Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXI): Comedians

30 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht allen ist es gegeben, die Wonnen der Muße in Genügsamkeit auszukosten; während der eine stille Freude empfängt bei der Betrachtung eines Grashalms, stolpert der andere bereits in eine existenzielle Krise beim Malen nach Zahlen, weil er sich die Reihenfolge zehn komplexer Krickel seit dem Schulabbruch nie hat einprägen können. Wo Heiterkeit übergangslos in Spaß mündet, sind doch noch Menschen, die fidel Skat spielen, verbissen Picassos Guernica im Originalformat aus handgeknüpften Knoten benutzter Zahnseide nachempfinden, Minigolf spielen. Suum quique. Von den Abhängen der Allotria nun klatscht der Beknackte in die Schlucht der passiven Bespaßung, die ihm Fun verschafft – die Gefilde des Amorphen bleiben aus guten Gründen so ungefeudelt wie das Herrenklo einer Autobahnraststätte, deren Odeur nur mit Hilfe einer Abrissbirne zu begegnen ist.

Als Prototyp der Bespaßungsspezies hat sich der Animateur als Berufsbild für den Vollkontakt mit Minderbemittelten herausgemendelt. Wer mühelos lebergeschädigte Grützbirnen mit Männertitten dazu bringt, sich gegenseitig rhythmisch auf die Gesäßmuskulatur zu schlagen, ohne homophobe Panikattacken in ihnen auszulösen, hält sich im Geschäft. Die erfolgreichsten Arbeitnehmer dieser Branche profitieren davon, dass sie der Mischpoke aus Besoffenen und Beschränkten intellektuell durchaus das Wasser reichen kann, wenngleich von ganz weit unten. Manche entfliehen nicht und scheitern sich langsam, aber todsicher in den noch erbärmlicheren Aggregatzustand rein, der die Nahrungskette im Boden verankert: Comedians.

Was so harmlos, beinahe ulkig klingt, ist nichts anderes als die Stellenbeschreibung für Pfleger, die denselben Dachschaden haben wie ihre Patienten. Abend für Abend verrenken zappelnde Zombies ihre Resthirnwindungen, um mit Brachialgewalt die Debilitätsgrenze im Zuschauerraum auszuleiern. Bietet Malen nach Zahlen dem naiven Pinsler, dem jegliche Vorstellungskraft abgeht, noch das Staunen bei der mählichen Genese von Blumenstillleben, so ist die Symbiose von Bühnenbrülltüte und die Sessel einnässendem Klatschvieh bis tief in die niedermolekulare Ebene von Überraschungen frei – die Parkettparasiten reagieren mit stumpfer Ablehnung auf jeglichen Ansatz einer Pointe im engeren Sinne, weil ihre Zwerchfellresonanz nur bei sorgfältig ins Stammhirn eingefrästen Reizen die Arbeit aufnimmt. Witze, die man erklären muss, sind per se scheiße, und der Begriffsstutzige braucht eine Menge Erklärungen.

So hampeln flächendeckend die Statisten des Humorrecycling an die Rampe, ohne Beipackzettel direkt ins Programm der Unterschichtensender geschwiemelt, um Besucher der Hirnrückgabestelle zu beglücken, die Atze Barths und Ingo Mittermeiers dieser Republik, die mit jedem mühsam unterkellerten Scherz zwanghaft zeigen, dass sie nicht alle Rillen auf der Erbse haben, Eigenwitzlacher, denen kein Gag zu platt und kein Schelmerei zu müffelig ist, als dass sie ihn nicht zur lustigen Leichenschändung ausbuddelten.

Was da als Zotenwiederaufbereitungsanlage über die Bretter humpelt und dem Betrachter seine eigene Hirnverdübelung vorturnt, genießt bisweilen Kultstatus – Säle und Stadien voll sabbernden Gesocks, prustende Prolls goutieren konvulsivische Auswürfe von Gossenvokabular, das die widerliche Wirklichkeit ihrer verpfuschten Lebensentwürfe abbildet. Antiproportional zur Bodenhaftung, die der immerwährende Niveaulimbo rausmöllert, steigt das Ansehen der Schwachstromclowns, die für ihren gesellschaftlichen Selbstmord auf der Mattscheibe immense Summen an Schmerzensgeld kassieren; jeder abgekupferte Unflat, jeder in Verwesung übergehende Schülerulk wird für die Spezialisten der Zasterfahndung nutzbar gemacht, bis in die Niederungen des Sekundärschmonzes, wenn Olli seine jeweilige Bettunterlage noch einmal für die Galerie pochert.

Längst bezahlen die Ratten ihren Fängern vergoldete Flöten, schärfen den Kosaken des Klamauks die rostigen Schwerter. Längst wird auch das kollektive Ablachen zu auswendig gelernten Witzmustern eine quasi-rituelle Handlung, die Identität stiftet, wo vorher nur Satzkonstruktionen aus der Arbeiterfachpresse an den Innenseiten des Zwischenohrhohlraums sich ansaugen konnten. Was an Intelligenz beim Empfänger nicht vorausgesetzt werden kann, vergrößert den Resonanzraum, der über das Reizleitungssystem in direktem Kontakt mit dem Beckenboden steht. Sie zahlen, damit man ihnen auf die Eier geht.

Und doch haben diese Jammerlappen eine reinigende Wirkung. Wie die Losung des sanften Rindes myriadenweise Schmeißfliegen anlockt und hält, die ansonsten ihre Kackstelzen in harmloser Leute Heißgetränk tunken, so hält der geistlose Saukram die Rüpelgarde wenigstens davon ab, Streichquartettabende, griechische Tragödie und Tanzkunst mit ihrer Anwesenheit zu beleidigen. Tiefer Trost wohnt dieser Vorstellung inne. Wie unerträglich peinlich müsste es sein, würden die Volltrottel dabei an der falschen Stelle lachen.


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2 responses

30 10 2009
Mike Seeger

„Kinders“, was waren das für Zeiten, als wir nur unseren Fips Asmussen hatten …

30 10 2009
bee

… und Günter Willumeit und Peter Frankenfeld, der alles konnte. Heute sind nur noch ungelernte Kräfte auf der Bühne.

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