Gernulf Olzheimer kommentiert (XXVIII): Esoterik

9 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das Reich der Lebewesen hat eine gewisse Neigung zur Vernunft herausgebildet. Knurrt dem Tierchen der Magen, so pickt das Blaukehlchen ein Insekt, das selbst noch eben auf dem Hundehaufen saß, um sich daran zu laben. Intelligentere Arten unter den Primaten benutzen bereits Stöcke, um sie sich gegenseitig über die Rübe zu ziehen. Der Delfin bildet Sozialverbände, streng gegliedert und komplex organisiert, aber ungleich übersichtlicher, sinnvoller und nicht halb so langweilig wie eine Gewerkschaft. Das Sinnvolle findet Anwendung unter den Kreaturen; töricht handelt allein die unbehaarte Spezies, die sich die Euter mit Silikon hochschwiemelt, mit Surfbrettern bewaffnet aus dem Flugzeug hüpft und ansonsten alles glaubt, wenn es nur beknackt genug klingt.

Um der Vernunft zu entkommen, erfand der Bekloppte die Esoterik, jenes Insiderwissen, das keinen geistig normalen Aufrechtgeher kümmert. Auf wackeligen Denkprothesen humpelt der Dämlack durch seine bescheiden möblierte Existenz und lernt die Vorzüge der intellektuellen Alchimie rasch zu schätzen. Statt die Nase ins Mathebuch zu pfropfen, übt der juvenile Hohlkopf eine Runde Gläserrücken aus, um festzustellen, ob eine Fünf in Analysis ihm die Versetzung zerscherbeln würde; das Orakel ist ungefähr so exakt wie eine Wahlprognose und lässt sich in jede Richtung interpretieren – Zeit für den kleinen Happen Risiko, um danach voll auf der Schnauze zu landen. Das antizipierende Bewusstsein, sollte es sich überhaupt noch um ein solches handeln, schafft sich allerlei kleine Fluchten aus der beschissenen Logik der Wirklichkeit, und sei es neotantrisches Hüpfen in konzentrischen Kreisen gegen Schweißausbrüche beim Anblick des Einkommensteuerbescheides. Reeller kann keine Halluzination sein.

In der zweiten Stufe bemerkt der ans Mysterium merkwürdiger Wahrnehmungen schon hinlänglich gewöhnte Knallkopf leichte Wesensunterschiede zur Kontrollgruppe; er konstatiert zwar folgerichtig, dass er nicht alle Latten am Zaun hat, schiebt es jedoch auf äußere Einflüsse wie windschief justierte Planetenbahnen, Resonanzfrequenzen innerhalb der Erdhohlkugel oder Schwankungen im Zuckergehalt extrastellarer Topfpflanzen. Aus dem Stoff werden Verschwörungstheorien gebacken. In der unteren Landschaftsschutzbehörde wittert er Illuminaten, die mit Hilfe von Christian Anders zum Subjekt der Weltgeschichte werden und folgerichtig allein durch Feng-Shui-Kurse daran gehindert werden können, schwule Außerirdische in unterirdischen Fichtenschonungen anzusiedeln, um der natürlichen Vermehrung den Hahn abzudrehen. Medikamentöse Gaben sind manchmal hilfreich; in anderen Fällen wirkt nicht einmal ein Tritt gegen die Birne lindernd.

Im dritten Stadium kommt der Esoteriker da an, wo der halbwegs sozial integrierte Mitmensch ihn wieder ergiebig benutzen kann. Er bedient sich der parallel zum Ist-Zustand ausgerichteten logischen Raster und steigert das Bruttoinlandsprodukt durch Vertrieb von Himalayasalz, das sich von ordinärem Natriumchlorid nur durch Dreckbeimengungen unterscheidet, und levitiertem Wasser. Der stetig wachsende Dienstleistungssektor dankt es dem Intelligenzprekariat mit reichem Angebot: er bespricht des Behämmerten Mehrfruchtmarmelade zur Durchführung einer Tachyonentherapie und schickt sich gegen Bares an, seine Plattfüße durch Handauflegen zu kurieren.

