Der Preis des Geldes

21 10 2009

Die Masse auf dem Vorplatz kam nicht zur Ruhe. Spruchbänder flatterten im Nieselregenwind, die Arbeiter skandierten unaufhörlich vor sich hin. „Wir lassen uns nicht kaufen“, scholl es über das Gelände. Grobschmitt lächelte. „Sie sehen“, sagte er mit jovialem Unterton, „die Rechnung geht auf. Sie haben sich gründlich geirrt mit ihren sozialen Wunschvorstellungen, die Gewerkschaften und die Betriebsräte. Was Sie hier sehen, ist die Realität.“

Ich verließ den Balkon und trat wieder ins Sitzungszimmer. Der Anblick der demonstrierenden Werkskräfte hatte mich ratlos gemacht. „Und Sie glauben tatsächlich, dass das Geld die Wurzel allen Übels ist? Sie als Kapitalist?“ Er runzelte die Stirn. „Sie verkennen mich, mein Freund. Ich habe hier einen humanistischen Anspruch zu vertreten. Wir dürfen den Wert der Arbeit nicht mehr länger nur mit Geld bemessen. Ein völlig verkehrter Ansatz.“ Während ich mich in den Sessel sinken ließ, goss Grobschmitt alten Cognac in zwei Schwenker. „Sie sehen das bereits an der Natur des Menschen. Wenn man vor einem Kleinkind einen Bleistift auf den Boden wirft, hebt es ihn immer wieder auf – eine Verquickung aus Spiel und altruistischem Verhalten entsteht. Wenn Sie das Kind mit einem Klötzchen belohnen, hat es bald keine Lust mehr.“ „Sie verwechseln da etwas“, wandte ich ein, „das Kind spielt ja an sich schon gerne. Die Belohnung ist kontraproduktiv, weil sie keinen Mehrwert schafft.“ „Und wie erklären Sie es sich dann, dass sich die Leistungsbereitschaft nicht mit Mehrwert schaffen lässt?“ „Das müssen Sie mir erklären.“

Grobschmitt trank einen großen Schluck, als sein Sekretär den Raum betrat. „Wir haben Ärger. Die Genossenschaft.“ „Lassen Sie es gut sein, Dömmerle“, winkte er ab und zündete sich eine Zigarre an. „Mit denen werde ich nicht debattieren. Schließlich haben wir noch Tarifautonomie.“ Der Domestik buckelte sich rückwärts aus dem Zimmer. „Wo waren wir? Ja, also die Leistung. Manche glauben, man könne mit Geld die Motivation der Arbeitnehmer steigern. Doch das stimmt nicht. Wenn man Ihnen Geld für die Arbeit zahlt, werden Sie denken, dass Sie ausschließlich für Ihr Gehalt arbeiten. Ein fataler Irrtum, denn so werden Sie den Wert Ihrer Arbeit nicht mehr zu schätzen wissen.“ „Der Wert der Arbeit liegt also nicht in ihrem Gegenwert?“ „Natürlich nicht! Schauen Sie, das Arbeitsethos – man definiert sich heute ja mehr und mehr dadurch, überhaupt zu arbeiten. Fragen Sie mal einen Erwerbslosen, der wird Ihnen das gerne bestätigen.“ „Weil er mit den Almosen vom Staat nicht mehr satt wird“, fiel ich ihm ins Wort. „Ach Gott, Sie sind ja auch so ein Sozialromantiker!“

Ich stellte das Glas hart auf den Tisch. „Mit welchem Anreiz wollen Sie beispielsweise einen Langzeiterwerbslosen wieder in den Arbeitsprozess integrieren, wenn nicht durch einen vernünftigen Lohn?“ „Sehen Sie, wieder so ein Denkfehler. Wenn jemand für seine Arbeit nicht viel mehr bekommt als ein Sozialfall, glauben Sie dann, dass er noch gerne arbeitet? Die Leute werden alle zu Erbsenzählern. Sie werden neidisch und erkennen den ethischen Wert ihrer Arbeit nicht mehr.“ „Das setzt zwingend voraus“, analysierte ich, „dass der Mensch an sich gerne arbeitet und deshalb eine Entlohnung sein Ethos beschädigt. Aber die meisten Menschen arbeiten, um davon leben zu können.“ Grobschmitt seufzte tief auf. „Ja, das ist ein Kreuz. Eine der großen Fehlentwicklungen.“ Und er schmauchte behaglich an seinem Lungentorpedo.

