Drei Männer im Schnee

12 01 2010

Der Wind pfiff, dass ich mich dagegen anstemmen musste. Mit der Linken drückte ich den Hut auf den Kopf – vielmehr sorgte ich dafür, dass nicht eine Bö ihn mir wegwehte – und die Rechte umklammerte den inzwischen leicht lädierten Blumenstrauß. Nun aber keine Müdigkeit vorgeschützt! Frau Breschke feierte Geburtstag, unter den Gratulanten wollte ich natürlich nicht fehlen. Auch wenn jeder normale Mensch bei dem Sturm zu Hause geblieben wäre.

Schon von weitem war Herr Breschke zu sehen. Emsig fuhrwerkte der pensionierte Finanzbeamte auf dem Gehweg herum, dick verpackt in schwere Stiefel, einen oberförstertauglichen Lodenmantel und Fäustlinge. Die Montur krönte eine wuchtige, graublaue Lammfellmütze nach Art gewisser sowjetischer Offiziere, die öfters dienstlich in Sibirien zu tun hatten und die puscheligen Ohrenschützer zu schätzen wussten, welche jedoch Herrn Breschke, der diese Klappen nach Art eines Kapotthütchens unter dem Kinn verschnürt trug, insgesamt das Aussehen eines zu groß geratenen Cockerspaniels verliehen. Er schaufelte Schnee, vielmehr: er hieb mit einem roten Besen auf die Betonplatten ein. „Es ist schlimm“, japste der alte Mann. „Kaum ist man an der einen Seite fertig, ist die andere Seite schon wieder zugeschneit.“ „Aber Sie müssen doch nun nicht den ganzen Tag lang fegen“, tröstete ich ihn, „das kann man doch nicht von Ihnen verlangen. Nicht einmal die Gemeindesatzung verlangt das.“ „Ja, ich weiß. Man muss nur dafür sorgen, dass die Wege begehbar sind. Und man hat auch eine Stunde Zeit, wenn es gerade schneit. Aber das ist es ja gar nicht.“ Aus geröteten Augen blickte er mich an. „Gabelstein?“ Breschke nickte resigniert. „Gabelstein.“

Wer die beiden kannte, der wusste, dass sie sich in der nunmehr fünfundzwanzigjährigen Geschichte ihrer Nachbarschaft nichts schuldig geblieben waren. Weder versprengte Federbälle noch Laub von einer Zierkirsche hatten je die Grenze zwischen ihren Grundstücken überquert, ohne für eine neue Emser Depesche zu gelten; sie hätten in der Zeit ein eigenes Amtsgericht in Lohn und Brot halten können, so oft, wie sie einander mit widersinnigen Nachbarschaftsklagen befehdeten. Am meisten wurmte die Streithähne, dass keins ihrer erbitterten Rechtsersuchen auch nur angenommen worden war.

„Dieser Lumpenhund“, keuchte Breschke und lehnte den Besen an den Jägerzaun, „er verfolgt mich seit Tagen. Das ist gemeingefährlich!“ „Sie werden wohl nicht unschuldig daran sein“, lächelte ich. Doch er ließ meinen Einwand nicht gelten. „Ich habe nichts gemacht. Diesmal nicht!“ Immerhin hatte er Gabelsteins Wohnzimmerfenster mit einer Ladung Kies zertrümmert, durch Funkenflug drei Wäscheleinen inklusive Behang in Brand gesetzt und unter tätiger Mithilfe Bismarcks – des dümmsten Dackels im weiten Umkreis, der sich dabei im Fußraum der Limousine aufhielt – die komplette Gabelstein’sche Gartenzwergsammlung in Grund und Boden gewalzt.

„Diesmal bin ich unschuldig!“ Er schien wirklich verzweifelt, denn es hatte den Anschein, als triebe sein Nachbar mit ihm ein perfides Spiel. Zunächst habe sich eine ältere Dame beschwert, der Gehweg vor Breschkes Anwesen sei die reinste Eisbahn. Das aber sei unmöglich, den Bürgersteig habe er höchstpersönlich eine Stunde zuvor gefegt, wie immer zahnbürstensauber; es müsse jemand eimerweise Wasser auf den Waschbetonplatten ausgegossen haben, wohlwissend, dass bei diesen strengen Minusgraden der Boden hartgefroren sei und sich sofort spiegelblankes Eis bilde. Zwei volle Stunden habe er gebraucht, um den Gehweg wieder vom Eise zu befreien. „Zwei Tage später habe ich gehört, wie hier eine Motorschneefräse die Straße entlang fuhr. Auf dem Radweg ist er gefahren, und er hat den ganzen Schnee auf meine Gehwegplatten geschleudert! Und dann ist er auch noch hin und her gerollt, um den Schnee festzufahren!“ Er kochte vor Zorn. „Und jedes Mal stand Gabelstein am Zaun und hat höhnisch gegrinst, wenn ich alles wieder auffegen musste. Das ist doch kein Zufall!“ Vor meinem geistigen Auge erschien ein Eisberg, auf den Sisyphos einen Schneeball hinaufrollen musste, um ihn zum Unterteil eines mächtigen Schneemannes zu machen – oben aber glitschte ihm die gefrorene Masse aus und zerstob am Fuße des Hügels wieder zu Pulverschnee. Mich fröstelte.

Frau Breschke dankte vielmals für die hübschen Blumen und brühte Tee; langsam entspannte sich die Stimmung, und nach einer halben Stunde begab sich der Hausherr an die Hausbar, um zur Feier des Tages den Weinbrand zu öffnen, den seine Tochter als günstige Gelegenheit bei der Auflösung einer usbekischen Supermarktkette geschossen hatte. Wir zuckten zusammen, als er schrie. „Kommen Sie! Der Lump macht’s wieder! Kommen Sie schnell!“ Und tatsächlich sah man vom Fenster aus, wie Gabelstein mit einem Spaten Schnee vom Radweg aufs Trottoir schaufelte und im Haus verschwand.

„Es gibt aber auch gemeine Menschen“, höhnte der Nachbar und steckte die Hände tief in die Hosentaschen, während Breschke wutentbrannt die Platten putzte. Ich hockte hinter der Ligusterhecke. Mit beiden Händen raffte ich Schnee zusammen und schlenzte ihn auf Gabelsteins Gehweg. Verwirrt drehte der sich um, besah die Bescherung und ging auf Breschke los. „Das wird Sie teuer zu stehen kommen“, kreischte er, „ins Gefängnis wird man Sie stecken, dafür sorge ich! Diesmal sind Sie zu weit gegangen!“ Wie aus dem Boden gewachsen stand ich hinter dem Wüterich. „Ganz vorsichtig, mein Gutester! Herr Breschke ist unschuldig, das kann ich bezeugen.“ Gabelstein schluckte. „Sie haben ihn zur Tatzeit ja selbst gesehen – wollen Sie jetzt etwa gegenüber Dritten behaupten, er hätte mit Schnee geschmissen? Na?“ Breschke blitzte ihn triumphierend an. „Verleumdung, jawohl! Das lassen wir uns nicht gefallen!“ „Ich bin davon überzeugt“, fügte ich sanft hinzu, „dass kein Richter hier eine Bewährungsstrafe verhängen würde.“

„Sie müssen noch ein Stückchen“, nötigte Frau Breschke mir vom Butterkuchen auf. Heftiges, rhythmisches Krachen deutete an, dass Gabelstein seine Schaufel auf dem Kiesweg zertrümmerte. Der alte Herr prostete mir zu. „Auf die Nachbarschaft!“