Sieben Prozent

20 01 2010

Die Wogen schlugen hoch. Das Thomas-Dehler-Haus schien in seinen Grundfesten zu vibrieren – ernsthafte Erschütterung gestanden die Liberalen sich noch nicht zu. Die würde, wenn überhaupt, erst nach einer Krisensitzung des Bundesvorstandes in Erscheinung treten, wenn nicht der Vorstand auf der Krisensitzung beschließen würde, dass es auch fürderhin keine Krise gäbe.

Anlässlich einer Hoteleröffnung war es zu einer folgenschweren Panne gekommen; gerade eben noch hatte die Parteispitze die Runderneuerung der Fiskalpolitik gefordert, da verplapperte sich der Generalsekretär. Christian Lindner konnte gerade noch mitteilen, die Spende des Baron von Finck sei keinesfalls verschleiert worden, da erlitt er auch schon eine argumentative Materialermüdung. Die Karawane tagte weiter. Der Finanzkreis der im Deutschen Bundestag vertretenen Geldanlagepartei beschloss, weiterhin das Übel der öffentlich-privaten Partnerschaften aus der geistig-politischen Umgebung auszumerzen; nicht privates Kapital zum alleinigen Wohle unseres geliebten Staates zu mobilisieren sei Ziel der Freiheitlichen, sondern der umgekehrte Weg.

Hinter vorgehaltener Hand erzählte man bei der Zusammenkunft mit der Gesandtschaft Polnischer Geflügelzüchter, Guido Westerwelle habe einen Tobsuchtsanfall bekommen. „1,1 Millionen“, so solle der Spaßmobilist gebrüllt und auf den Tisch gehämmert haben, „das ist doch keine Summe! Das ist doch Dumping! Verfluchte Scheiße noch mal, wir sind hier doch nicht im Prekariat!“ Weiteres war nicht in Erfahrung zu bringen. Die Stellvertreter schoben die entsprechenden Beteuerungen nach, der Partei fehle nichts. Die Freidemokraten seien nach wie vor in bestechender Form.

Der folgenden Sonntagsfrage gelang etwas Außergewöhnliches: sie verwirrte selbst die Demoskopen. Es gab plötzlich keinen einzigen FDP-Wähler mehr. Eine Expertenkommission befand, der letzte Nazi sei am 8. Mai 1945 spätabends durch eine Verwechslung ums Leben gekommen, seither gehe in Deutschland alles mit rechten Dingen zu. Trotzdem verteidigte man die Stärkung von Freiheit und Verantwortung des Einzelnen. Noch immer sei es vorrangiges Ziel der Wirtschaftspolitik, durch Steuersenkungen die Kaufkraft zu erhöhen, beispielsweise die Kaufkraft der Hotelbranche um sieben Prozent.

Es verwunderte, dass polnische Hafermastgänse so früh vor der Weihnachtssaison komplett von der Mehrwertsteuer ausgenommen werden sollten. Die Liberalen mussten dafür harsche Kritik einstecken, aber im Einstecken waren sie schon immer groß. Beweise für den Zusammenhang zwischen Parteispenden und politischen Entscheidungen gab es indes nicht.

Das Kanzleramt dementierte scharf, Norbert Röttgen habe bereits den Atomkraftwerksbetreibern seine Aufwartung gemacht.

Am Rande einer Kneipentour mit dem Interessenverband deutscher Getränkehersteller zur Deregulierung des Alkopopsteuergesetzes – namentlich die Geschmacksrichtung Erdbeere hatte es Westerwelle sehr angetan – zeigten sich gut informierte Kreise sehr skeptisch, dass im Falle einer personellen Erosion Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich in höhere Staatsämter aufrücken würde. Man habe den Schatzmeister vorsorglich aus der Schusslinie gehalten.

Alles lief wie geschmiert. Während einer weiteren, gut gelaunt verlaufenden Krisensitzung gab der Vorsitzende bekannt, dass die FDP weiter hoch im Kurs stehe. Alle, so Westerwelle, seien käuflich; der Unterschied bestehe eben darin, dass manche niemand haben wolle. Zur Sanierung der nationalen Wirtschaft regte der Club der besser Verdienenden an, zu sieben Prozent Mehrwertsteuer Island zu kaufen und die deutschen Staatsschulden outzusourcen; zusammen mit der neuen nicht bürgerlich, aber rechten Regierungskoalition könne man einen konzertierten Neustart wagen.

Allenfalls in Hinblick auf die sieben Prozent, die der große Lobbyist nun unter den Schuhsohlen trug, kam Panik auf. Vor der nächsten Wahl müsse man ihm die Treter ausziehen, raunte das Präsidium, notfalls mit Gewalt.

