Sie ist weg

13 01 2010

„Holen Sie sie mir her“, bellte Plössnitz ins Telefon, „tot oder lebendig! Ich kann jetzt nicht mehr länger auf sie warten! Ich brauche diese verdammte Unterschrift!“ Der Spitzenmanager war außer sich vor Wut. Es war doch immer dasselbe. Erst kauft man sich eine Regierung, und dann tanzen diese Leute nicht nach der Pfeife.

Dabei hatte sich die Lage in der Bundesrepublik binnen weniger Tage dramatisch verändert. Es gab nicht nur kein Streusalz mehr, so dass Tausende von Arbeitnehmern, zum größten Teil Betriebsräte, Alleinerziehende und chronisch Kranke, in Gefahr gerieten, wegen der Schneekatastrophe zu spät zum Arbeitsplatz zu erscheinen, so dass man ihnen zur Vorsicht fristlos kündigte. Auch einige Hotels wurden nicht ausreichend mit Frühstücksbrötchen beliefert. Die Liberalen schwitzten. Vorerst noch konnte der offizielle Vize die Abwesenheit der Kanzlerin überspielen; wo immer staatstragende Phrasen gesprochen werden mussten, war Guido Westerwelle bei Fuß. Man nahm es für eine Humoreske, als er bei einer Podiumsdiskussion im Landkreis Ostprignitz-Ruppin die Frage nach der Renovierung der Siegessäule Hakenberg mit dem klaren Bekenntnis zu Steuererleichterungen für Apotheker beantwortete.

Der CSU-Grande Horst Seehofer gab sich doch gemessener; er rief dazu auf, eine gemeinsame Lösung zu finden. Sogar Wirtschaftsweise rätselten, ob Angela Merkel überhaupt noch im Lande sei. Manch einer hatte seit Stunden kein Lebenszeichen von ihr gehabt, andere erinnerten sich nicht, seit den triumphalen Erdrutschverlusten anlässlich der Bundestagswahl etwas Sinnvolles von ihr gehört zu haben. Der Kompass des politischen Geschehens blieb weiterhin verschollen.

Bei einem Festakt zur Schließung der Städtischen Leihbücherei von Rottweil rief der Außenminister auf, die Leistungsträger nicht durch überzogenes Anspruchsdenken zu vergrämen. Auch Bilanzen hätten eine Seele, auf der man nicht herumtrampeln dürfe. Genau hier rächte es sich, dass Westerwelle bei einem Besuch im Jemen Englisch zu sprechen versucht hatte. Der Chefkorrespondent des tadschikischen Fernsehens hatte die Lautäußerungen zunächst für Anzeichen von Brechreiz gehalten, wurde dann aber von den Ordnungskräften darüber aufgeklärt, dass es sich hier um den deutschen Staatschef handle.

Bayerns Riesenstaatsmann Seehofer verteidigte inzwischen den Koalitionsvertrag. „Mal sind wir liberal“, so der ehemalige Ernährungsminister, „mal sind wir konservativ, mal sind wir christlich-sozial.“ Alle sollten sehen, dass die Unionsparteien in vorbildlicher Geschlossenheit stünden.

Währenddessen irrten Suchtrupps verzweifelt durch das Regierungsviertel. Keine Spur von Merkel. Sie hatte nicht einmal wie weiland Helmut Kohl schriftliche Nachrichten hinterlassen, falls sie während einer längeren Pause des Aussitzens von der Bildfläche verschwinden müsse.

Natürlich nahm man es dem Chefliberalen übel, dass er die Abschaltung der Straßenbeleuchtung in Neustadt an der Weinstraße als solidarisches Opfer für die deutsche Versicherungswirtschaft feierte. „Deutschland wird von der Mitte aus regiert“, schrie der Stellvertreter, „von einer Koalition der Mitte. Und die Ränder haben in dieser Republik nichts zu sagen.“ Die Eliten begannen sich zu distanzieren.

Anlässlich der Insolvenz eines mittelständischen Unternehmens betonte Seehofer, Freiheit sei das Lebensgesetz unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft, es sei eine Freiheit in und zur Verantwortung. Die anwesenden Arbeitslosen nahmen das Versprechen, das Existenzminimum zu überdenken, gelassen hin; sie wussten, dass die Transferleistungen in Deutschland nicht viel mit dem Existenzminimum zu tun hatten. Die ersten Gerüchte kamen auf, die Kanzlerin sei der Schweinegrippe erlegen. Man munkelte, sie habe beim Anblick einer Lieferung neuer Hosenanzüge einen Nervenzusammenbruch erlitten. Roland Koch betonte, er wolle im Falle eines Staatsstreichs Teile des CDU-Präsidiums auf freiem Fuß lassen.

Jetzt rächte es sich, dass Westerwelle die Schlagzeile Deutschland: Präsident hält Kritiker für hirnverbrannt geschmeichelt aufgenommen hatte. Die Beziehungen zu Osteuropa kühlten sich erheblich ab. In einem letzten Akt von Verzweiflung kündigte der Außenminister an, eine Luxussteuer einzuführen, nur um sie hernach mit großem Brimborium wieder abschaffen zu können. Die Ukraine und Weißrussland verhielten sich abwartend, Polen und Bulgarien reagierten nicht. Kroatien hatte nicht bemerkt, dass es sich um eine außenpolitische Aussage handeln sollte. Der Vize fühlte sich mit letzter Kraft in seine Rolle ein; schließlich unterlief ihm doch ein kleiner Lapsus, indem er in einer Fernsehtalkshow die Gastgeberin mit Frau Merkel anredete.

Mit der Schließung der letzten badischen Müllkippe in Lörrach läutete Seehofer das neue Zeitalter ein; Blut, Schweiß sowie einen solidarisch von Arbeitnehmern wie auch Arbeitssuchenden zu tragenden Anteil an Tränen könne er dem Volk noch versprechen, der Rest sei eine Sache der sich am Horizont andeutenden übernächsten Bankenkrise.

Man fand Angela Merkel im Kellergeschoss des Kanzleramts, wo sie sich aus einer ausrangierten Couchgarnitur und einer Wolldecke eine Höhle gebaut hatte, in der sie mit einer Taschenlampe, dem Koalitionsvertrag und einer Dose Butterkekse hockte. Sie machte einen verwirrten Eindruck und wehrte sich heftig gegen die Eindringlinge. Kanzleramtsminister Pofalla musste mit Kratz- und Bisswunden in die Charité eingeliefert werden. Die Regierungschefin wurde notdürftig versorgt, in einen frischen Hosenanzug gesteckt und in den Presseraum gestoßen, wo die Reporter bereits ungeduldig warteten. Sie tastete sich bis zu den Mikrofonen vor. „Politik ohne Angst“, stammelte sie, „Politik mit Mut – das ist heute erneut gefragt.“