Gernulf Olzheimer kommentiert (XL): Meetings

15 01 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manchmal ist Dienstag, manchmal auch schon Donnerstag, doch es ist selten später als halb elf und der Tag hat noch jede Menge Chancen, der absolute Tiefpunkt der gesamten, an sich schon beschissenen Woche zu werden. Eingepfercht in eine Herde Homo-sapiens-Parodien in erbärmlich anmutenden Polyesteranzugdarstellern und tussige Plappermäulchen, herausgefordert vom Versuch, Mumienaroma in den Kaffee zu schwiemeln, so stellt sich der Arbeitnehmer der letzten großen Herausforderung, die ihm das Leben vor dem Tod noch zu bieten hat: dem wöchentlichen Meeting.

Der Primatenzoo ist zusammengetrommelt, die letzte Torfnase betritt den Besprechungsraum eine halbe Sekunde, nachdem der Abteilungsleiter die Prämissen für den Komplettumbau des Konzerns heruntergehaspelt hat. Feine Sache, jetzt darf sich die Belegschaft den Laberflash gleich noch einmal reinziehen und bekommt dabei genug Gelegenheit, dem Nachzügler zuzusehen, wie er geistesabwesend seine Fingernägel säubert, mit Papierfliegern die Luftschlacht über dem Erzgebirge nachspielt und hinterher bekloppte Fragen stellt. Das vermittelt der Belegschaft das beruhigende Gefühl, dass ihre Arbeitsleistung sowieso für die Tonne ist, und motiviert sie ungeheuer, die folgende halbe Stunde in kataleptischer Starre zu verharren – abgesehen von dem Typen im moosgrünen Schlabberpulli.

Denn diese Hilfsbrezel, von Beruf Gabelzähler der Amtskantine, ist im Gegensatz zu den Staub ansetzenden Ölgötzen, die durch beharrliches Schweigen billiges Abstimmfutter für jegliche Wahl darstellen, und muss es genau wissen. Während um ihn herum nur das Geräusch leise flatternder Lungenflügel mit dem hektischen Sirren einer Fruchtfliege an der Kaffeetasse des Meetingleiters konkurriert – ab und an wird die Belegschaft durch die Folgen obstruktiven Schnarchens spontan einem Erneuerungsprozess unterzogen – klemmt diese Zeitbremse mit wahrhaft philosophischer Schärfe einen bunten Strauß behämmerter Fragen zwischen die Argumente. Ob unter einer Büroklammer auch wirklich eine Büroklammer zu verstehen sei, nicht etwa ein Brillenkaiman oder eine Backform. Wie der Anweisung, die Fenster zum Hof durchgehend geschlossen zu halten, technisch zu begegnen sei. Wann genau mit dem Eintreten der Datumsangabe Samstag zu rechnen wäre. Die Entsorgung dieser primitiven Lebensform böte ausschließlich Vorteile für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter, führt aber regelmäßig zu Gewaltexzessen und hinterlässt nachhaltige Schäden an der Inneneinrichtung.

Obzwar die Riege der Intelligenzallergiker den Besprechungszeitrahmen bis auf das Vierfache aufbläht, ist sie nur halb so erfolgreich wie der in der Ecke festgewachsene Flachdachscheitelträger mit dem braungrauen Altherrenoberhemd, der die geistige Obdachlosigkeit repräsentiert. Jeder Versuch, die im Zuge der Sitzung angerissenen Probleme einer einvernehmlichen Lösung zuzuführen, wird von der Law-and-Order-Nulpe mit dem Hinweis auf Komplexität und Länge der Tagesordnung niedergeplärrt. Kreative Potenziale walzt der Kamerad mit dem IQ von Dosenblech aus dem Stand platt, sein sturer Bürokratismus lässt ihn leistungsfähig erscheinen. In Wahrheit ist er die Blaupause zur Herstellung von Monosynaptikern und so fortschrittstauglich wie eine am Boden festgeschweißte Kohlenschütte.

Und während die Ritter der Schwafelrunde sich um die ermüdende Frage kümmern, ob zum Kick-Off eine multimediale Präsentation die Awareness des Consumers für die neue Markenwelt mit positiven Ansätzen zielorientiert aufladen könnte, um die Bestände der Produktlinie linear abzubauen (Klartext: ein abgehalftertes Schlagergerät trötet auf allen Kanälen gleichzeitig den Unfalltod seines bröckelnden Nachruhms heraus und sondert dabei einen grenzdebilen Text ab, damit das Prekariat eine klebsüße Magensaft-Mango-Plörre in der Literpulle kauft), hocken die Gewinner der ganzen Chose vor den Plätzchentellern, mümmeln Heidesand mit Schokoladenüberzug und spielen an ihren neuen digitalen Endgeräten, denn der Chef, jüngeres Baujahr, aber intellektuell kurz vor der vorletzten Steinzeit gründlich falsch abgebogen, merkt nichts. Und so amüsiert sich die letzte Reihe wie seinerzeit auf der Penne königlich unterhalb der Tischkante, guckt im Internet auf einer der zahlreichen Video-Plattformen Pamela Andersons Brustwarzen beim Mutieren zu, twittert zwischendurch noch ein bisschen nach draußen, dass der Abteilungsleiter unter multiplen Fehlschaltungen leidet und seine Umwelt daran teilnehmen lässt, und schaltet schon mal ganz geschmeidig auf aktuelle Abendplanung bei Facebook um, damit Freund Langeweile keine Chance hat. Spätestens dann, wenn der nervende Zwangsneurotiker dazwischenquarrt und wissen will, ob eine Banane eine Banane im Sinne einer Banane ist, wenn Schüsse krachen und einer der schnorchelnden Pennbrüder aufs Laminat möllert, interessiert es sowieso kein Schwein mehr, warum die ganze Mannschaft ohne Tageslicht, Sauerstoff und Verstand hier hockt – Woche für Woche.