Privilegierte Partnerschaft

13 10 2009

„Ja, das ist mir auch klar. Aber erzählen Sie das mal der Alten… also der Frau Bundeskanzlerin. Und dann diesem komischen Pickelgesicht, wie heißt der doch gleich, Westerwelle, das ist einer von den Schlimmsten. Liberal. Eben. Nein, nicht deswegen. Also wir wollen es nicht an die große Glocke hängen, wenn er uns mal besucht. Falls er es wird, man sollte da doch vorsichtig sein. Wer weiß, wie sich die Koalition in Berlin einigt. Am Ende kommt wieder nur eine privilegierte Partnerschaft raus.

Meine Güte, wir haben doch schon genug gemacht. Es gibt Strom, es gibt Wasserleitungen – also da, wo es Wasserleitungen gibt, fließt größtenteils Wasser, ja. Und Istanbul hat wieder so etwas wie eine Müllabfuhr. Ja, richtig westliche Verhältnisse. Und jetzt haben wir uns eben gedacht, dass wir… wie, nicht unumstritten, ich dachte, sie sei Ministerin? Aber die Frau könnte doch hier in der Türkei… nein, das habe ich gar nicht gesagt, aber sie hat einen Beruf erlernt, übt ihn nicht aus und kriegt ein halbes Dutzend Kinder, das ist doch nicht verkehrt? Und was war daran jetzt falsch, dass wir alle die Schwulenseiten gesperrt haben, der Deutsche Bundestag hat doch auch… aber sehen Sie doch, wenn das in Deutschland Gesetz wird und die Liberalen da bloß ein bisschen in der Luft herumhampeln, dann können wir doch… Sinek küçük, ama mide bulandırır. Jaja.

Aber es geht doch nicht um Rechtssicherheit, das ist Ihnen doch klar? Wenn das der Punkt wäre, hätten wir den Nationalen Sicherheitsrat längst zurückgepfiffen, als er… natürlich gibt es eine zivile Kontrolle über das Militär. Inzwischen können Sie einen Militärangehörigen sogar vor ein Zivilgericht stellen. Das heißt, wenn Sie es schaffen, ihn vor ein Gericht zu stellen.

Na, jetzt hören Sie aber auf! Wir haben das Zivilrecht der Schweiz fast vollständig… ach was, die Schweiz gehört nicht zur EU? Das war mir nicht bekannt. Das Strafgesetzbuch aus Italien, gut, wir haben aber auch keinen Berlusconi. Und selbst wenn, er wäre bei uns…

Wir bemühen uns ja. Die Zivilgesellschaft ist doch der Knackpunkt, das haben wir begriffen. Man muss doch Politik für den Bürger machen. Aber was denn noch? Sexualstraftäter kastrieren, meine Güte, das wollen doch inzwischen sogar die Franzosen. Auch wenn das in 80 Prozent der Fälle nichts bringt, aber das ist nebensächlich. Ja, kann man machen. Ja. Wie in Polen, und wir klauen nicht mal Dienstwagen.

Das war ein peinlicher Ausrutscher. Das passiert nicht wieder, versprochen. Es war eben ein Patzer. Ab jetzt schauen wir immer, wo einer herkommt. Was musste der Junge auch Deutscher sein. Das konnte doch keiner ahnen. In Antalya sind die doch sonst nie. Schauen Sie mal, da ist es doch gut, dass wir mit dieser Kastrationssache auch noch gar nicht so richtig…

Ach, Folter… Diejenigen, die sagen, Folter sei nicht die richtige Lösung, müssen bereit sein, darüber nachzudenken, was die bessere Lösung ist, denn allein mit der Kritik ist kein Problem gelöst.

Wir müssen das dialektisch lösen. Hat Erdoğan gesagt. Keine Ahnung, was das heißt. Aber wenn er den Joschka Fischer macht, mir soll’s recht sein.

Ja sicher, wir haben das im Griff. Artikel 301 ist noch immer intakt. Wir schotten uns gegen jede Art von Kritik gegen den Staat und alles das, was wir dafür halten, ab. Komplett. Und wir haben eine schlanke Bürokratie – das, was wir für Kritik halten, unterdrücken wir selbst. Das ist moderne Staatsführung. Wir schützen eben die Gesamtheit unserer nationalen und ideellen Werte. Das, was aus unserer nationalen Sprache, nationalen Gefühlen und Traditionen resultiert. Landsmannschaft der Deutschtürken? zum Pfingsttreffen? Wenn’s den Seehofer denn glücklich macht…

Strafbare Handlungen gegen Atatürk? Ich bitte Sie, versuchen Sie in Deutschland einmal, sich kritisch gegen Adenauer zu äußern. Das ist doch inzwischen auch ein Offizialdelikt.

Natürlich haben wir eine säkulare Gesellschaft. Genau wie in Bayern. Da müssen Sie sich auch nicht wundern, wenn Sie weggemobbt werden, nur weil Sie beispielsweise… meine Güte, wir können doch nicht jedes Jahr den Papst einladen! Wo soll denn das hinführen! Ja, weiß ich. Also was wollen Sie jetzt: dass wir uns nach CSU-Manier positionieren, wonach es rechts von der Türkei keinen demokratischen Islamismus mehr gibt, oder dass wir mit richtigem Militär die laizistischen Reformen wieder durchziehen? Können Sie sich vielleicht mal entscheiden? Ja sollen wir denn den Sarrazin als Imageberater einstellen? Frontstaat? Das kriegen wir hin. Wir wissen, was wir unseren nordatlantischen Verbündeten schuldig sind.

Verdammt noch mal, jetzt platzt mir aber wirklich bald der Kragen! Rüzgar eken fırtına biçer! Wir sind hier unermüdlich tätig am Abbau von Bürgerrechten – es gibt keine Meinungsfreiheit, es gibt keine Pressefreiheit, keine Religionsfreiheit, die Gewerkschaften haben keine Rechte, wir haben keine Gleichberechtigung, sondern wir fördern häusliche Gewalt, Zwangsehen mit Teenagern und Ehrenmorde. Inzwischen sperren wir sogar die Schwulen aus dem Internet aus. Ich frage Sie, was sollen wir denn noch alles tun, damit uns dieser Schäuble endlich in die EU reinlässt?“


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