Beim Neujahrsempfang in Düsseldorf machte sich der Chef der Freidenker überraschend für die Elite der Bonibezieher stark. Man könne nicht immer nur an diejenigen denken, die Leistungen des Staates erhielten, so Guido Westerwelle, man müsse endlich auch an diejenigen denken, die den Karren zögen. Ergriffenes Schluchzen dankte ihm den emotionalen Ausbruch. In einem der ganz seltenen Momente gelebten Deutschtums entrang sich der Brust des Außenministers ein flammender Appell an seine Landsleute: „Deutsche, hinterzieht deutsche Steuern!“ Der Saal lag sich in den Armen.

Für Ernüchterung sorgte die blassgelbe Plörre, die tags darauf in die Läden gelangte. Von Erdbeeraroma konnte keine Rede sein, ein flaues Gesöff dümpelte da in den Flaschen, nicht süß und nicht sauer, faulig und verdorben, eine dünne Plempe, die der Eitelkeit spottete und in seltsamem Kontrast stand zum dicktuerischen Design am Flaschenbauch – F.D.Pop prangte prahlend auf dem Etikett. Man kündigte an, die volle Härte des Rechts anzuwenden gegen die verleumderische Brause, die geeignet schien, das Ansehen der Freien Demokraten zu schädigen, da es ein widerliches Gesöff und dem menschlichen Genuss nicht zumutbar sei. Dies, befand das Gericht, sei durchaus richtig beobachtet, und ließ die Spülwasser zu. Es läge, am Inhalt ersichtlich, kein Etikettenschwindel vor: sieben Prozent.


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6 responses

20 01 2010
Morla

Also mir wäre es dann schon lieber, die würden unter fünf Prozent rutschen.

Das meine ich aus blankem Selbstschutz: Wäre der „Club der Freidenker“ endlich weg vom Fenster, müsste ich nicht mehr permanent aufheulen, wenn eine(r) von denen in öffentlichen Debatten das Wort ergreift (Stichwort: Bundestag – erst Merkel (unerträglich!) und dann noch diese Frau (!) Homburg, wird sie , glaube ich, genannt. Dazu noch Frau „Staatssekret“ Pieper!

OMG, was machen die aus uns? Dabei dachte ich immer, wir Frauen sind dafür da diese Welt erträglicher zu machen.

20 01 2010
bee

Ach, ich erinnere mich noch recht gut an Thomas Ebermann, der in einer Bonner Runde unserem Außenklaus, der liberalen Kinkelpause, erklärte, wofür denn F.D.P., damals noch mit Punkten, eigentlich stünde: fast drei Prozent 😈

Solange es noch eine Hildegard Hamm-Brücher gibt, gibt es auch noch vernünftigen Liberalismus in Deutschland. Und gut, dass sie dem Club nicht mehr angehört.

20 01 2010
Morla

So ist es, verehrter bee – und, im Alter wird man klug – siehe die verehrte Frau Hildegard.

Nur – bei den vorher genannten Damen dauert es mir zu lange, bis die mal geläutert sind.

20 01 2010
bee

Ich glaube da ehrlicherweise nicht an irgendeine geschlechtsspezifische Ausprägung von charakterlichen Qualitäten, dazu habe ich auch in zu vielen Fällen bei Juristinnen, Unternehmensberaterinnen, Kommunalpolitikerinnen usw. genau dieselbe Mischung aus gewissenloser Geld- und Machtgier, Rücksichtslosigkeit und moralischer Verkommenheit erlebt, die auch Männer auszeichnet. Der Mensch bleibt sich gleich.

Und ich glaube auch nicht an Lernfähigkeit. Wer nach unten tritt, um nach oben zu gelangen, wird sich oben erst recht nicht ändern.

20 01 2010
Morla

Ja, das mag aus Ihrer Sicht schon richtig sein, mir geht es eigentlich mehr um meine Sicht auf meine Geschlechtsgenossinnen.

Es geht nicht um charakterliche Qualitäten, die wie immer dem männlichen Geschlecht angekreidet werden. Mir fehlen bei diesen „Volksvertreterinnen“ Intellekt, Selbstreflexion und Humor (sprich: Selbstironie). Denn hätten sie diese drei Eigenschaften könnten sie sich selbst in Frage stellen – und damit wäre dann „mein“ Problem gelöst.

Denn, die Fähigkeit sich selbst zuzusehen bei diesen Absurditäten, verlangt schon „Größe“ – und die wiederum würde ihnen signalisieren, dass sie fehl am Platze sind.

20 01 2010
bee

Das wäre ja, als verlangte man von der Kaiserin ohne Kleider, sich vor den Spiegel zu stellen – welche Nackte täte das schon freiwillig?

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