Die Fesselung

14 01 2010

Bevor der Wachmann die Gittertür aufschloss, war schon das Schlurfen der Plastiksandalen auf dem Betonboden des Hochsicherheitstraktes zu hören gewesen. Abdallah hatte eine frische Platzwunde am Jochbein. Er lächelte scheu. Ich schob ihm die Zigarettenschachtel über den Tisch. Es war früh am Nachmittag, doch die Luft war verbraucht. Das Atmen fiel mir schwer, hier in diesem Gefängnis.

„Sie haben das gehört? Das mit dem Sprengstoff in der Unterhose?“ „Allerdings“, bestätigte er und deutete auf sein Gesicht. „Man lässt es uns schon spüren, dass das Leben draußen weitergeht. Ein guter Seismograph, verstehen Sie? Weitaus besser, als ließen sie uns unzensierte Zeitungen lesen.“ „Sie werden geschlagen?“ Er zog ein wenig die Brauen in die Höhe. „Nicht doch. Das Personal gibt uns nur hin und wieder zu verstehen, dass Menschenrechte Luxus sind – und dass man in Deutschland mit Kostbarkeiten sparsam umzugehen weiß.“

„Man wirft Ihnen vor, Hassprediger zu sein?“ Er nickte. „Ich habe mich einmal dazu hinreißen lassen, Sympathie zu zeigen für mein eigenes Volk. Das verzeihen sie einem nie. Da zählen auch die Verbrechen nicht, die sie an uns begangen haben. Noch begehen. Und nicht damit aufhören.“ Er nahm eine weitere Zigarette aus der Schachtel. Die Kette zwischen seinen Handschellen verhakte sich an der Tischkante, doch ich konnte ihm nicht helfen; sie hatten mich vorsichtshalber an den Füßen gefesselt. „Man hat Ihnen sicher erklärt, dass das nötig ist, weil ich so gefährlich bin, nicht wahr?“ Ich nickte. „Die Fesselung geschähe nur zu meinem Schutz, sagte man mir.“ Er sah mich lange an. Seine Augen ruhten durchdringend auf meiner Stirn, als zielte er mit seinem Blick auf meinen Kopf. Ich fror.

Abdallah lehnte sich zurück. „Sie haben es nicht begriffen, nicht wahr? Nichts davon?“ „Was soll ich nicht begriffen haben?“ „Sie sind gefesselt. Sie sind das Opfer. Der Gefangene. Sie! Nicht ich.“ Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. „Sie haben nicht eine Schlacht verloren, sondern den Krieg, den Sie begonnen haben. Geben Sie es auf. Sie haben verloren.“ „Aber was reden Sie denn da“, begehrte ich auf, „ich habe nie gegen Sie Krieg geführt, nicht ich!“ „Nein, Sie nicht. Sie doch nicht, nicht Sie, nicht?“ Abdallah lächelte wieder. „Sie sind es nicht. Es sind – die. Diese anderen, ja? Zu denen Sie nicht gehören wollen?“ Er schwieg einen Augenblick. Atmete tief ein. Und begann sehr leise zu sprechen.

„Sie haben nicht in Somalia unsere Fischgründe zerstört. Sie haben nicht die Machthaber in Saudi-Arabien geschmiert, die Menschen aufhängen und verstümmeln. Sie haben nicht der machtgierigen Clique in Dubai Aktien abgekauft, damit sie mit Menschenblut überflüssige Wolkenkratzer aus dem Wüstensand stampft. Sie haben nicht die Waffen unserer Feinde geliefert, sie haben diese Waffen nicht unseren Vätern geschenkt, um sie als Rebellen in Ihren Militärcamps auszubilden und sie danach gefangen zu nehmen, weil sie Terroristen seien. Sie nicht. Es waren immer die andere, die Öl wollten, Rendite, Grundbesitz. Es ist nie der Mensch. Es ist nicht der Baumwollpflücker Josiah Kutungu, dessen Vater als Salzwassersklave auf die Baumwollfelder von Virginia entführt wurde, es ist der Scheißnigger, dem der Plantagenbesitzer die Fresse einhaut, weil er der Dritte von links ist. Es ist nicht der Pferdehändler Moische Goldziher aus Memel, es ist der dreckige Jud, dem der SS-Offizier im Ghetto aus Langeweile eine Kugel in den Kopf jagt. Es sind nicht die irakischen Kinder, die die korrupten Söldner von Xe massakrieren, nur der Lärm stört sie, und sie lauschten so gerne dem Knattern ihrer Schnellfeuergewehre. Es ist nie der Mensch, es ist die Masse.“

Ich fühlte, wie die Kette langsam das Blut in meinen Fußgelenken abschnürte. Meine Beine wurden taub. Es beeindruckte ihn nicht. „Der Gierige verzeiht sich nicht den Selbsthass, den er empfindet, wenn ein Armer ihn erniedrigt, der ihn um ein Stück Brot anbettelt.“

