Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXII): Selbstverwirklichung

6 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zwei Dinge sind es, welche die Grenzen der Menschheit im Wesentlichen abstecken: einerseits die Endlichkeit des Möglichen, andererseits die Notwendigkeit, mit dem Gegebenen zu leben. Alle, ob Chefarzt, Bordellpianist oder aus Düsseldorf gebürtig, sind darin gleich, dass sie Bedürfnisse und Wertvorstellungen in Einklang zu bringen haben: erst kommt das Poppen, dann kommt die Moral. Allseits beschränkt wurstelt sich der Primatenkönig durchs Dasein, und als wäre Gleichheit innerhalb der Demarkationslinie nicht schon übel genug, verfällt der Nappel auf den hirnrissigen Gedanken, sich in der Spanne zwischen Presswehen und Madenbrunch eine Art Individualität zu basteln. Dazu bedarf es einiger geistiger Basics; wie es der Zufall will, strebt gerade die Vollbrezel unter den Inkarnationsmustern dies Ziel an.

Der Behämmerte gerät alsbald zwischen die Fronten, wenn sich sein übersteigerter Egoismus und eine Selbstüberschätzung von psychiatrisch interessantem Ausmaß brüderlich die Hand reichen. Meistens geht die Sache gut aus; zahlreiche Honks verlassen den Genpool mit Hilfe trendgerechter Sportgeräte, klatschen an senkrechte Felswände oder auf horizontal angebrachten Waschbeton und treten ab, bevor sie ihrer Umwelt über Gebühr auf die Plomben gehen konnten. Bisweilen jedoch, vor allem dann, wenn der Trottel sich Talent zumisst, wird die Sache unangenehm. Der Bekloppte wähnt sich schon in höheren Sphären, glaubt sich mit Charisma ausgestattet und belästigt ganze Scharen argloser Artgenossen mit eigenwilliger Auslegung dessen, was ausschließlich er selbst für Gesang, Tanz oder ästhetisch vertretbaren Körperwuchs hält. Davon leben ganze Fernsehsender.

Wäre dies noch zu ertragen, da man den intellektuellen Zahnbelag auf Mattscheiben und Zeitschriftentiteln schmerzfrei ausblenden kann, der entfesselte Egoismus zeigt noch weit widerlichere Formen, wenn er sich mit gefährlicherem Wahn paart: mit der absurden Vorstellung, die Historie dieses beschissenen Planeten sei auf das Auftreten dieses einen Nudelbiegers zurechtgeschwiemelt. Der Beknackte entdeckt eines Tages in sich die fixe Idee, im höheren Auftrage zu handeln, und beschließt folgerichtig, Politiker zu werden.

In jener Larve torkelt der Grützkopf quer durch die Gesellschaft, salbadert krude Thesen zur Weltrettung oder sondert gefährlichen Schwachsinn ab, nur um sein Gesichtsübungsfeld irgendwann auf Wahlplakaten mit Schuhbürstenbärtchen verziert zu entdecken. Mag er für die Machtübernahme oder die Ausrottung der internationalen Arbeiterschaft angetreten sein, immer verwechselt er seine rücksichtslose Ichliebe mit der Mission, die die Stimmen in seinen Hohlschädel schwafeln – eine unangenehme Erkrankung, die ihm doch jederzeit erlaubt, Ziele und Mittel auszutauschen, um sich bei den Mitdeppen kuschelig anzuwanzen.

Die reinste Form sinnbefreiten Handelns jedoch fördert das Gute, wenn es in falsche Hände gerät; aus der Existenzenge eines Hauptschulpädagogen oder anderswie lebensqualitativ Herausgeforderten führt ihn das Wirken im höheren Auftrage des ethisch Notwendigen. Exemplare von zarterer Raumkrümmung unter der Kalotte bevorzugen Bürgerinitiativen zur Rettung des Trauersteinschmätzers gegen den Individualverkehr. Wer’s robuster braucht, lebt als Gegenpol zur Sinnlosigkeit des Menschseins Mülltrennung als Religionsersatz aus. Hauptsache, man kann den Schmadder als Rationalisierung benutzen, und wenn es schief geht, gibt es immer noch die örtliche Selbsthilfegruppe für Betroffenheitsartikulation.

Manchmal bedarf es nicht einmal wirklicher Herausforderungen, um die Seele zu finden. Um nicht gleich Heim und Kinder zu verlassen, greift vorwiegend die Querköpfin auf das inzwischen industriell vorgefertigte Sortiment an Sedierungen zurück, welche die Talentsuche als Weg zum Ziel feilbieten: meditatives Makramee, therapeutisches Tantratöpfern und ganzheitliches Gabelhäkeln als angstfreie Alternativen zur Hirnbenutzung, gerne verbunden mit dem solidarischen Verscherbeln repressionsfrei geklöppelter Freundschaftsbänder auf dem Gutmenschenbasar im Frauenzentrum, damit ein paar afrikanische Militärdiktatoren mit dem Ausbau der Konzentrationslager schneller vorankommen und sich vom Rest der Kohle die Enddarmöffnung pudern können, statt sie für Schulen und Infrastruktur zu verbraten. Der Rest endet als Tussen vor dem Zerrspiegel, aufgerieben zwischen netzhautschädigendem Styling und dem dazu erforderlichen Powerkonsum an Kosmetik und Klamotten. Allein hier ist der Grad des Möglichen beliebig viel größer bemessen, als es die selbsteste Verwirklichung je erfordern könnte, und so sieht es auch aus: feudal getünchtes Elend, ein Brechmittel für die Betrachter des Bescheuerten.

Alles das, vom Modeopfer über den Moralisten bis hinab zur Ministerette, ließe sich bereits mit halbwegs von Vernunft getragener Berufswahl plus einem sinnvollen Hobby erledigen, wozu der Trottel tief in sein Inneres lauschen müsste. Doch wo nichts ist, was sollte da je werden?