Kindersicherung

15 10 2009

Der Diener stieß seine Nase so vornehm in die Luft, dass man ihn auch für verschlafen hätte halten können. „Sir Jeremy lässt bitten“, näselte er und öffnete die Tür. Ich trat in ein dunkles Zimmer, das ganz mit dicken Teppichen ausgelegt war. An den Wänden hingen die Porträts älterer Herrschaften aus viktorianischer Zeit. Sir Jeremy stand hinter einem mächtigen Schreibtisch. „Ich erbitte Ihre Verzeihung“, begrüßte er mich, „ich hatte Sie für eine Weile warten lassen, ist es nicht? Aber nehmen Sie sich einen Platz.“ Und so tat ich es.

„Sir Jeremy“, begann ich, „ich bedaure dieses scheußliche Verbrechen außerordentlich, aber die Reaktionen in Ihrem Land sind, mit Verlaub, doch ein bisschen merkwürdig.“ „Nein, durchaus nicht!“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Das sind, wie sagt man in Ihrer Sprache? ein Haufen von Beknackten. Sie haben nicht mehr alle Latten am Zaun, wenn Sie mir dies Wort gestatten.“ Und er goss einen stark duftenden Tee in die Tassen. „Es ist ja recht albern, was passiert in der Politik in dem Moment. Die Gesellschaft geht auf dem Kopf. Man könnte das Gefühl haben, wir sind bei den Hottentotten.“ „Weil diese Behörde die Daten sämtlicher Briten sammelt?“ „Nein, weil sie sie nicht sammelt, verstehen Sie?“ Er verwirrte mich ein wenig. „Weil sie sie nicht sammelt – noch nicht.“ „Aber es wird doch schon registriert“, wandte ich ein, „wer etwas mit Kindern zu tun hat.“ Er lehnte sich zurück in seinen Sessel und seufzte tief auf. „Es ist der Missbrauch. Ich muss Ihnen das erklären. Es ist sehr kompliziert.“

Er zog eine Liste aus der Schreibtischschublade. „Schauen Sie auf diese Berufe. Lehrer und Erzieher und Krankenschwestern, Ärzte und Studenten, das nimmt kein Ende. Jeder von diesen könnte im Prinzip ein Pädophiler sein, was der Grund ist, dass er diese Profession ausübt.“ „Damit wird also jeder unter Generalverdacht gestellt“, konstatierte ich, „und ganze Berufsstände sind ausgegrenzt.“ „So verkehrt ist das ja nicht“, antwortete Sir Jeremy bissig, „Sie wissen wohl, dass eine Hälfte der Rechtsgelehrten ihren Beruf haben, um kriminelle Energie in ihnen zu überkompensieren.“ „Wer muss sich denn überhaupt registrieren lassen?“ „Jede Person. Wenn Sie ein Gemüsehändler sind und haben jeden Tag Kinder in der Kundschaft: Sie lassen sich registrieren. Ein Busfahrer: Registrieren. Ein Verkäufer in einem Geschäft, das hat Kinderschuhe: Registrieren. Jeder darf das tun müssen.“ „Dürfen?“ „Es ist freiwillig“, bestätigte Sir Jeremy, „was das Perfide daran ist. Denn dann, wenn Sie sich nicht registrieren lassen, bekommen Sie eine Geldstrafe aufgeurteilt von bis zu 5.000 Pfund Sterling. Und Sie werden gestellt an einen öffentlichen Pranger – also nicht ein öffentlicher Pranger wie im Mittelalter auf dem Markt, aber ein Strafregister, das ist öffentlich für jeden einsehbar. Es ist eine Art Hexenjagd. Sie denunzieren die Putzfrau, die arbeitet in einer Schule, und sie wird in das Register eingetragen und ist eine Pädophile!“

„Und wenn diese freiwillige Eintragung nicht mehr gemacht wird…“ „… macht die Behörde den Missbrauch“, vollendete er. „Es zerstört die Kommunikation in der Gesellschaft. Denken Sie darüber, was wird, wenn die Behörde entscheidet, dass die Freiwilligkeit nicht nützlich war – dann wird man jeden mit Zwang in das Register schreiben und jeder ist ein Pädophiler.“ „Was wird da geschehen?“ Er senkte den Kopf. „Da wird sein kein Vertrauen mehr. Sehen Sie, wenn Sie ein junger Mann sind und studieren Medizin, um Kindern zu helfen, Sie werden als Pädophiler geführt – wer wird werden noch ein Kinderarzt? Wer wird noch leiten einen Kinderchor freiwillig oder trainieren eine Fußballmannschaft?“

Sir Jeremy stellte die Tasse klappernd ab; seine Hand zitterte vor Zorn. „Das ist dasselbe Ding, was hat Ihre Ministerin gegen Familien gemacht, in Ihrem Land. Die Kinder werden missbraucht in Familien, und also missbraucht die Politik die Sache für ihre manischen Ideen. Man braucht diese Hysterie dazu, dass man die Gesellschaft kann total kontrollieren.“ Ich nickte. „Genau genommen muss man doch jetzt auch sämtliche Eltern als Pädophile registrieren – sie halten sich doch am meisten bei Kindern auf.“ „Sie werden erstaunt sein“, sagte Sir Jeremy, „sie tun es. Natürlich nicht nur mit eigenen Kindern, sondern mit den Kindern auch von den Nachbarn oder wen immer man kennt. Ein ehemaliger Kriminalbeamter ist dazu gezwungen, dass er die Bilder löscht, was er hat gemacht von seinem neun Jahre alten Enkel. Er gilt nun als ein Pädophiler.“ Er lachte verzweifelt auf. „Stellen Sie sich vor, ein königlicher Prinz wird Vater – Sie dürfen das Baby anschauen, aber nicht mehr ein Bild davon schießen! Es ist recht lächerlich.“

„Ich las, dass es da bestimmte Richtlinien geben solle.“ „Ach was“, wischte er die Sache vom Tisch, „Geschwätz! Personen mit schwerer emotionaler Einsamkeit werden registriert werden – in England neigt man dazu, mit seinen Gefühlen sich auch zurückzuziehen. Verwendung von berauschenden Substanzen – ich neige zu schlechter Laune und trinke jeden Abend ein Glas Port, deshalb bin ich also pädophil? Nein, das ist ja Unsinn!“ „Und weshalb braucht die Behörde dies Register?“ Er blickte mich traurig an. „Es ist der Perfektionismus. Und es macht viel weniger Kosten. Mit Ausnahme von meinem Bruder Gordon, der ein schrecklicher Kinderhasser ist und nie Kinder um sich hat, wird man die Bevölkerung von England haben. Alle in einer Datei und alle sind verdächtig. Ganz einfach. Das hat nicht geschafft einmal Ihr Herr Schäuble.“


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