Non scholæ

23 11 2009

„Es ist unglaublich. Unglaublich! Ich meine, was bilden die sich denn dabei ein? Wir sind doch hier nicht im Kral! Wenn wir jetzt bei jeder kleinen Befindlichkeit unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung gleich in Frage stellen würden, wo kämen wir denn da hin? Ich frage Sie: wo kämen wir denn da hin?“ „Jetzt regen Sie sich doch nicht gleich so auf, Herr Ministerialdirektor. Das hatte natürlich alles seine Gründe, und Sie müssen zugeben, dass diese Entwicklung auch nicht…“ „Entwicklung? Das Pack hat doch angefangen! Die haben doch zuerst – ich meine, wer Flugblätter verteilt, der schmeißt doch auch Bomben, oder?“

„Herr Ministerialdirektor, ein paar Dinge sollten Sie aber schon etwas differenzierter betrachten. Das Grundrecht auf…“ „Die haben keine Grundrechte, die sollen gefälligst gehorchen, so, wie wir in den schwersten Stunden unseres Vaterlandes auch gehorcht haben! Das kann doch alles nicht wahr sein! Diese vaterlandslosen Gesellen, die wollen doch nur den Krieg! Den Krieg wollen die, und den werden sie jetzt auch bekommen, wenn Sie mich fragen!“ „Herr Ministerialdirektor, es fragt Sie aber keiner. Und außerdem lassen Sie sich mal gesagt sein, dass Sie als Beamter auch nicht über dem Grundgesetz stehen – Sie haben sich genauso an die Verfassung zu halten wie…“ „Wie dieses Pack, das da unser Land kaputt machen will? Das wäre ja noch schöner! Hier Flugblätter und Bomben schmeißen und dann jammern, wenn’s mal hart auf hart kommt. Feiglinge sind das! Drückeberger! Mit solchen Memmen hätten wir den Krieg erst recht verloren, Schmitt! Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Verhältnismäßigkeit und solchem Gedöns – das ist elende Jammerlapperei, dass dieses Gesindel dann nach dem Staat ruft und nach gerechten Richtern und Staatsanwalt und Polizei und will noch einen Bewährungshelfer haben und keine Folter im Knast und warme Suppe und…“ „Jetzt übertreiben Sie aber! In einem Rechtsstaat…“ „Ach was, Rechtsstaat, ich will Ihnen mal was sagen, Schmitt: daran sind wieder nur die Studenten Schuld! Sollte man abschaffen, diese ganze Brut! Haben wir seinerzeit gejammert, Schmitt? haben wir damals gefordert, dass wir uns die Welt machen dürfen, wie sie uns gefällt? Uns? Schmitt, haben Sie das etwa so in Erinnerung?“ „Darum geht es doch gar nicht, Herr Ministerialdirektor. Das System ist der Knackpunkt. Das muss man überdenken.“

„Na, erzählen Sie mal – Sie glauben tatsächlich, dass das System an allem Schuld sei? Das können Sie doch Ihrem Großvater erzählen!“ „Das System mag nicht der Fehler sein, Herr Ministerialdirektor, aber es hat zu viele Fehler; insbesondere den, dass es Fehler begünstigt, statt gerecht zu sein.“ „Gerecht, gerecht – Mann Gottes, wenn ich das schon höre! Gerechtigkeit! Das definiert sowieso jeder anders, also gehen Sie mir nicht mit ihrer sozialistischen Gleichmacherei auf die Nerven, Schmitt!“ „Keiner will Gleichmacherei, nur dieses System muss sich auch gegen seine eigenen Fehler verteidigen können.“ „Sage ich doch, verteidigen! Verteidigen, Schmitt – dieses ganze Pack macht doch alles kaputt und will dafür auch noch belohnt werden! Die sollen erst mal etwas Anständiges leisten, statt nur die Füße unter unseren Tisch zu stecken!“ „Aber erlauben Sie mal, Herr…“ „Das ist doch so, Schmitt! Jeder dahergelaufene Laffe meint, er könne uns kritisieren, uns! die wir jahrzehntelang für diese Gesellschaft…“ „Jetzt überlegen Sie mal: sie waren noch doch viel zu jung, um überhaupt schon…“ „Ach was, Schmitt – Ausflüchte! alles Ausflüchte, um nichts unternehmen zu müssen! Das sind doch die Drückeberger hier, auf der faulen Haut liegen sie und uns auf den Taschen – und dann wollen sie selbstbestimmt sein. Selbstbestimmt, das könnte denen so passen! Wenn sie alles besser wissen, dann können sie doch gleich… ich meine, dass sich das so entwickeln würde – hätte doch kein Mensch im Leben ahnen können. Aber es war ja auch nicht alles schlecht damals, nicht alles!“

„Wollen Sie jetzt ernsthaft behaupten, Herr Ministerialdirektor, dass unser demokratischer Rechtsstaat…“ „Ach was, Demokratie kann keiner fressen! Was braucht denn die Volksgemeinschaft? Genau, Ruhe und Ordnung! Ordnung! Das sind doch die Rädelsführer, wenn das ganze Volk jetzt durchdreht! Schmitt, haben Sie das denn schon vergessen? den Aufstand? 1953? Das haben wir Jahre, das haben wir Jahrzehnte gefeiert, und das soll jetzt alles vergessen sein?“ „Wo sehen Sie denn einen Volksaufstand, Herr Ministerialdirektor?“ „Der kommt noch, Schmitt, kommt noch, wenn wir nicht schleunigst die Rädelsführer dingfest machen – man muss die Aufrührer ausfindig machen und dann für innere Sicherheit sorgen. Das kann sich doch der Staat nicht gefallen lassen! Da muss man eben durchgreifen, da muss der Staat Härte zeigen. Härte, sage ich! Das wäre ja noch schöner, wenn hier jeder, und das sage ich ausdrücklich, weil ich die Zeit erlebt habe…“ „Herr Ministerialdirektor!“ „… erlebt habe, Schmitt, aber das hat es doch nicht gegeben – und wenn diese Aufrührer nicht hören wollen, dass werden sie’s eben fühlen! Wir lassen uns von dem Pack nicht auf der Nase herumtanzen, und auch, wenn es keine Arbeitslager mehr gibt, dieses linke Gesindel sollte man…“ „Das geht entschieden zu weit, Herr Ministerialdirektor! Auch wenn Sie die Rote Armee Fraktion verurteilen, in einem Rechtsstaat…“ „Wer redet denn hier von der RAF? Ich meine diese ungezogenen Schüler, die jetzt sogar schon streiken – die sollen sich lieber mal auf den Hosenboden setzen und etwas Anständiges lernen!“


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3 responses

24 11 2009
Wolfram

DIESE Spezies ist allerdings seit einigen Jahren pensioniert…

24 11 2009
bee

Angesichts der auffallenden Schwierigkeiten von Schulleitern mit dem öffentlichen Recht während der Schulstreiks sehe ich immer noch eine ganze Menge davon im Amt.

26 11 2009
Wolfram

Der satirischen Übertreibung jedes Daseinsrecht – aber… du weißt nicht, wie paradiesisch deutsche Schulen sind, verglichen mit denen anderer europäischer, angeblich zivilisierter, Länder. Das Mutterland der Menschen- und Bürgerrechte – dagegen ist das, was du anprangerst, echt harmlos.

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