Gernulf Olzheimer kommentiert (XXX): Mobile Gesellschaft

23 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war es einfacher. In Ermangelung eines Hahns auf der Biomassedeponie hinter dem Carport rasselte der Wecker, der Bürger begab sich in die Vertikale, markierte Körperpflege, schmierte sich Ei in den Bart und bestieg den Vorortzug, um in der Kreisstadt acht Stunden lang Formularvordrucke zu lochen. Telefone klingelten noch, hatten Schnüre, die direkt in der braungrauen Tapete verschwanden und als obskure Stolperfallen über Perserbrücken mäanderten. Die Welt war so unhektisch wie eine Betriebsbesichtigung in der Leichenkühlkammer.

Doch was ist schon für die Ewigkeit, abgesehen von Wahlversprechen, Vorurteilen und Johannes Heesters; die Postmoderne bietet dem Stiesel jede Möglichkeit, sich zum Vollhorst zu machen in einer Gesellschaft auf Speed. Er stolpert multitaskend durchs verschwiemelte Dasein, wie im Wahn, drei Sachen synchron in die Grütze zu reiten, während er sonst schon damit überfordert scheint, zeitgleich Glotze und Großhirn anzuknipsen. Getrieben vom Drang zur draht- und nahtlosen Erreichbarkeit legt er Schwafelspuren quer durch alle zivilisatorisch eroberten Gebiete; mobiles Telefonieren, mobiles Internet machen es möglich, dass der Bescheuerte schon auf dem Weg ins Office dreimal pro Minute checkt, ob ihm eine Torfnase etwas auf die Mailbox gerülpst hat. Indessen lässt er sich die Synapsen vom Reklameschotter zermarmeln, der ihn aus der Medienlandschaft anspringt.

Wäre es nur das. Er will Lebenszeit sparen. Also schlürft er Koffeinplempe-to-go auf dem Fahrrad, während er auf dem Bahnsteig die Börsenkurse kontrolliert und die Gastritis mit ersten Fast-Food-Dosen anstachelt. Bald schon werden Beknackte auf Kickboards durch die Schnellbahn trudeln, um außen an der Relativitätstheorie vorbei noch zehn Sekunden eher ans Ziel zu gelangen. Sie werden sich auf dem Weg rasieren und sich beim Laufen die Schuhe zubinden. Demnächst wird beim Speed-Dating auch an Ort und Stelle das Paarungsmaterial angetestet und, der Behämmerte will ja die Mittelschicht nicht sterben lassen, gleich zur Fötenfertigung in die Horizontale geschlenzt: fünf Minuten mehr Nettoexistenz. Hurra.

Was bleibt, ist neben den Kaffeeflecken auf der Bundfaltenhose die lästige Sinnfrage – wozu tobt dieser Gesichtsschnitzelverein den Gewaltexzess am eigenen Leben aus? Die Antwort liegt tief verborgen in dem Schrott, den die Evolution als Genom des Homo sapiens zusammengehäkelt hat; was die Erbmasse nicht versaut hat, versagt im Verhalten – der Krieg wird zum Lebensmodell, der Angriff verteidigt den Knalldeppen gegen die Welt an sich. Heimat- und konturlos, aber offensiv paddeln quallengleiche Populationsdarsteller durch das feindliche Konstrukt namens Realität, um sich im amorphen Geblubber des Jetzt eine Barriere gegen das Andere zu schaffen; hat sich der Haufen aus Knochen und Gammelfleisch erst einmal als Ego definiert, hockt in der Limousine, da kehrt auch schon die kampferprobte Aggression des Höhlenmenschen zurück, der freie Fahrt für freie Würger fordert. Sie schlagen sich die Fresse ein, wenn der Vordermann Sekunden zu lange die Rotphase ausdehnt, das Kapitalverbrechen besteht darin, den Trottel in der Blechkarre ganz hinten für die Dauer eines Wimpernschlages länger an der gelebten Mobilität zu hindern und ihn so bis zum Stehkragen mit Adrenalin zu füllen; der Begriff Bewegungsdichte bekommt da eine ganz andere Bedeutung. Längst erlebt der Auto-Pilot Stresszustände, die frühere Generationen nur aus der Kanzel des Kampfjets kannten.

Es liegt in der Natur des Bescheuerten. Der erste Halbaffe, der auszog, bessere Jagdgründe zu orten, war evolutionär im Vorteil – und fing sich den Schlamassel ein, die Arschkrampen wegbeißen zu müssen, die ihm nachrannten. Statt die Nachteile des widersinnigen Gehetzes zu sehen, schwindelt sich der Mobilkasper die groß- und überholspurige Lebensweise auch noch als jung, dynamisch und endflexibel schön. Brüder, zur Sonne, zur Freizeit – bloß, dass Latte-macchiato-People das Ausspannen gar nicht mehr kennen, weil sie sich ihre Plörre im virtuellen Shop ertwittern müssen, denn sie haben keine Zeit mehr, eine Milchbude anzusteuern. Sie haben Navigationsgeräte, um die Banalisierung der Kontinente wie einen Fetisch auszukosten, aber sie sind zu behämmert, um die Bremsspur zu finden, die sie aus den Kampfhandlungen führt.

