Passgenau

12 11 2009

„So geht das einfach nicht weiter!“ Im Prinzip war ich mit Hildegard vollkommen einer Meinung, schon deshalb, weil ich auch nicht mehr einsah, warum ich die Halterung des Duschvorhangs jedes Mal wieder neu montieren musste, wenn sie mein Bad benutzt hatte. „Jeden Tag dasselbe Theater“, schimpfte sie, „man braucht nur schief hinzusehen, und zack! hat man gleich den ganzen Kram auf dem Kopf!“ „Das liegt daran, dass Du das komplette Gestänge mit dem Vorhang herunterziehst.“ „Aber ich muss doch das dämliche Ding irgendwie auf und zu kriegen“, knurrte sie. „Das liegt daran“, entgegnete ich, „dass Du den Duschvorhang nicht wie jeder andere vernünftige Mensch horizontal verschiebst, sondern Dich mit Deinem ganzen Körpergewicht…“ Hildegard setzte ihre Kaffeetasse so hart ab, dass ich zusammenzuckte. Grimmig sah sie mich an. „Willst Du damit etwa andeuten, dass ich zugenommen hätte?“ „Ich meinte nur, dass Du nicht so am Vorhang zerren solltest, sonst kommt er immer wieder herunter.“ Sie schlug mit der Faust auf den Frühstückstisch. „Das tut er jetzt schon! Ich kann ja wohl nicht die ganze Zeit die Duschstange mit einer Hand halten.“ „Warum nicht“, meinte ich und biss in mein Marmeladenbrötchen. „Du hast ja zwei Hände, und wenn Du bei der Gelegenheit den einen Arm immer in die Höhe strecktest, würdest Du mit dem Wasserstrahl gleich viel einfacher…“ Hildegards Augen und ihr Mund verengten sich zu drei waagerecht angeordneten Schießscharten. „Du wirst“, zischte sie mich an, „noch heute eine neue Duschstange kaufen!“

Schon um die Mittagszeit fanden wir einen Parkplatz in Sichtweite des Heimwerkermarktes. Wo bekam man hier eine Duschstange? Bunte Tafeln hingen von der Decke, um dem versierten Kunden vom Falzziegel bis zur Stülpschalung alles zu bieten, was er zu brauchen meint. Wir blickten einander ratlos an. Da sauste eine Fachkraft heran; mit dem Fuß stieß der Mann sich vom Boden ab und fuhr auf dem überdimensionalen Einkaufskorb tretrollergleich durch die Halle. Ich winkte ihm zu. „Sanitär im Gang links neben Leuchtmitteln und Elektro“, rief er und war schon verschwunden. Ich war so schlau wie zuvor. Da kam er schon zurück. Todesmutig sprang ich vor den rasenden Trolley. „Aber wo ist das denn?“ „Leuchtmittel und Elektro ist rechts neben Sanitär“, schrie er mir nach und polterte in die Ferne.

Aus dem Seitengang kam ein schwer verstörter Verkäufer im blauen Kittel auf mich zugetorkelt. „Also die Stahlmantelbecken haben wir von 120 bis 150 Zentimeter Tiefe“, schwafelte er, „jeweils acht Zehntelmillimeter Außenhülle und Innenhülle von sechs bis acht Zehntelmillimeter in PVC, oder in Weiß. Können Sie als Aufsteller oder als Einbauer haben, aber ab 120 Zentimeter geht eigentlich sowieso nur Einbau, aber ich verkaufe Ihnen den auch als Aufsteller, einbauen können Sie den aber trotzdem.“ Ich wies ihn darauf hin, dass der Einbau eines Schwimmbassins im Dachgeschoss der Zustimmung des Vermieters bedürfe, aber er ließ nicht locker. „Das kriegen Sie auch barrierefrei mit Tiefeinstieg hin, aber dazu nehmen Sie am besten ein Massivbecken. Schon wegen der Magerbetonplatte auf der Rollierung als Unterbau, verstehen Sie? Ist einfach langlebiger, vor allem bei nichtbindigem Untergrund.“ Ich versprach ihm, sofort nach meiner Rückkehr Bodenproben zu nehmen. Man weiß ja schließlich nie, was sich unter dem Parkett versteckt.

Plötzlich kreischte neben mir eine schrille Stimme auf. Ein halbes Dutzend Kunden warf sich zu Boden. Der Mann mit dem Sturmgewehr bedrohte die drei Angestellten hinter dem Informationstresen. „Ich will endlich einen zölligen Flansch“, brüllte er, „ich will jetzt endlich diesen verdammten zölligen Flansch haben! Wie oft muss ich noch in diesen Saftladen kommen?“ Eine Frau brach in Tränen aus, andere kauerten sich zwischen Regale und Verkaufskörbe. Ich trat einen Schritt vor. „Bitte regen Sie sich nicht auf“, besänftigte ich den fassungslosen Flanschkunden, „es wird sich sicher eine Lösung für Ihr Problem finden lassen.“ Er riss die Waffe herum und zielte auf mich. „Das ist mir vollkommen egal!“ Zitternd vor Wut stieß er die Worte hervor. „Ich komme seit zwei Wochen jeden Tag her, und nie passt dieses Ding ans Abflussrohr. Wenn ich heute hier keinen zölligen Flansch kriege, gibt es Tote!“ Abrupt hob er den Lauf gegen die Decke und drückte ab; majestätisch segelte das Schild, das auf Farben und Lacke hinwies, zu Boden.

„Moment, ich bin gleich zurück.“ Ich sah gerade noch, wie Hildegard sich millimeterweise rückwärts in Richtung Ausgang schob – wo wollte sie hin? Der Schweiß tropfte von meiner Stirn. Würde sie es lebend bis nach draußen schaffen? War die Polizei denn schon alarmiert? Ich schloss die Augen und versuchte mich zu beruhigen. Da spürte ich einen kleinen, harten Gegenstand, der in meine Hand geschoben wurde. Hildegard stand genau hinter mir. „Wenn ich Dein Handgelenk drücke, zählst Du bis drei und wirfst es zur Seite.“ Angespannt wartete ich. Da spürte ich ein Zwicken. Sekunden später klimperten Hutmuttern aus dem splitternden Kästchen. Blitzartig sprang der Geiselnehmer zur Seite. In diesem Moment traf ihn ein rundes Stück Gussstahl an der Schläfe. Er gab ein kurzes Stöhnen von sich und sank bewusstlos zu Boden. „Wenn er wieder zu sich kommt, kann er das Teil gleich mitnehmen“, informierte mich Hildegard. „Der Flansch ist zöllig. Und jetzt sieh zu, dass Du fertig wirst. Bei der Auskunft werden die ja wohl wissen, wo man eine Duschstange findet.“


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