Die Kette gab nicht nach. Was ich auch versuchte, ich konnte mich nicht bewegen. Die Knie begannen zu schmerzen. „Aber ich kann es doch nicht ändern“, schrie ich, „was soll ich denn tun?“ „Was Sie tun sollen?“ Ein feiner Spott hatte sich in seine Stimme gemischt. „Nichts sollen Sie tun. Sie können nichts mehr tun. Sehen Sie ein, dass Sie verloren haben! Sie sind am Ende!“ Rasend vor Wut versuchte ich, die Ketten abzustreifen, doch es war umsonst. Der Stuhl, auf den man mich gesetzt hatte, war fest am Boden verschraubt.

„Ich habe durchaus Mitleid mit Ihnen“, sagte Abdallah, „aber ich sehe auch, dass Sie sich selbst diese Lage gebracht haben. Sie dürfen von mir nicht erwarten, dass ich Sie befreie.“ „Was reden Sie denn da“, keuchte ich, „das ist doch Wahnsinn! Was reden Sie denn da!“ „Pardon“, antwortete er, „aber wir haben gewonnen. Sie sind ein Gefangener, genauer: Sie sind ein Sklave im eigenen Land, in Ihrer eigenen Gesellschaft, in Ihrem Staat. Sie werden belauscht, ausgespäht, behindert, verdummt und verdächtigt. Nicht ich. Sie werden von Geburt an wie Kriminelle behandelt, die man bloß noch nicht bei einer Straftat erwischt hat, denen man aber jedes Verbrechen zutraut – weil die Überwacher so von Grund auf verkommen sind, trauen sie auch Ihnen zu, so verroht und entmenscht zu handeln, wie es in ihrer Vorstellung aussieht. Man misstraut Ihnen. Es gibt nichts, das dieses Misstrauen zerstreuen könnte. Man nimmt Ihnen jede Würde, jede Privatheit, jeden Ansatz, wieder der Mensch zu sein, das Individuum, das Ebenbild Gottes, wie es Sie gelehrt wird – nackt sollen Sie sein, nackt wie das Stück Vieh auf dem Sklavenmarkt, dem man in die Zähne schaut und zwischen die Beine, und selbst diese Debatte ist doch nur der verlogene Schein, dass man viel gewichtigere Eingriffe in die Grundrechte, in die Menschenrechte hinter dieser Fassade abzieht, ELENA, INDECT, alles das, was Sie zu Nummern degradiert, zu Molekülen in einem Menschenbrei, in einer formlosen Masse ohne Antlitz.“ „Aufhören“, wimmerte ich, „hören Sie auf! Ich kann das nicht mehr hören!“ Doch er fuhr fort, ungerührt von meinem Schmerz. „Vor zwanzig Jahren hätte eine alte Dame ihr Wäschepaket noch an einer Bushaltestelle liegen lassen können, es hätte keinen gekümmert. Heute evakuiert man ein ganzes Viertel für einen herrenlosen Pappkarton, man treibt die Menschen zusammen wie die Schafe, alle werden verrückt, alle sind in Angst. Weil sie es so wollen. Sie wollen, dass Sie Angst haben, und warum? Man hat Knechte nach Dubai gelockt, für einen Hungerlohn die Prunkbauten der Emire zu errichten. Man hat sie nicht bezahlt, man hat sie nach Überstunden ohne Brot, ohne Wasser in die Wüste gefahren, in Ställe, in denen sie auf dem nackten Boden liegen mussten. Kein Tier hätte man so behandelt. Einige Arbeiter haben rebelliert. Sie wollten etwas zu essen. Die Aufseher haben andere genommen, andere! Sie haben die Unschuldigen einfach in die Tiefe geschmissen, fünfhundert Meter, damit die Hungernden sähen, was mit ihnen geschieht, wenn sie sich nicht willenlos für die Gierigen die Hände blutig schuften. Man nimmt einige von ihnen und schmeißt sie einfach weg. Und genau das machen sie mit Ihnen, weil Sie gierig sind – Sie sind der Abfall. Sie sind keine Menschen mehr. Sie, die Sie uns als Terroristen bezeichnen, weil wir im Land unserer Väter unser tägliches Brot verdienen und unsere Sprache sprechen wollen, Sie haben diesen Krieg angezettelt und verloren.“ Ich sank zusammen. Abdallah schlug hart mit den Handschellen auf den stählernen Tisch, das Zeichen, dass die Wächter die Tür aufschließen und ihn in seine Zelle zurückführen sollten. Die Ketten rasselten, als sie ihn losmachten. Ein letztes Mal drehte er sich um, als sie ihn in den Korridor stießen. „Friede sei mit Dir!“


Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: