Vom Winde verweht

14 10 2009

Herr Breschke zeigte mir das Gerät von allen Seiten. „Sechstausend Watt, was sagen Sie jetzt?“ Für einen Laubsauger etwas viel, aber es ist ja auch nicht mein Garten. Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, wäre nur zu gerne seiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und seinem Herrchen zwischen den Beinen herumspaziert, doch die einzige Leine, die sich quer über den Rasen spannte, war die Geräteschnur. Schnüffelnd streifte er an der elektrischen Leitung entlang. Nichts. Kein Würstchen weit und breit. Nicht einmal ein ordentlicher Gartenzwerg zum Verbellen.

„Doktor Klengel hat mir auch dazu geraten“, teilte Breschke mir mit, „ich hab’s ja so im Rücken. Da muss man vorsichtig sein, sonst hat man Ischias oder Bandscheibe.“ Breitbeinig watschelte er mit dem Püster die Hecke entlang. „Sie sind ja noch jung, aber wenn Sie das ganze Laub vom Rasen harken müssten, ich sage Ihnen, da würden Sie auch so einen anschaffen.“ Liebevoll streichelte er das Gehäuse. „Hat mir meine Tochter besorgt. Das war viel preiswerter.“ Ich nickte mitfühlend. Breschkes Tochter hatte ein seltenes Talent, so formschöne wie sinnvolle Elektrogeräte für kleines Geld anzuschleppen. Ohne die in Portugal besorgte Stichsäge hätte der pensionierte Finanzbeamte nie so schnell und nachhaltig die Werkbank im Keller zu Splitterholz zerlegen können, ohne die im Internet zum halben Preis geschossene Mikrowelle mit Grill, Bräuner und Flammenwerfer hätte Frau Breschke ihrem Gatten noch länger in den Ohren gelegen, endlich die Küche von Grund auf zu renovieren; der Zimmerbrand beschleunigte die Angelegenheit doch enorm.

Breschke fummelte an den Knöpfen herum. Offenbar klemmte der Stromschalter, denn bis auf ein kleines Britzeln ließ sich nichts vernehmen. „Das klemmt manchmal ein bisschen“, beruhigte er mich, „ist ja noch neu.“ „Sagen Sie mal“, fragte ich vorsichtig, „ist die Zuleitung für den Außeneinsatz geeignet? Und hat das Ding überhaupt irgendwo ein Prüfsiegel?“ Doch er war nicht aus der Ruhe zu bringen. „Bis jetzt hat’s immer funktioniert. Kommen Sie, ich zeige es Ihnen.“

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Herr Gabelstein auf dem Nachbargrundstück den Rasen betrat und einen Laubventilator in Stellung brachte. Daher also wehte der Wind. Breschke schien es gar nicht zu bemerken. Mich ritt der Teufel. „Ja, diese modernen Geräte sind ein Segen, wenn man so viel Laub im Garten…“ „Papperlapapp“, schnitt er mir das Wort ab, „Gabelsteins Pflaume und dann diese klitzekleine Zierkirsche!“ „Immerhin“, sagte ich mit maliziösem Lächeln, „haben Sie dagegen prozessiert, dass von dieser Zierkirsche ständig die Blätter auf Ihren Kiesweg herübergeweht werden.“ Er war sichtlich verärgert. „Aber dann schafft man sich doch nicht so einen Kleinkram an! Das muss man richtig machen: sechstausend Watt! Das nenne ich Leistung! Wollen Sie mal sehen?“

Ich sah wenig, hörte aber um so mehr. Unter ohrenbetäubendem Fauchen blies die Motorharke die spärlichen Hinterlassenschaften der Platane, die vor dem Grundstück am Straßenrand wurzelte, von der Rasenkante. „Sechstausend Watt“, brüllte er mir ins Ohr, „damit ist man in fünf Minuten fertig!“ Er ließ das Gebläse ersterben. „Ist das nicht toll“, schrie er, „damit ist die Gartenarbeit im Herbst ruckzuck erledigt! Wenn Sie auch einen wollen, ich frage meine Tochter mal, ob sie…“ Ich war irritiert. „Sie brauchen mich nicht so anzubrüllen, der Motor ist längst aus.“ Unterdessen hatte sich Bismarck in Deckung begeben; schlotternd saß er unter dem Buchsbaum und erwartete jede Sekunde, dass der Lärm von Neuem anhübe.

