Strichmännchen

21 01 2010

„Aber nicht doch! Sie brauchen sich da überhaupt keine Gedanken zu machen, es ist alles absolut sicher. Außerdem wissen Sie doch so gut wie ich, dass jetzt kein Weg mehr daran vorbei führt. Sie werden Nacktscanner einführen. Ob Sie es nun wollen oder nicht.

Was weiß denn ich, wie Sie das der Öffentlichkeit erklären sollen. Es ist mir, ehrlich gesagt, völlig egal. Es ist Ihr Job, Herr Minister, nicht meiner. Ja und? Dann hätten Sie eben nicht auf den Stuhl steigen müssen. Was bilden Sie sich ein? dass einer wie Sie in Deutschland etwas zu sagen hätte? Mir kommen ja gleich die Tränen… Und? was: und? Soll das jetzt ein Pokerspiel werden? Ich glaube, Sie haben immer noch nicht kapiert, wer hier am Drücker ist. Sie jedenfalls nicht, mein Freund. Und wieso Alptraum? Wollten Sie nicht immer den totalen Krieg? Papperlapapp, totaler Krieg, totale Sicherheit, das sind doch Nuancen. Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen um Worte zu streiten. Zumal ich auch nicht wüsste, warum ich mich mit Ihnen überhaupt noch abgeben sollte, Herr Minister.

Dann nennen Sie’s halt Erpressung. Wir nennen es transparente legalisierte Korruption. Sie wollten, dass wir unsere Sicherheitsprodukte exklusiv auf dem deutschen Markt verkaufen, und Sie haben uns damals großzügig mit Geldern für die Forschung unterstützt. Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen, Herr Minister, wir sind durchaus nicht undankbar, aber die Preise… was heißt denn hier Erpressung? Ich höre immer: Erpressung? Herr Minister, die Preise steigen. Ihre Maßstäbe an die Verfassung sind ja auch, sagen wir mal: erodiert.

Weil wir ja auch von etwas leben müssen. Wir verkaufen Sicherheitstechnik, Sie verkaufen Angst. So einfach ist das. Und wenn Sie nicht spuren, dann werden wir ganz einfach… Sie? Sie uns? Mein Gutester, werden Sie mir nicht witzig. Das kann ich so gar nicht vertragen. Auffliegen lassen? Herr Minister, Sie sind ein kleiner Spaßvogel! Sie uns auffliegen lassen? Gott, Sie sind ja putzig… Aber jetzt mal im Klartext: wenn Sie hier eine dicke Lippe riskieren wollen, dann wird es drei Dutzend Zwischenfälle pro Tag geben, und zwar bis auf weiteres. Dann sind Sie erledigt. Sie werden auf Knien zu uns gerutscht kommen, um uns unsere Sicherheitstechnik abzukaufen.

Späßchen? Herr Minister, Sie haben eine lange Leitung. Erstaunlich lang, wenn Sie wissen, was ich meine. Wie war das mit der Sauerland-Gruppe? oder die illegalen Sprengstoff-Importe aus… Glauben Sie denn, wir machen hier nur Karneval und das Bundeskriminalamt darf zugucken? Wenn Sie wollen, dass der gesamte deutsche Flugverkehr bis heute Mittag komplett lahmgelegt ist, sagen Sie einfach Bescheid. Mit drei Todesopfern? fünf oder sieben oder zwanzig? Wir arbeiten sehr präzise. Ich brauche nur einmal auf ein paar Knöpfe zu drücken. Der Rest läuft hier ganz generalstabsmäßig ab.

Durchaus nicht, mir ist klar, dass Nacktscanner das Problem nicht lösen. Wir könnten Ihnen auch einen Haufen bunt angemalter Pappkartons liefern, und Sie lassen dann die Passagiere im Flughafen alle davor einen Striptease hinlegen. Das kümmert mich nicht im Geringsten. Aber Sie haben nun mal seinerzeit den technologischen Determinismus in alle Himmel gehoben – dumm, wenn man selbst beschränkt ist, Herr Minister, und sich dann mit bornierten Idioten umgibt. Nicht mein Fehler. Sie fühlten sich halt unter Ihresgleichen wohler. Deshalb mussten Sie die Nacktscanner ja auch erst so vehement ablehnen, weil man im Zeitalter des Massentourismus Reihenuntersuchungen niemals durchführen könnte, und dann ohne Rücksicht auf die Realität fordern, weil man gerade im Zeitalter des Massentourismus Reihenuntersuchungen auf Biegen und Brechen durchführen müsse, ganz gleich, ob man Ergebnisse erhalte und die eventuell erhaltenen Ergebnisse überhaupt verwerten könne.

Ich bitte Sie… käuflich? Heutzutage ist doch alles käuflich. Fragen Sie Ihren Koalitionspartner.

Aber ja, das weiß ich. Ein paar Trottel aus dem Sicherheitsdienst, die ein Blatt Papier nicht richtig herum halten konnten. Unterbezahlt, schusselig, Amerikaner – die Liga hat einen Fehler gemacht, die anderen dürfen es büßen.

Weil es nicht um die moralische Vertretbarkeit geht, sondern um einen Paradigmenwechsel der Moral, Herr Minister. Menschenwürde, Freiheit, Bürgerrechte, das sind Floskeln für Sie, richtig? Sie brauchen sich nicht zu beschweren, Herr Minister. Sie selbst haben sie abgeschafft. Machen Sie nicht mich dafür verantwortlich. Machen Sie sich selbst dafür verantwortlich, Sie haben die Verantwortung ja schon übernommen für die Raumkrümmung in der Moral – es ist erlaubt, alle Menschenrechte zu brechen, um selbst verfasstes Recht durchzusetzen.

Na, mir kann das alles egal sein. Machen Sie, wie Sie wollen. Dann setzen wir Ihnen halt jeden Freitag einen Neger in die Maschine nach JFK, in spätestens sechs Wochen werden Sie mit dem restlichen Bundeskabinett in orangefarbenen Säcken durch Camp Delta kriechen, Herr Minister. Schamgefühl wäre da fehl am Platze, verstehen Sie? Man muss ziemlich tough sein, um das zu überstehen. Tougher als Sie, wenn Sie mich fragen.

Also 932 Scanner, stille Reserve inklusive? Sie unterschreiben hier, Herr Minister. Wenn Sie zur Kenntnis nehmen, dass sich die Preise seit dem Kostenvoranschlag verdreifacht haben, danke. Sagen Sie einfach, die Opposition sei Schuld. Hätte die SPD nicht so abgebaut, wäre Ihr korrupter Haufen gar nicht an die Macht gelangt.“