O Tannenbaum

14 12 2009

Herr Breschke schnaufte. Aber er sah zufrieden und tatendurstig aus, wie er in seiner waidmännischen Tracht, in Kniebundhosen und Lodenmantel sowie mit einem kecken Gamsbart am Hut durch den tief verschneiten Finkenbusch stapfte, immer der Tatsache eingedenk, dass er in Gottes freier Natur sei und dass Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, der treu und brav zwischen seinen Beinen trottete, den Blick auf den Waldboden hin und wieder erforderlich machte. „Schnuppern Sie mal“, keuchte er und zog den Hund nach vorne, „diese würzige Luft, das Baumharz, das ist doch wirklich einmalig. Dieser Fichtenduft!“ Ich stimmte ihm zu. Denn ein Tannenwäldchen, das nach Fichte riecht, ist durchaus ein singuläres Ding.

Ein Tännchen sollte es also werden, knapp einen Meter hoch, da Breschkes ihren Weihnachtsbaum von jeher auf ein hölzernes Podest stellten, damit Bismarck nicht an die unteren Zweige heranreichen konnte; der Brandschutz lag dem ehemaligen Finanzbeamten sehr am Herzen, wenngleich mich seit längerem der Verdacht beschlich, dass der Hund an dem Baum, der inzwischen nicht mehr von wächsernen Kerzen, sondern elektrisch illuminiert wurde, das Bein gehoben haben musste. „Wissen Sie“, teilte er mir mit, „seinen Weihnachtsbaum hier in der Region selbst zu schlagen ist ja auch gut für die Umwelt – wenn das mehr Menschen täten, was meinen Sie, was das für Folgen hätte!“ Vor seinem geistigen Auge froren vermutlich die Polkappen wieder an der Erdachse fest und das Ozonloch schnurrte zu. Da standen wir auch schon vor einer kleinen Portion Nadelgehölz, die mitten auf dem Weg vor sich hin wuchs und gedieh. Der Dackel schlich sich skeptisch einmal rund um den Stamm, wobei Breschke noch enger an den Schaft gezogen wurde. „Allerliebst, nicht wahr? Ich glaube, den nehmen wir. Der reicht doch für meine Frau und mich aus. Mehr brauchen wir ja auch gar nicht.“

Wenigstens hatte Herr Breschke in diesem Jahr eine benzinbetriebene Kettensäge geschultert und war nicht wie im vorigen Dezember mit dem Gerät in die Wildnis gezogen, das seine allzeit findige Tochter ihm zum Schnäppchenpreis besorgt hatte; dieses Einhandmodell, so gefährlich es auch aussah, hinterließ jedoch keinen Schnitt und keine Kerbe, weder am Baumbestand des Landkreises noch sonst wo. Denn der rüstige Pensionär war anderthalb Stunden kreuz und quer durch den Forst gelaufen und gut einen Kilometer vom Holzweg ab, als ihm auffiel, wie selten im Nadelwald Steckdosen sind. Er prüfte fachmännisch die Windrichtung und hob einen Daumen, um die Fallrichtung abzuschätzen. „Es könnte ja sein, dass er hängt. Die Krone sollte nicht schief stehen, sonst haben wir am Ende noch ein Problem mit dem Wind. Sie ahnen ja gar nicht, was so ein Stamm alles zerschmettern kann, wenn er unkontrolliert auf den Waldboden auftrifft.“ Im Fall dieser neunzig Zentimeter großen Tanne schien mir das Risiko allerdings durchaus kalkulierbar.

Der Motor heulte auf und scheuchte eine Elster aus den Baumkronen; Breschke balancierte die röhrende, rüttelnde Maschine an den ausgestreckten Armen. „Sehen Sie sich vor“, schrie er, „der Rückschlageffekt könnte Sie gefährden!“ Es stank. Der Zweitakter pestete jede Menge Benzindämpfe in die sonntägliche Waldidylle, ein feiner Strahl von Motoröl spritzte Breschke auf den Jägermantel. „Aber die Ölpumpe hat doch Fliehkraftkupplung“, jammerte er. Von einer Kupplung roch ich bei diesem Motor nichts, aber das Öl floh kräftig. Zu unseren Füßen bildete sich eine große Pfütze. „Jetzt machen Sie hier keinen Aufstand“, rief ich zurück, „sägen Sie das Ding um! Der Stamm ist doch keine zehn Zentimeter dick!“ „Der Fallkerb muss aber auf jeden Fall korrekt angebracht werden“, entgegnete er lautstark. „Wenn ich den Sohlenschnitt nicht genau waagerecht ansetze, dann wird der ganze Fuß am Ende schief und ich bekomme den Baum nie ordentlich in den Christbaumständer rein.“ Fast schien es, als wankte er auf dem benadelten Boden umher, doch der knatternde Forstapparat vibrierte nur so stark, dass Breschke ins Torkeln geriet. Plötzlich machte er eine unbeholfene Bewegung, so dass die Kette den Stamm berührte; das Bäumchen plumpste auf den Boden. Bismarck huschte jaulend zwischen meine Beine. Der Motor erstarb jäh.

„Sie haben wohl nicht alle Tassen im Schrank!“ Der Glatzkopf mit dem grobschlächtigen Gesicht war außer sich vor Zorn. „Was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht?“ Er stapfte mit wilden Schritten auf Breschke zu, der drohend die Säge erhob. „Das ist mein Baum“, antwortete der Pensionär, „ich habe ihn zuerst gesehen! Wenn Sie einen haben wollen, müssen Sie ihn selbst fällen.“ Das brachte den Glatzenträger erst recht in Rage; er schien einem Hirnschlag nahe. „Sind Sie noch ganz dicht“, brüllte er, „hier in der Schonung zu sägen? Ihren Ausweis!“ „Schreien Sie mich nicht an! Ich werde mich beim Oberförster beschweren über Sie!“ „Ich bin der Oberförster!“

Anne hatte ihre liebe Mühe, dass Herr Breschke wegen Widerstandes gegen Personen, die Vollstreckungsbeamten gleichstehen, nur mit einem Strafbefehl und der Verwarnung mit Strafvorbehalt davonkam. Die Motorsäge wurde gleichfalls nicht als Waffe, der Fall damit nicht als besonders schwer angesehen. So fiel das Fest im Hause Breschke in diesem Jahr eher bescheiden aus, ersichtlich an dem Douglasienzweig, den Frau Breschke mit Lametta und Lichtern zu einem aparten Weihnachtsgesteck dekorierte. Er reichte für die beiden. Und in dieser Hinsicht hatte Herr Breschke durchaus Recht: mehr braucht man gar nicht.


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