Hat sich der Volldepp die letzten Hirnzellen aus der Marmel möllern lassen, so lebt er befreit, merkt gar nichts mehr und geht nur noch seinen unschuldigen Mitmenschen tierisch auf den Keks. Beharrlich pendelt er feinstoffliche Komponenten der Schlafzimmergardinen aus, reißt Häuser nieder, sobald er Wasseradern am anderen Ende des Globus wittert, und legt sich zwischendurch Tarot-Karten, um zu entscheiden, wie viele Tage nach Vollmond er seine Nasenhaare schneiden soll. Die Eingebung dazu hält er für gechannelte Weisheiten aufgestiegener Wesen, obwohl ein durchschnittlicher Psychiater ihm schnell und unbürokratisch eine Einweisung wegen paranoider Schizophrenie verpassen könnte.

Bis der letzte Denkfähige anlässlich einer Familienaufstellung seine Komplettverdeppung in Angriff nimmt, ist es nicht mehr weit. Denn längst haben die Weltherrscher ihre Verschwörung auf ein Level gehievt, auf dem man nicht mehr fliehen kann. Aus allen Richtungen bombardieren die Knalltüten den unschuldigen Bürger, zwängen ihm Reiki-Joghurt mit Aloe-vera-Extrakt auf und lassen ihn zum Lichtfasten in die Toskana kriechen. Vermutlich gibt es bald die ersten Angebote für Reinkarnation auf Krankenschein, gekoppelt mit karmischem Klötenschütteln und makrobiotischem Kornkreistanz für Astralleiber über dem Erdstrahlengitter. Was die Bescheuerten sich da aus den Chakren wringen, ist zwar nur mit einer entspannten Einstellung zum Hirnschmerz zu ertragen, aber solange es nur in den Schwachköpfen dröhnt, bleibt es zumutbar. Wie angenehm, dass man hier wegschauen und Hilfeleistung unterlassen darf. Völlig mitleidsfrei.


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8 responses

9 10 2009
Mike Seeger

Total übersäuert, der Herr Olzheimer, total übersäuert. Da helfen nur Vollbäder mit Basensalz und viel Broccoli essen. Um Gottes Willen, kein Fleisch mehr. Am Besten noch eine Pyramide aus Kupferdraht auf den Kopf setzen, die im verkleinerten Maßstab der Cheopspyramide nachempfunden wurde, und den Pfennigbaum bitte in die andere Ecke des Wohnzimmers, in die Geldecke, damit der Herr Olzheimer so viel Geldzufluss bekommt, dass ihm die Esoteriker am dann in der Südsee befindlichen, auf der Strandliege fläzenden Pöter vorbei gehen können. 😉

9 10 2009
bee

Ich habe alles mit ihm versucht, holotropes Atmen, Ayurveda-Dinkelknäcke und Ohrkerzen. Zum Schluss hat er das Therapiemeerschweinchen vom Balkon geschmissen und die Klangschalen gleich hinterher. Schwierig, das 😉

14 10 2009
buchstaeblich

Spätestens bei dieser Lektüre wurde mir ganz, ganz klar, warum ich zurückkommen MUSSTE!
Erst wenn der letzte Baum umarmt ist, werden wir wissen, dass Rinde kratzen kann.

14 10 2009
bee

Dahinter steckt eine entbehrungsreiche Zeit (höchstens eine Pulle am Tag) und langes, hartes Training mit dem alten Operationsbesteck… gemeinsam können wir diesen kleinen, beknackten Planeten etwas weniger am Rad drehen lassen.

14 10 2009
cimddwc

Ich würde da eher eine tropoayurvedische Phaseneinweihung empfehlen, um die paraorgonomische Möbiusaura an die autokomplementäre Schicksalsresonanz anzupassen. 😉

14 10 2009
bee

Moment, Antwort kommt gleich. Herr Olzheimer zerlegt gerade die Kücheneinrichtung, weil ich seine Schüßler-Salze wieder in das Becken mit den Therapiegoldfischen geschmissen habe :mrgreen:

15 10 2009
Raven

Zum Lichtfasten hätte ich ergänzend noch das Seminar „Angstfreies Töpfern in der Toskana“ anzubieten. 😉
Und zu der bescheiden möbilierten Existenz kommen aber noch mindestens zwei Billy Regale hinzu, die unter der Last der vielen Schutzengelfiguren und Kraftfeldsteine fast zusammenbrechen. 😀

15 10 2009
bee

Seitdem Hildegard, ansonsten eher materialistisch und dem Spirituellen abhold, sich einen Traumfänger an den Rückspiegel gehängt hat, kann mich kaum noch etwas schrecken. Sollte sie sich allerdings irgendwann zum Kurs „Meditatives Autobahnfahren“ anmelden…

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