallera, bumsfallera oder Mitesser, das aber etwas schwer zu verstehen […]

5 10 2009
Fritz

sehr schön. wie so oft.

5 10 2009
bee

Merci 🙂

6 10 2009
Mike Seeger

„man wählt, und zum Schluss bekommt man Birnen-Reste“: könnte man zu recht vermuten.

6 10 2009
bee

Das Dumme ist, dass wir mit Kohls Mädel wohl tatsächlich das dicke Ende wiedertreffen. Diese Regierung hat eindeutig zu viel Asse im Ärmel.

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