Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXIII): Elternprojektionen

13 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war nichts komplizierter als die Logik, die dem Leben innewohnt: Väter sterben, Söhne erben, der Betrieb bleibt in der Familie. Das Nötige, das es für den Seifensieder, Schmierbrenner oder Leichenwäscher zu wissen gilt, wird von einer Generation zur nächsten vererbt. Selbst der unterste Rand, der höchstens ab und an als US-Präsident in den Arbeitsmarkt reingereicht wird, überfordert sich nicht mit der billigen Faustregel: wenn Du bei einer Sache zusehen kannst, ohne Dich ernsthaft zu verletzen, dann behaupte, Du habest es sowieso schon gekonnt. Ein Großteil der Nieten im System wird über diesen Selektionsprozess installiert.

Vereinzelt bedroht etwas das Gequirle in der Existenzbrühe; Elektrizität, Relativitätstheorie und Nanotechnologie versuchen mit Innovation die abgestandenen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, doch gelingt ihnen selten mehr, als eine neue Gewerkschaft zu gründen. Fundamentale Sprünge lehnt der Behämmerte kategorisch ab, er lässt sich nicht vom Baum noch aus der Höhle prügeln. Seine Begeisterung für steigende Lebensqualität durch minimale Veränderungen ist eher eingebildet als vorhanden, denn er lehnt Veränderungen, so minimal sie auch sein mögen, ab. Etwaigen Wellen begegnet der geistige Nichtschwimmer mit radikaler Verleugnung, der Inszenierung eines Weltkriegs oder vorzeitigem Gesprächsabbruch.

Doch der Bekloppte wäre nicht bekloppt, besäße er nicht schließlich und endlich die Fähigkeit, vollkommen gegen legitime Ziele wie Arterhaltung, Lebenszeitverlängerung und Wohlstand zu arbeiten und sein Recht auf Frustration, Krieg und seelische Verrohung mit der Kraft der Hohlbirne zu verteidigen. Er entwickelt Ehrgeiz; allerdings wirft er den Nachbrenner erst dann an, wenn er mit der Stirn vor dem benzingetränkten Bretterzaun klebt. Sein Motiv: der Generationskonflikt, aber so, wie er ihn versteht.

Der grauenhafte Prototyp dieses einseitigen Ausstiegs aus der Zivilisation ist die Eislaufmutti; das Gesichtsübungsfeld auf welkfleischigen Rumpfresten lümmelt sich an der Bande zum Kunsteis, riecht penetrant nach billigem Parfüm, kann einen Salchow nicht von einem Wadenkrampf unterscheiden und verleiht dem Begriff der Peinlichkeit eine ungeahnt kategoriale Tiefe, ohne es doch selbst zu begreifen. Mittlerweile hobelt es in runderneuerter Form als Tennisvater über die Kanten des Erträglichen oder schleppt als Stage Mum die überwiegend weibliche Brut in Beauty-, Ballett- und Blödblunzenbewerbungen, obwohl sie selbst bei der Aufnahmeprüfung in den Zoo als Plumplori-Ersatz durchgefallen war.

Fehlgeleitete Gutmenschen, die dreimal im Jahr unbezahlten Urlaub nehmen, um suizidgefährdete Investmentbanker wieder ins Meer zurück zu schleppen, interpretieren diese narzisstische Spielart des Machtanspruchs als reinen Sadismus; statt die Abkömmlinge im Machwahn zu Geigenspiel, Eisschnelllauf, ja Wirtschaftschinesisch zu drängen, könnte man ihnen in einem Anfall von Ehrlichkeit gleich eins in die Fresse zimmern. Dem Hass auf die Jugend wäre Genüge getan, das Kind müsste nicht länger als Stellvertreter der volljährigen Flachbratze seinem Missbrauch als Placebo beiwohnen und leistete durch seine Abwesenheit in der Kompensation klebrigen Selbstmitleids einen erheblichen Beitrag zur seelischen Gesundheit – seiner eigenen, auf die es hier eher ankommt als auf den Synapsenkasper eines Abflussschnorchlers, der einmal zu oft gegen die Kacheln gepaddelt ist. Selbstbetrug atmet die ganze Konstruktion, denn welches Blag würde nach mühevollem Aufstieg am Sportler- und Intellektuellenhimmel konstant mit dem Finger auf den Verursacher zeigen? Damit der Betrieb in der Familie bliebt, wenn Söhne erben, muss Pappi ja erst mal unter die Grasnarbe.

