Blick in die Zukunft

9 01 2010

für Heinrich Heine

„Ein Prosit! Prosit! Prost Neujahr!“
So tönt’s zur ersten aller Nächte.
Im Dustern sitzt man und sagt wahr,
was wohl die Zukunft bringen möchte.
Dazu dient das Orakelbuch,
voll Bilder ist’s und Narrenspossen;
es steht darin so mancher Fluch
    in Blei gegossen.

Das Erz, es schmilzt – die Suppe fließt
und läutert sich von allen Schlacken.
Wenn man sie dann ins Wasser gießt,
hat man das Schicksal an den Hacken,
wie unser Zwerg, der Würstchen drückt.
Die andern schauen drauf mit Häme,
das Seherbuch spricht unverzückt:
    „Nur Geldprobleme!“

Und wieder zischt das Graumetall,
es blubbert, dampft und sengt und wallt,
der Vize lauscht nach Widerhall,
ob’s lauter als er selbst schon schwallt.
Nun wird es aus dem Topf gefischt:
ein Häkchen. Beim Zusammenbiegen
krümmt sich der Docht fast und erlischt:
    „Die dreisten Lügen!“

Ach, wenn schon! Frohsinn ist und Spaß,
das Neue Jahr hat doch begonnen
und übers alte wächst schon Gras –
ja seht, ein Häufchen ist geronnen,
als wenn ein Vogel so im Flug
sein Kleines auf die Hüte kleckert
und kiebig noch die Flügel schlug:
    „Die Wirtschaft meckert!“

Und gönnerhaft, ein ganzer Mann
lässt Herr Baron den Löffel sinken.
Er tut dies routiniert. Er kann
und lässt das Zeug im Topf ertrinken.
Doch schaut – wie ein Kanonenrohr,
das Schattenbild steht da in Klarheit
und bringt das Schlimmste dort hervor:
    „Nun droht die Wahrheit!“

Ach, alles jammert! alles weint!
Und wie es in die Schüssel tropft,
zum Schluss der Böse noch erscheint:
das Schicksal an die Pforten klopft.
Er braust und sprudelt, gärt und dröhnt,
dann gluckst es auf – zwei Eselsohren!
Die Kanzlerin, sie sieht’s und stöhnt:
    „Wir sind verloren!“