Der Karnevalsprinz

18 01 2010

„Geistig-politische Wende! Geistig-politisch! Mein Gott, auf so einen Blödsinn muss man doch erst mal kommen! Geistig-politische Wende!“ „Ja, jetzt haben wir’s ja alle begriffen. Können Sie nicht mal von etwas anderem reden?“ „Geistig-politisch, es ist ja nicht zu glauben – dieser Mann hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun!“ „Jetzt ist aber mal gut, Sie sind…“ „Geistig-politisch, das kann doch nicht wahr sein! Wenn’s wenigstens geistig-moralisch wäre, aber so?“ „Weil für ihn Moral ein Fremdwort ist. Glauben Sie, Sie erzählen mir etwas Neues? Ich bin auch seit dreißig Jahren in der FDP.“

„Aber ich bitte Sie, dieses Staatsverständnis…“ „Das, was unser Parteichef dekadent nennt, wenn der Staat als solcher sich noch zu existieren traut? Ja, ich weiß. Von Verfassungsrecht hat er so viel Ahnung wie die Merkel vom Regieren.“ „Der Mann hat doch von Wirtschaft keine Ahnung, das ist es doch!“ „Weil er sein Mantra von der Steuersenkung herunterbetet, bis es keiner mehr hören kann?“ „Das ist doch Humbug, das funktioniert genauso wenig wie ein Kettenbrief.“ „Wem sagen Sie das. Dafür hat er ganz andere Sachen innerhalb kurzer Zeit hingekriegt.“ „Nämlich?“ „Er hat die politische Idee des Liberalismus in ein paar Monaten zu einer Farce verkommen lassen. Man könnte das Gefühl bekommen, hier sei ein verkappter Rechtsradikaler am Werk gewesen.“ „Jetzt lassen Sie doch diese albernen Vergleiche!“ „Warum? So simpel, wie dieses Weltbild zusammengezimmert ist?“ „Da haben Sie allerdings auch wieder Recht.“

„Wenn ich die Merkel wäre, wissen Sie, was ich machen würde?“ „Sich in den Hintern beißen?“ „Quatsch, ich würde mich freuen.“ „Freuen? Über diesen Karnevalsprinzen?“ „Und ob. Sie muss ihren Vize bis zur nächsten Bundestagswahl erledigen, um wieder ordentlich mit der SPD regieren zu können – außerdem braucht sie einen Sündenbock für die verpatzte Steuerpolitik.“ „Und warum freut sie sich dann jetzt schon?“ „Weil Westerwelle die FDP schon ganz am Anfang der Legislatur zum Blitzableiter aufbaut. Besser kann’s doch für sie gar nicht laufen.“ „Weil sie jetzt den keynesianischen Quark abziehen, für den man heutzutage als Volkswirtschaftler im ersten Semester ausgelacht wird?“ „Vorwiegend, weil sie eine unverhohlene Versorgungspolitik für ihre Klientel und ein paar beschäftigungslose Bundeskader betreiben.“ „Niebel?“ „Ich dachte da eher an die Pöstchen für die Staatssekretäre, die nur deswegen nicht überflüssig wurden, weil man einigen fachfremden Parteisoldaten damit hübsche Pensionsansprüche zuschustern konnte.“ „Während Westerwelle vorher die zugegebenermaßen hirnrissige Abwrackprämie als Lobbypflästerchen kritisiert hatte.“ „Sie meinen, weil er vor der Wahl nicht ausdrücklich angekündigt hatte, dass man zur Entlastung von Erben und Hoteliers die Sozialleistungen kürzen muss.“ „Sie meinen, er will das?“ „In seinem Kopf ist das logisch. Wir sind zum Glück im Freien.“

„Aber sagen Sie mal, das mit Polen habe ich nicht verstanden.“ „Dabei ist das doch einfach. Er rächt sich dafür, dass man ihn seit Jahren nicht ans Ruder gelassen hat.“ „Er markiert den großen Max? Sagen Sie mal, ist der Mann von der Pappkatze gefallen? Das eigene Volk zu verhöhnen?“ „Dass Sie das wundert – unsere neue Familienministerin hat es doch lang und breit gepredigt: der unterste Dreckrand des gesellschaftlichen Abschaums weist mittlerweile antideutsche Tendenzen auf.“

„Gut, mittlerweile habe ich es auch verstanden. Er formt die Partei nach seinem Ebenbild: protzig, arrogant und dümmlich.“ „Das ist aber nicht das Problem.“ „Sie meinen, er sei in Wirklichkeit klug und demontiert den Liberallaladen jetzt schon, weil die Wähler bis 2013 sein Gefasel längst verdrängt haben und ihm 25% für neue Steuersenkungen geben?“ „Unsinn, sie spielen falsch, aber auf Zeit. Jetzt sind sie bei 10% und das fünfte Rad am Wagen, bald sind sie wieder auf die normalen 7% zurückgeschrumpft. Aber das ist nicht das Problem. Das ist überhaupt nicht das Problem.“ „Und was ist dann das Problem?“ „Er ist kein Karnevalsprinz. Er ist Don Carlos.“

„Das müssen Sie mir jetzt aber echt erklären. Warum der? Das war doch diese Freiheitsstatue?“ „Falsch. Das hat sich Schiller zusammengereimt, weil er ein Feind seines Vaters war.“ „Was hatte denn Schillers Vater…“ „Von Philipp II. natürlich. Ansonsten war er ein Kotzbrocken.“ „Wie, ein Kotzbrocken?“ „Ein elender Feigling dazu. Und ein verzogenes Rotzgör, das nicht einsehen will, wann man erwachsen werden und sich der Verantwortung stellen muss. Er benimmt sich noch immer wie ein Pubertierender und will auf Biegen und Brechen das durchsetzen, was er sich damals, vor elf Jahren, vorgenommen hat. Dass sich die Welt seit dem Ende von Kohl verändert hat, das bemerkt er nicht.“

„Gut, jetzt nehmen wir einmal an, der Wähler wacht irgendwann auf.“ „Das glauben Sie doch wohl selbst nicht.“ „Aber wenn sich die Krise nicht bessert?“ „Dann sind die Gewerkschaften Schuld oder die Opposition.“ „Aber Sie und ich, wir als Liberale, wir können uns doch jetzt nicht vier Jahre lang anschauen, wie dieser unbelehrbare Gernegroß unsere Partei zu einer Lachnummer macht und Deutschland auf internationalem Parkett Schaden zufügt mit seiner herrischen Art.“ „Es sind ja bloß vier Jahre.“ „Bloß vier Jahre? Aber eben sagten Sie doch noch, der Wähler habe danach alles wieder vergessen?“ „Es besteht einige Hoffnung.“ „Als da wäre?“ „Dass die Vertriebenen ihn auch in vier Jahren noch hassen.“