Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIX): Verpackungen

16 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Vernunft ist ein kostbar Ding; bisweilen so kostbar, dass der Dauerdemente sie gleich nach dem Betreten der Außenwelt an der Garderobe abgibt. Ohne Widerspruch lässt er sich aus Handteller und Kaffeesatz den größten Stuss vorlesen und nickt mit hohlem Kopf dazu. Dass der Mond aus grünem Käse sei, glaubt er eher als dem Schild Frisch gestrichen an der Holzbank. Schwappt dies Gewitter aus Form, Farbe und Lautstärke über den Eichstrich, so setzt beim Beknackten schlagartig Unzurechnungsfähigkeit ein.

Dass Intelligenz ein evolutionärer Irrweg ist, zeigt der Synapsennachzügler an Verpackungen. Im Normalzustand erscheint die Regalkulisse eines Supermarktes nur als Anhäufung beliebiger Waren, doch unter Drogen oder ohne geistige Gegenwehr wird die Umgebung zu einem bunten Paradies der falschen Vorspiegelungen. Im Großraumsarg lauert der tiefgekühlte Pigmentsurrealismus. Besäße der Debile Zeit, Hirn und Geschmacksnerven, um sich das auf Plastefolie vierfarbig aufgemöllerte Gemüse zuzubereiten, das ihm der Serviervorschlaghammer in die Netzhaut dengelt, müsste er nicht die Floradarsteller mampfen. Boden- und Zahnpflege unterscheiden sich lediglich durch Konsistenz und Geruch. Wer unter lebensbedrohlicher Paprika-Allergie leidet, greift zu Brotaufstrichen, die das Nachtschattengewächs auf dem Deckel abgebildet haben; es dient unzweideutig als Beweis, dass die Schmiere unter Abwesenheit von Paprika in den Behälter gesuppt war. In analoger Manier werden auch Erdbeerjoghurt, Schokoladenkekse sowie lachshaltiges Tierfutter gefertigt. Im Güterverkehr existiert der Begriff der Betrugsabsicht nicht. Erst wenn das überteuerte Erdnusstütchen im Billigflieger vor Erdnüssen an der Innenseite warnt, weiß der Passagier, dass es Lebensformen gibt, bei denen noch ein paar mehr Schrauben locker sitzen.

Wer im Vollbesitz seiner semantischen Kräfte die Hygienebatterie betritt und auf einer Papierware den Ausdruck samtstark entdeckt, sei sich Mitleids gewiss. Dergestalt angemeiert zu werden ist sich der kaufende Knalldepp schon nicht mehr bewusst, wenn er ein als kakaohaltig tituliertes Getränkepulver – hieße in etwa: Inhalt besteht nicht ausschließlich aus Rübenzucker und künstlichen Farbstoffen – mit dem Aufdruck „extra schokoladig“ verziert sieht. Ist die Plörre mit nennenswertem Anteil an Kakao gepanscht und also derart kakaoig, als wäre an ihrer Statt Kakao drinnen (dann könnte man wenigstens einen der beiden Inhaltsirrläufer einsparen), oder hat Doktor Mabuse bloß beim Zusammenrühren eine Tafel Vollmilch durchs Labor geschmissen? Tragödien lauern im brauen Sud, bevor man ihn in den Drahtkorb gehebelt hat.

Ein weites Feld stecken Light-Lebensmittel ab; im Gegensatz zu ihrer Bezeichnung führen sie zu schweren Ausfallerscheinungen, wenn im Stauraum zwischen den Ohren die letzte Birne ausgeknipst wird. In Ermangelung organischer Konservierungsstoffe und Geschmacksträger wie Fett und Zucker, die der Behämmerte für die Erfindung außerirdischer Invasoren hält, werden Light-Käse, Light-Quark und sonstige Light-Wesen auf niedermolekularer Ebene mit Substanzen verdrillt, die in anderen Haushalten die Scheiben abdichten oder das Kleinkraftrad hurtig über den Schotter knüppeln lassen; folgerichtig protzt die Geschmacksangabe Natur auf dem Schmierkäse, der unter unsäglichen Mühen auf den Geschmack von Westwind im Ostharz getrimmt wurde – Wunder der modernen Chemie. Ein Kohlenstoffring mehr, und es wäre ein Kautschukeimer geworden.

Die Entfremdung schreitet wacker fort. Längst gebiert der Schlaf der Wirklichkeit Dinge, die an Unmögliches grenzen: Landjoghurt aus industrieller Massenproduktion, sahnelosen Sahnepudding, sensitive Seife (die vermutlich den Kontext lernt, während man sie auf die Flossen schwiemelt) und Fruchtsaft mit Zusatznutzen (das Fallobst wird im Nadeldrucker unter Kohlepapier zermatscht). Das Leben ist eine große Mogelpackung. Wer sich im Handbuch der Knochenfische bereits nach dem Laichgebiet der Seelachse totgesucht hat, gewinnt eine Instant-Beerdigung in der endzeitlichen Vorderschinken-Dose: maschinell zerfetzt wie die Formsau aus der Designerschnitzelanlage. Büchse und Aufschrift neigen zu dialektischem Verhältnis, und gerade der Bescheuerte aus dem Land von Goethe, Kleist und Westerwelle fühlt sich an selige Zeiten erinnert, als noch der Schutzwall das einig Vaterland spaltete. Das historisch bedeutendste Schwindelgebinde war doch die DDR, denn sie war weder deutsch – vielmehr internationalistisch, schließlich hatte der Russe auch keine Apfelsinen – noch demokratisch, von der Republik mal ganz zu schweigen. Aber schön war’s doch. Denn das Kaufhallensortiment war so hässlich, dahinter konnte sich nur Ehrlichkeit verbergen.


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4 responses

16 10 2009
Morla

Köstlicher Artikel über allerlei Unverträgliches!

Übrigens, seit geraumer Zeit bin ich wieder bei meiner Einkaufsliste, die ich zu DDR-Zeiten immer des Freitags „abgearbeitet“ habe. Der einzige Unterschied, was nicht im Garten wächst, enthält die Abokiste vom Biogärtner. Den Rest, die Grundnahrungsmittel wie Brot, Reis, Schokolade und Käse, liefert der Ökoladen in unserer Kleinstadt. Für Katzen- und Hundefutter sowie Vogelfutter für die Ganzjahresfütterung muss der Supermarkt herhalten (Bio kann ich mir da nicht leisten, denn es werden immer mehr hungrige Mäuler, die sich im heimischen Garten einstellen).

16 10 2009
bee

Interessante Entdeckung bei Gesprächen mit den „gelernten DDR-Bürgern“ in meinem Bekanntenkreis: tatsächlich haben viele von ihnen die Lebensmittel von damals in guter Erinnerung und vermissen manche Dinge, die es so heute nicht mehr gibt. Vor allem das Brot wird allenthalben als sehr viel besser beschrieben, fester und mit mehr Eigengeschmack. Die kapitalistische Backstraßenindustrie produziert ja nur mehr Heißluft.

Wenigstens da hat Engels sich nicht geirrt, als er bei quantitativen Änderungen von einem Umschlagen der Qualität sprach 😉

16 10 2009
Morla

Nein, es ist nicht die Erinnerung und ich vermisse auch das Brot nicht. Es war viel eher die Beschränkung auf das Wesentliche, die ich heute wieder praktiziere.

16 10 2009
bee

Vernünftig, man braucht nicht viel, um gut zu essen.

Heute ist Welternährungstag.

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