Volkseigene Betriebsamkeit

5 01 2010

„Bar? Da muss ich aber mal eben den Chef fragen.“ Wie zufällig drückte die Kassiererin den roten Knopf, dass es surrte und hinter mir ein stämmiger Kerl aus dem Boden wuchs, der mich fest am Arm packte. „Komm“, schnarrte der Schrank auf Beinen, „Du Chef, schnell!“ Und er fügte noch einige unartige Sachen hinzu, von denen ich nicht recht wusste, ob er sie selbst verstanden hatte.

Grübschnitzler wand sich; er zeichnete Figuren mit der Fußspitze auf den Teppich. „Das ist alles ein Missverständnis.“ Offensichtlich war es dem Leiter unangenehm, mir in dieser Situation zu begegnen. „Normalerweise haben wir im Supi-Markt die Probleme gar nicht, aber seit dem Dekret der Bundesregierung…“ Welches Dekret? „Sie waren die letzten beiden Wochen in Urlaub? Das erklärt so einiges.“ „Hätte ich etwa für einen Würfel Hefe und ein Päckchen Schokoladenstreusel die Kreditkarte zücken sollen?“ „Nein, Sie können da vollkommen beruhigt sein, wir speichern Ihre Einkäufe nicht. Wir geben das, was wir speichern, auch nicht an Ihre Bank weiter, und was Ihr Kreditinstitut mit den Daten tut, das wollen wir gar nicht…“ „Es ging mir eher um den finanziellen Aspekt“, unterbrach ich, „die Bearbeitungsgebühr wäre höher gewesen als die Rechnung.“ „Ach so, ja.“ Grübschnitzler war offensichtlich verwirrt. „Bis zur Summe von 700 Euro sind unsere Kassenkräfte sowieso angewiesen, alle Barzahlungen erst einmal zu überprüfen. Tut mit Leid, die Vorschriften!“

Nachdem Grübschnitzler dem klobigen Wärter auseinandergesetzt hatte, dass nicht jeder, der wie ein Arbeitsloser aussähe, schon ein Ladendieb wäre, zeigte er mir die neuen Dienstanweisungen. „Wir hatten diese ganze Debatte ja schon oft genug“, klagte der Marktleiter, „Konsumgutscheine, Betreuungsgeld, jetzt also die Umstellung der Transferleistungen auf Coupons. Das ist ein großer Zirkus um diese Formulare, aber wir werden ja nicht gefragt.“ „Dabei ist der Supi-Markt doch so kundenfreundlich? Ich erinnere nur an die Firmenhymne, die ich vor Jahren für Sie geschrieben hatte: ‚Wir tun alles für den Konsumenten, wir kriechen ihm in den…‘“ „Jaja, Sie haben ja durchaus Recht“, ärgerte er sich, „aber die Politik lässt uns keine Spielräume.“

Die Buchhaltung glich dem Inneren eines Papiercontainers; bis zur Decke stapelten sich die Gutscheine, rosa und blassgraue Zettelchen, auf denen jeweils die angegebenen Waren gedruckt standen. „Frischhefe 42 Gramm“, las ich, „das wäre also der Zettel, den ich hätte vorzeigen müssen?“ „Das ist er“, bestätigte Grübschnitzler. „Ich muss Ihnen ja wohl nicht erklären, was das bedeutet.“ „Sie machen Ihr komplettes Angebot transparent?“ „Wir müssen jetzt Sonderaktionen sechs Monate vorher genehmigen lassen“, antwortete er gallig. „das können wir damit natürlich vergessen. Aber das scheint Frau von der Leyen egal zu sein.“ „Was hat denn eine Arbeitsministerin in Sonderangebote hineinzureden?“ „Keine Ahnung. Dasselbe wie eine Familienministerin in Netzwerkprotokolle?“

Der Streifen am Rand der rosa Formulare fiel mir ins Auge. „Man braucht jetzt eine Raucherkarte, um sich Tabakwaren zu kaufen?“ „Sehr makaber“, bestätigte Grübschnitzler. „Fast ein bisschen wie Kriegswirtschaft, aber das ist es ja nicht eigentlich.“ „Sie meinen, dass es der Regierung um christliche Nächstenliebe geht?“ „Für die Banken, ja.“

„Was sollen denn diese Tauschlisten bedeuten?“ Ich wies auf eine seitenlange Aufstellung hin. „Das ist der offizielle Umtauschkurs für Betreuungs- und Kindergeld.“ „Die werden in Konsumgutscheinen ausgezahlt?“ Das wunderte mich nun doch. „Aber nein“, korrigierte Grübschnitzler, „natürlich gibt es dafür eigene Bons. Aber das sind auch nur Coupons für die Ausgabe von Gutscheinen, die dann auf die Regelsätze angerechnet werden, Sie verstehen?“ „Und das macht alles der Einzelhandel?“ „Nein, dazu sind die Banken gesetzlich verpflichtet. Aber die haben abgelehnt. Sie könnten für das viele Geld, das sie bekämen, nicht auch noch arbeiten.“

Und er blätterte stapelweise Gutscheine auf, für Waschmittel, Mehl und Zucker. „Die Sache liegt doch ganz anders. Nicht nur, dass die Leute vollkommen unmündig gemacht werden – jegliche Vorstellung, dass Geld das Ergebnis von Arbeit, von Werktätigkeit und Berufsleben ist, soll ihnen abhanden kommen.“ Ich konnte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden. „Das wäre ja dann auch eine Bankrotterklärung des Sozialstaates.“ Grübschnitzler nickte. „In der Tat. Und das nicht von ungefähr. Denken Sie die Sache mal weiter. Ein Großteil der Konsumenten scheidet damit aus dem Geldkreislauf aus und wird vom Staat alimentiert.“ „Eine volkseigene Wirtschaft?“ Ich winkte ab. „Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“ „Darauf wird es aber hinauslaufen“, antwortete er. „Es findet nicht nur eine völlige Entfremdung vom Tauschwert für die Arbeit statt, sondern auch eine Entfremdung vom Warenfetisch. Es handelt sich hier nicht mehr um einen herrschenden ökonomischen Zweck. Der Schatzbildner entsagt den Dingen.“ „Sie wollen damit behaupten“, meinte ich skeptisch, „dass die Bundesregierung den Marxismus konsequent zu Ende denkt?“ „Wenigstens denken sie Das Kapital zu Ende. Es wird etwas verteilt, was es gar nicht gibt, damit das Volk denkt, es gäbe da noch etwas.“ „Gäbe – was?“ „Staat“, entgegnete er bitter. „Und Sie wundern sich, warum die Leute ihre gute, alte DDR zurück wollen?“