Hat sich der Bekloppte in der Welt eingerichtet, die ihm nach einem Arbeitstag im Kreisverkehr per Pizzaservice die Kalorien ranmobilisiert, bemerkt er gar nicht mehr, dass seine ständige Jagd umsonst ist. Dank moderner Kommunikationselektronik wäre er bereits jetzt in der Lage, die Schutzhöhle nicht mehr zu verlassen, Arbeit und Versorgung vom Bett aus zu erledigen und einen Fixpunkt zum Annageln von Hutablage und Charakter zu finden.

Endpunkt: das mobile Grab. Schießen wir den Krempel möglicht linear an der Sonne vorbei. Dann nervt das Zeug nicht mehr im Orbit und etwaiges intelligentes Leben ist gewarnt, diesen Planeten mit seiner deutlich zu hohen Bescheuertendichte besser in Ruhe zu lassen.


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4 responses

23 10 2009
VEB wortfeile

ich habe manchmal den eindruck, als wäre ich ein klumpen immobile masse im sandsturm. am anstrengendsten finde ich die erwartungshaltung der dauererreichbaren tyrannen. wer nicht innerhalb von wenigstens fünf minuten zurückpalavert, ist raus. gründe spielen keine rolle. es ist die technik, die unser leben taktet. die begriffe nähe und ferne verwischen zusehends, und die zunehmenden verbindungen, die gleichzeitigkeit schaffen eher unverbindlichkeit. als ich letztens auf der buchmesse war, dachte ich erleichtert: ‚bloß bücher‘. du schlägst sie auf, und im besten fall versinkst du für stunden oder tage in ihren zeichen. welch‘ köstlicher genuß. soll sich, wer gerne mit seinem leben egoshooter spielt, von der zeichenhaftigkeit der zeit zerfressen lassen.

23 10 2009
bee

Es muss ein Fluchtreflex sein, der weit über das bis dahin übliche Reisen hinausgeht; sie bewegen sich alle so schnell, dass sie schließlich nur noch virtuelle Bilder ihrer selbst hinterlassen, nichts Greifbares – Teilchen im Kosmos, die gar nicht mehr begreifen, dass sie eigentlich nur Teilchen sind (die Bewegung vollzieht sich dann im Gesamten), und es wirkt wie eine stark vergrößerte Ausgabe der Heisenberg’schen Unschärferelation: man sieht sie in ihrer hektischen Bewegung, versteht aber nicht mehr, wo sie sind und was sie antreibt.

Zeichenhaftigkeit der Zeit ist ein gutes Stichwort. Sie können sie nicht mehr deuten. (Mir fällt gerade Woyzeck ein, die Szene beim Doktor: „Wer das lesen könnt.“) Mit dem Verlust der Zeit-Sprache, wenn man längst keine Warnsignale mehr wahrnimmt, stirbt die Fähigkeit ab, überhaupt gedankliche Räume zu erschaffen; die Menschen, diese Elementar-Teilchen, werden endgültig zu Transmittern ihrer eigenen Geschwindigkeit und Richtungsänderung – Lichtpunkte, die man nur noch kollektiv wahrnimmt wie eine Glühwürmchenwolke, und unfähig, einen eigenen Standpunkt zu besetzen.

23 10 2009
buchstaeblich

Ich musste soeben an das fassungslose Gesicht eines Supermarktkassierers denken, dem ich neulich erzählte, dass ich meinen Glühwein selbst herzustellen pflege. Der junge Mann konnte sich nicht vorstellen, dass das möglich ist und hält mich nun anscheinend für entweder bekloppt oder eine Alchimistin.
Muße statt Masse, sage ich gern.

23 10 2009
bee

Grauenhafte Vorstellung – für mich auf einer Linie mit Tütenbratkartoffeln, dem so ziemlich scheußlichsten Zeugs, das ich jemals in einer Lebensmittelabteilung gesehen habe.

Wahrscheinlich verdient es das Gros längst nicht mehr anders, als schnellschnell mit Surrogaten abgefüllt zu werden und einigen wenigen das Wissen um Kultur, gutes Handwerk und Traditionen zu überlassen. Traurig ist nur, dass es immer weniger Menschen gibt, die den Unterschied zwischen Industrieglühwein oder Kartoffelpüree aus der Tüte und dem ordentlichen Hausrezept überhaupt noch bemerken. Die Hirnverdübelten vererben ihre Kulturlosigkeit rapide weiter. Ein unumkehrbarer Prozess, wie mir scheint.

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