Drüben hatte Gabelstein bereits damit begonnen, das Pflaumenlaub zu artigen Häufchen zusammenzublasen. Breschke knurrte wie sein Dackel beim Anblick von Radfahrern auf dem frisch geharkten Gehweg. Ein Griff zum Gehäuse, und der Apparat lief wieder an. Doch statt eine große Säuberung in Angriff zu nehmen, saugte sich der Stutzen plötzlich auf dem Kiesweg fest. Breschke ruckelte und zerrte. „Das muss der Umschalter sein“, rief er, „der Hebel ist etwas schwergängig!“ Ich tastete nach dem Umschalter. Keuchend schlurfte Breschke über den Rasen und stemmte sich dem Gebläse entgegen. Mit einem leichten Linksschwenk hatte er die ebenerdige Vogeltränke geleert; die Mischung aus Sand und Schmutzwasser klebte an der frisch gestrichenen Terrassenwand. Plötzlich knickte er jäh ein und wankte rückwärts gegen den Luftdruck über das Grün; das Gewicht zog die Ansaugvorrichtung nach unten, Breschke mähte streifenweise den Rasen und düste bei der Gelegenheit gleich handbreite Gräben in den Boden. Immerhin, ringsumher war kaum noch eine Spur von Laub zu entdecken. Bei sechstausend Watt war auch nichts anderes zu erwarten gewesen. Mit leichtem Linksdrall lüpfte Breschke die Reste des Schmetterlingsflieders aus der Erde, bevor er den Phlox liquidierte. Das elektrische Rodeo nahm kein Ende. Schon fraß die Maschine sich auf dem Kiesweg voll, dass der Sack sich bedrohlich blähte.

„Tun Sie doch etwas“, schrie Breschke in Panik, „ich kann es nicht mehr ausschalten!“ Ich spurtete zur Steckdose, doch es war zu spät. Die Maschine hatte soeben beschlossen, Schubumkehr einzulegen. Spotzend spie sie Fliederhäcksel in Gabelsteins Rosenbeet und schoss eine Ladung Kiesel in sein Wohnzimmerfenster. Der Nachbar tobte. „Sie Rowdy“, kreischte er und wedelte drohend mit der Gartenkralle über die Grundstücksgrenze, „ich werde Sie anzeigen! Schwerer Landfriedensbruch ist das, in Tateinheit mit grobem Unfug und tätlicher Beleidigung! In Idealkonkurrenz mit seelischer Abartigkeit, jawohl!“

Das Saugwunder hatte schon wieder auf Blasen geschaltet und fegte lärmend über den Rasen, während Breschke konsterniert die Bescherung besah. Röhrend verschwand das Utensil unter dem Buchsbaum und rumorte eine Weile dort herum, bis ich beherzt den Stecker zog. Angenehme Stille trat ein, bis Breschke mich mit schreckgeweiteten Augen anstarrte. „Wo ist eigentlich Bismarck?“


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3 responses

14 10 2009
Raven

Wiki schreibt, dass es den Laubsauger seit Ende der 1990er in D gibt. Wenn ich so ein Gerät sehe oder höre, bekomme ich plötzlich immer so eine schlechte Laune und frage mich: Wie konnte die Menschheit ohne Laubsauger überhaupt so weit kommen? Besser gefragt: Wo ist sie hingekommen und wohin (wie weit) wird sie noch gehen?

14 10 2009
Raven

… und ja, wo ist Bismark?

14 10 2009
bee

Es ist ein bisschen wie mit der Mikrowelle; Generationen von Menschen haben sich ihre Suppe im Topf aufgewärmt, erst in der Moderne schien es sich einzubürgern, Teller für Teller in den Bimmelofen zu schieben und klaglos hinzunehmen, dass die Brühe blubbernd kocht, während die Klößchen noch beinhart gefroren sind. Wahrscheinlich hat sich daraus die Molekularküche entwickelt, man weiß es nicht. Und der Laubsauger, diese elektrische Exofauna des Flachlandes, wird vielleicht irgendwann ausbrechen, alle Höhenzüge unterwerfen und das Alphorn ersetzen. Klanglich hat sich das Zeug ja schon einigermaßen assimiliert.

Dem Dackel muss es aber gut gehen, andernfalls hätte mich Herr Breschke umgehend angerufen oder, noch schlimmer, gleich seine Tochter vorbeigeschickt. Er muss rechtzeitig das Weite gesucht haben. Ab durch die Hecke.

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