Schmerzhafter noch ist der Alltag, wo die Vollbrezel sich einbildet, die Frucht seiner Lenden gehöre zu den an jeder Straßenecke auftretenden, da weltexklusiven Hochbegabten. In verschwiemelter Rückwärtslogik tritt die Vermutung, der Erzeuger des Stammhalters verfüge über eine Anzahl von Hirnzellen im hohen, fast schon zweistelligen Bereich, schwerpunktmäßig unter egozentrischen Dumpfblähern auf, die den bisherigen Gasaustausch vorwiegend dazu genutzt haben, sich zum Prädikatsdeppen zu machen. Sie gieren nach Anbetung, weil sie selbst eine nicht nennenswert verlaufende Kindheit überlebt haben – und rächen sich für ihre intellektuellen Rasenlöcher an dem Jahrgang, der ihretwegen gar nicht erst ein eigenes Selbstwertgefühl entwickelt. Einen Zeugungsakt später geht die Grütze wieder von vorne los.

Es besteht keine Hoffnung, dass sich etwas ändert; in viehischen Phantasmagorien sieht man, wie der Große Depp durch Traumwälder torkelt, er ist der ontologischste aller Transzendentalbeweise, denn etwas derart Bescheuertes kann sich kein Mensch ausdenken. Er nagt noch einmal am geräucherten Vater, stößt sich gewaltig die Birne und lallt also: „Wenn ich in Rente gehe und Euer Erbe versaufe, dann wird das alles hier einmal Euch gehören!“


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12 responses

13 11 2009
Mike

Meine Tochter spielt Tennis. Und die macht das ganz toll. So! 😉

13 11 2009
bee

Solange sie nicht gezwungen wird, jeden Tag stundenlang Bälle gegen die Hauswand zu dreschen, ist das ja auch okay.

13 11 2009
Mike

Nach fünf Stunden ist Schluss! Dann muss sie zur Aerobik. Natürlich nur noch so lange, wie das Eis noch nicht trägt.

13 11 2009
bee

Dachte ich’s mir doch… wieder so ein völlig kulturloser Rabenvater, der seine Kinder ohne Instrumentalunterricht aufwachsen lässt. Verantwortung geht anders!

13 11 2009
Mike

Flügelhorn, Klavier und Gitarre, mehr war zeitlich nicht drin! Und ihren Nietsche will sie einfach nicht kapieren. Was soll man machen?
Aber neulich hat sie flügelhornspielender Weise Tennisbälle gegen den Flügel gesliced, mit den Zehen den Dritten Mann auf der liegenden Gitarre gegeben und aus den Mundwinkeln Rilke zitiert. Das war toll! Die Leute in der Fußgängerzone bekamen sich gar nicht wieder ein.

13 11 2009
bee

Man soll das aber nicht allein wegen wirtschaftlicher Interessen machen, es verstellt einem den Blick für die wesentlichen Dinge. Wenn sich das Kind beispielsweise auf der Schulfeier so richtig blamiert, weil vier Wochen Ballettstunde für einen Sterbenden Schwan noch nicht ausreichen – das bleibt im Gedächtnis…

13 11 2009
lamiacucina

Die Natur korrigiert: spätestens nach der dritten Generation ist mit dem vererben der Intelligenz vorbei.

13 11 2009
bee

Mein Urgroßvater war noch ein hochwohlweiser hanseatischer Senator, ich muss bereits störrischen Kunden ihre Zeichensetzungsfehler erklären – ein untrügliches Zeichen, ich sollte gleich eine Generation auslassen. Zur Vorsicht.

16 11 2009
Wolfram

Wie doch einst Fürst Bismarck feststellte:

Die erste Generation gründet. Die zweite baut aus, die dritte erhält, die vierte studiert Kunstgeschichte und die fünfte degeneriert vollends.

Aber was folgt danach? Ein Krieg und neue Aufbaugeneration?

16 11 2009
bee

Wenn es wenigstens eine Dynastie begabter Assyriologen ist – nichts einzuwenden. Doch die meisten, die gegen Fortsetzungsromane in der Familiengeschichte rebellieren, wählen lieber das ambitionslose Herunterwirtschaften.

Erfolg ist eine Sache der Persönlichkeit, nicht der Generationen.

17 11 2009
Wolfram

Demnach könnten die „Buddenbrooks“ auch anders enden? Thomas Mann scheint ja wohl der Ansicht zu sein, daß die Last der Familiengeschichte zwangsläufig zu bestimmten Persönlichkeiten in den späteren Generationen führt und damit der „Niedergang einer Familie“ unaufhaltsam ist.

17 11 2009
bee

Interessante Frage – aber warum eigentlich nicht? Thomas begreift, dass Kontinuität als Neuinterpretation die wichtigste Voraussetzung für die Tradition ist; Frau Permaneder willigt endlich darin ein, bürgerlich zu sein (vielleicht nimmt sie Malunterricht bei Lisaweta Iwanowna, um Gerda zu verstehen). Erika emanzipiert sich, indem sie Weinschenk nicht verstößt. Hanno studiert Komposition und Orgelspiel, bereist Skandinavien und Italien und schließlich Amsterdam, wo er sich fast niederlässt, er wird dann aber doch Organist an St. Marien und heiratet später eine krögersche Kreuzcousine. Und vielleicht findet die Geschichte in Christian einen Erzähler mit Verve und Farbe.

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