„Es gibt da eine völlig andere Studie“, begann ich, „die Kinder beobachtet hat, wie sie Spenden sammeln. Eine Gruppe bekam nichts, die zweite eine kleine, die dritte eine große Belohnung. Natürlich haben die Kinder mit der größten Belohnung am meisten gesammelt.“ Grobschmitt hakte sofort ein. „Aber die Kinder, die gar nichts bekamen, haben immer noch mehr erbracht als die, die nur eine kleine Gabe erhielten. Da sehen Sie es: der Idealismus ist wichtiger!“ „Nein, die These geht anders herum: entweder nichts zahlen – oder aber so viel, dass es ein Anreiz ist.“ „Das mag sein. Aber wir haben schließlich auch eine Verantwortung für die Arbeitnehmer zu tragen. Und deshalb muss man ihnen klarmachen, dass ihre Arbeit an sich schon wertvoll ist.“ „Das klingt wie ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen.“ „Nein, man muss es trennen. Wie Sex und Liebe. Schauen Sie, ich bin zwar verheiratet, aber ich…“ Er biss sich auf die Zunge.

„Was haben Sie also jetzt vor? Löhne kürzen? Die Arbeiter auf die Straße setzen?“ „Wir haben da ein Konzept ausgearbeitet“, erläuterte Grobschmitt, „sie haben die freie Entscheidung. Wenn sie weiter für uns arbeiten wollen, werden wir dem nicht im Weg stehen. Sie werden alle fristlos entlassen und sofort wieder eingestellt. Als Ein-Euro-Kräfte.“ „Ein Euro Stundenlohn für hoch qualifizierte Produktionsarbeiter?“ „Sie scherzen“, entgegnete er, „ein Euro im Monat. Oder wofür hat nach Ihrer Ansicht unsere hoch geschätzte Frau Kanzlerin den Kombilohn erfunden.“ Und er goss sich reichlich Cognac nach.

„Und das Management? Wie halten Sie es in der Vorstandsetage mit Ihrer Philanthropie?“ „Wie gesagt, man muss Arbeit und Geld trennen.“ „Und das bedeutet konkret was?“ Er lehnte sich behaglich im Sessel zurück. „Da wir nicht arbeiten, hat das Geld für uns eben eine ganz andere Bedeutung. Genug zahlen oder gar nichts, das ist schon richtig so. Genau deswegen haben wir uns entschieden, die Boni kräftig zu erhöhen.“


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3 responses

21 10 2009
buchstaeblich

Weil der Mensch ja nur beschäftigt sein will, und weil Mehrwert ja üüüüberhaupt keine Rolle spielt, wird politikerseits ja auch immer wieder gern das „Ehrenamt“ propagiert.
(gähnt herzhaft)
Vielleicht sollte man alle Betriebe im Niedriglohnsektor in Stiftungen umwandeln und die Arbeit von ehrenamtlich Beschäftigten erledigen lassen. Das schlöse auch aus, dass der monatliche Euro die Mitarbeiter korrumpiert.

21 10 2009
bee

Zunächst mal fände ich’s ganz schnieke, wenn der Herr Westerwelle in fließender Amtssprache sein Leistung muss sich wieder lohnen schmetterte – und zwar nach einer Doppelschicht in einem Pflegeheim für schwerstbehinderte Menschen.

(Pardon, ich habe keinen blassen Schimmer, wie der Spamfilter den Kommentar fressen konnte.)

21 10 2009
Der Trick für Lichtscheue: Schattenhaushalt! « Buchstaeblich seltsam!

[…] Auch schöne, trefflich treffende Gedanken zum Thema Geld und Leistung findet man hier. […]

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